FORMEL E: DER HECKFLÜGEL WAR GESTERN

Der neue Formel-E-Renner, der ab der nächsten Saison zum Einsatz kommt, sorgt technisch und optisch für Begeisterung.

Mit dem neuen Rennwagen mit 25 Prozent mehr Leistung und fast doppelt so viel Batteriekapazität erreicht die Formel E 2018 neue Sphären. Auch punkto Design setzt das «Batmobil» (s. Text unten) neue Massstäbe. Mit geschlossenen Radkästen, einem Heck ohne Flügel und einem mit LEDs bestückten Halo-Bogen fallen die Stromer auf. So auch bei Toto Wolff. Der Motorsportchef von Mercedes ist begeistert vom «Gen 2»-Auto, schliesslich wird auch sein Unternehmen in rund anderthalb Jahren ­– zum Start der sechsten Saison Ende 2019 – mit genau diesem Fahrzeug ins Rennen gehen. «Es sieht einfach fantastisch aus», sagt Wolff in einem Interview auf der eigenen Unternehmensseite. «Wir sprechen hier von einem völlig neuen Konzept und ich freue mich darauf, meinen eigenen Horizont mit dieser neuen Serie ein bisschen zu erweitern. Wir freuen uns unheimlich darauf, in die Formel E zu kommen.»

Wie mit dem Staubsauger

Vollständig verkleidete Räder, das Halo-Sicherheitssystem und der fehlende Heckflügel machen den 300 km/h schnellen SRT_05e zum wohl futuristischsten Renner der Gegenwart. Vorab der fehlende Heckflügel, der durch einen Monsterdiffusor ersetzt wurde, ist eine Extravaganz par excellence. Schliesslich generiert ein traditionelles Formelfahrzeug einen Grossteil seines Abtriebs über den Heckspoiler. Allein, ein in den Wind gestellter Flügel sorgt für mehr Anpressdruck und Grip auf der Hinterachse – allerdings gleichzeitig auch für mehr Luftwiderstand. Letzteres macht das  Auto auf Geraden langsamer. Durch den Wegfall eines breiten Heckflügels umgeht die Elektro­serie ab sofort das Problem des Luftwiderstands.

Möglich macht das die Entdeckung des italienischen Physikers Giovanni Battista Venturi, nach dem auch das Formel-E-Team von Maro Engel und Edoardo Mortara benannt ist. Venturis Experimente ergaben zum Ende des 18. Jahrhunderts eine einfache Regel: Wenn eine Flüssigkeit oder ein Gas durch ein Rohr fliesst, dann ist die Durchflussgeschwindigkeit dort am grössten, wo das Rohr am engsten ist. Venturi konnte zudem nachweisen, was in der berühmten Bernoulli-Gleichung 60 Jahre zuvor vorhergesagt wurde: Dort, wo die Strömung schneller ist, ist der Druck kleiner. Unter einem Formel-E-Auto passiert genau das: Die Luft fliesst im Bereich zwischen dem Asphalt und dem Unterboden des Fahrzeugs schneller als über dem Auto. Gleichermassen ist der Luftdruck hier kleiner als in der Atmosphäre. Durch den Diffusor erreicht die Luft ihre Höchstgeschwindigkeit und geringsten Druck. Dieser Unterdruck saugt das Auto am Diffusor regelrecht auf den Boden (wie ein Staubsauger), und zwar mit der gleichen Kraft wie ein Heckflügel – nur eben ohne Luftwiderstand.

Trotzdem ein Flügel

Gleichwohl haben sich die Designer des neuen Formel-E-Bombers nicht gänzlich vom Konzept des Flügels verabschiedet. Neben dem Frontflügel wachen über den Hinterrädern weiterhin zwei kleine Flügelkaskaden, die an die Turmflügel auf den Seitenkästen der späten 1990er-Formel-1-Autos erinnern. Die Flügelchen, die damals unter anderem unter dem Namen «X-Wings» bekannt wurden, sorgten für zusätzlichen Abtrieb, wurden aber nach nur einem Jahr wegen Sicherheitsbedenken von der FIA verboten. Die «X-Wings» der Formel E sind allerdings deutlich weiter hinten befestigt und in ihrem Winkel verstellbar, ähnlich wie die Flaps am Frontflügel. Dadurch sorgen sie für zusätzliche Stabilität, ohne die Sicherheit der Fahrer zu gefährden. Mit dieser Lösung, die sogar das vielkritisierte Halo-System stylisch integriert, sind die Formel-E-Boliden für die technologisch wegweisende fünfte Formel-E-Saison bestens gewappnet.

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