Die Strasse in den Wolken

TRANSFAGARASAN Schon die Cracks von «Top Gear» kamen ob der spektakulären Gebirgsstrasse quer durch die rumänischen Karpaten ins Schwärmen. Doch was steckt wirklich hinter der legendären Route?

Ganz nüchtern berichtet, ist die Transfogarascher Hochstrasse eine Gebirgsstrasse im Herzen Rumäniens, welche das Arges-Tal in der Grossen Walachei mit dem Olt-Tal in Siebenbürgen – besser bekannt als das mystische Transsilvanien – verbindet und dabei das Fagaras-Gebirge, eine Gebirgsgruppe in den Südkarpaten, überquert.

 

Ein Erbe aus der Diktatur
Die Transfagarasan, erbaut 1970 bis 1974 auf Anordnung des Diktators Nicolae Ceausescu als Reaktion auf die Invasion der Sowjetunion in die Tschechoslowakei 1968, ist Teil der rund 150 Kilometer langen, in Nord- Süd-Richtung verlaufenden Nationalstrasse 7C, welche im Norden bei Cartiosara (Oberkerz) im Kreis Sibiu (Hermanstadt) beginnt und im Süden in Bascov im Kreis Arges, sieben Kilometer nordwestlich von Pitesti en det – dort wo bekanntlich Dacia seine Autos baut (s. AR 38/2018). Die zwischen 90 und 117 Kilometer lange Hochstrasse (man ist sich da nicht ganz einig) sollte dem Militär eine schnelle Überquerung des Fagaras-Gebirges ermöglichen und einfacher zu verteidigen sein als bestehende Strassen durch die Transsilvanischen Alpen. Beim Bau kamen viele der mit solchen Arbeiten in Höhen bis über 2000 m ü. M. unerfahrenen Soldaten unter anderem bei Sprengunfällen ums Leben (offiziell seien es 40 gewesen, inoffiziell spricht man von Hunderten), und so ist die Transfagarasan bis heute als «Ceausescus Verrücktheit» bekannt. Der höchste Abschnitt über den 2042 m ü. M. hohen Balea-Pass, wo man im 887 m langen Balea-Tunnel (höchstgelegener und längster Tunnel Rumäniens) den 2398 m ü. M. hohen Paltinu unterquert, ist aufgrund heftiger Schneefälle und Lawinengefahr nur zwischen dem 30. Juni und 1. November geöffnet und selbst während dieser Zeit oftmals nicht durchgehend befahrbar.

 

Spektakulär!
Die Transfagarasan gilt als eine der schönsten Strassen der Welt und ist somit wie gemacht fürs Autofahren. Haarnadelkurven wechseln sich ab mit langen, weitläufigen Biegungen, steile Anstiege werden zu Gefällen, Serpentinen führen zu Geraden, und es gibt mehr Tunnel, Brücken (830 oder 833, je nach Quelle) sowie Viadukte (27 oder 28) als irgendwo sonst in Rumänien. Weil im Balea-Tal, dem nördlichen Anstieg zum höchsten Punkt der Route, gelegentlich tiefhängende Wolken die Sicht behindern, wird die Transfogarascher Hochstrasse auch als «Strasse in den Wolken» bezeichnet. Nebst dem fahrerischen Leckerbissen gibt es zu beiden Seiten der Route zudem zahlreiche spektakuläre Highlights, natürliche und von Menschen gemachte: etwa den 60 Meter hohen Balea-Wasserfall – die grösste gestufte Kaskade des Landes – und den Balea-See. Er liegt am höchsten Punkt der Strasse und besteht aus Gletscherschmelzwasser, dessen Temperatur selbst im Hochsommer kaum über drei Grad Celsius steigt. In den Wintermonaten erreicht man per Seilbahn vom Balea- See aus das erste Eishotel Osteuropas. Es wird seit 2006 jedes Jahr aus dem kristallklaren Eis des benachbarten Sees aufgebaut. Keine Reise nach Transsilvanien ohne Erwähnung der Burg Poenari, die hoch auf einer Felskante neben dem südlichen Strassenabschnitt in der Nähe des Dorfes Arefu thront. Auf der uneinnehmbaren Festung hauste der als Pfähler (Rumänisch: Tepes) bekannte Vlad III. (1431– 1476), der Bram Stoker als Inspiration für den nicht weniger blutrünstigen Grafen Dracula diente. Blutrünstige Vampire trifft man auf der Transfagarasan heute wohl keine (mehr) an, aber Schafherden mit ihren Hütehunden, Esel und Ziegen, aber auch Wildtiere wie Rehe, Hirsche und sogar Bären können einen hinter jeder Kurve der verwinkelten Täler und Schluchten der schönsten Gebirgsstrasse der Welt überraschen. Augen auf – aus Vorsicht, aber auch für den Genuss der beispiellosen Schönheit dieses Fleckchens Erde!


Passschleicher

Die Transfagarasan scheint den Rumänen fahrerisch Rätsel aufzugeben. Automobilisten jeden Alters, vom fetten X6 aus München, über die unvermeidliche Dacia-Palette bis zum Klapper-Trabi aus Ostblockzeiten, schleichen wie Fahrschüler über die Gebirgsstrasse. Und vor jeder noch so unproblematischen Kurve, welche schon im Grundsatz kaum je mit mehr als 40 km/h durchzittert wird, treten die Einheimischen nochmals beherzt aufs Bremspedal – selbstredend ohne Kontrollblick in den Rückspiegel. Oberhalb von 32 km/h müssen auf der Karpatenstrasse wohl Vampire lauern … Wir haben keine gesehen, leider! Allerdings vergällt einem auch kein einziger Holländer mit Wohnwagen die Fahrfreude, und die wenigen lokal beheimateten Schleicher sind meist rasch in den Rückspiegel verbannt. – Sicherheitslinien? Welche Sicherheitslinien?


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