Die schnellste Frau der Schweiz

Jndia Erbacher Die Rennkarriere der schnellsten Frau der Schweiz, der Baselbieterin Jndia Erbacher, nimmt immer stärker Fahrt auf. Die Drag-Race-Pilotin unterbot in der Königsklasse Top Fuel erstmals die magische Vier-Sekunden-Marke und fuhr damit zum zweiten Mal in ihrer noch jungen Karriere aufs Podest.

Beim Gespräch im väterlichen Betrieb von Erbacher Custom Bikes Switzerland in Arlesheim BL inmitten von vielen Harley Davidson-, Victory- und Indian-Töffs wirkt die 24-jährige Dragster-Pilotin keineswegs gestresst, vielmehr relaxed, bestens informiert, dazu technisch versiert und redegewandt, ohne dabei ihren Attila, einen jungen Mop-Rüden, aus den Augen zu verlieren. „Mein Hobby und mein Ruhepol“, gibt die besonnene Jndia Erbacher zu Protokoll. Obwohl sie der Schreibende mit vielen Fragen löchert, nimmt sie diese Fragestunde äusserst gelassen. Die Interviews mit Medienschaffenden, Rede und Antwort zu stehen, dies alles ist ihr nach den letzten Erfolgen nicht mehr fremd.

Baby Jndia auf dem Rennplatz
Den Rennsport hat Jndia Erbacher wohl in den Genen. „Schon als drei Wochen altes Baby war ich bei den Rennen dabei!“ An der Seite ihres Vaters, des sechsfachen Europameisters Urs Erbacher, und inmitten der Crew des Rennteams erlernte sie später die Sportart Dragster von der Pike auf. Bis zum Abschluss der obligatorischen Schulzeit war sie für die Tempomonster Feuer und Flamme. Doch zwischen ihrem 16. und 18. Lebensjahr wollte Jndia nichts mehr von ohrenbetäubenden Motoren und qualmenden Reifen wissen. Statt 10 000 PS genügte ihr eine Pferdestärke: die ihres Pferdes Cobolt, mit welchem sie an offiziellen Springkonkurrenzen teilnahm. Mit 20 Jahren sandte sie aber ein SMS an den Vater: „Ich will auch Top-Fuel-Dragster fahren“. Doch so einfach geht das nicht. Um die Lizenz des Autoweltverbandes FIA für die Top-Fuel-Dragster zu erlangen, muss vorerst eine Saison in der kleinen Klasse, der A-Fuel, absolviert werden. Die hat zwar nur rund 5000 PS, ist aber trotzdem in 1.2 Sekunden von 0 auf 100 km/h. In der Zwischenzeit hat es Jndia Erbacher geschafft, an die Erfolge ihres Vaters anzuknüpfen. Mittlerweile gehört sie zum Quintett der weltweit aktiven Top-Fuel- Dragster-Pilotinnen. Wie funktioniert Dragster? Ob A-Fuel, Top Fuel, Funny Car oder Drag Bikes: Dragstersport heisst Beschleunigungsrennen mit Rennwagen und Motorrädern. Die Top Fuel haben einen rund acht Meter langen Radstand, der Motor sitzt hinter dem Fahrer und als Brennstoff kommt Nitromethan zum Einsatz, ein Flüssigsprengstoff. Die Chassis kommen vorwiegend aus den USA, der Hubraum der konventionellen Achtzylinder- Viertaktmotoren ist auf 8193.5 cm. (500 Kubikzoll) begrenzt. Die klassische Renndistanz betr.gt meist eine Viertelmeile (402.34 m). Bei den Top-Fuel-Klassen wurde die Renndistanz nach einem t.dlichen Unfall 2008 auf 1000 Fuss (304.8 m) verkürzt, nicht zuletzt, um Schäden an Motoren und Reifen zu verringern und um eine etwas längere Auslaufstrecke zu haben. Der Weltrekord steht übrigens bei 3.62 Sekunden. Jeweils zwei dieser 10 000-PS-Monster mit extrem breiten hinteren Antriebsrädern treten auf dem Drag Strip im K.O.-System gegeneinander an. „Das Bild vom irren Ritt auf einer Kanonenkugel trifft schon zu, aber entscheidend an der Sache ist der Start“, sagt Jndia Erbacher. Auf der 1000-Fuss- Strecke schnell zu sein, ist essenziell, aber ein verpatzter Start ist oft schon gleichbedeutend mit einer Niederlage.

 

Drag Race ist Teamsport
Obwohl oder gerade weil nach vier Sekunden alles vorbei ist, „braucht es neben einer guten Reaktionszeit viel Mut, richtig Gas zu geben“. Mit dem sechsfachen der Erdbeschleunigung werden die Männer und Frauen am Steuer in den Sitz gepresst und Sekunden später mittels zweier Fallschirme gebremst. Angst ist fehl am Platz, ein gewisser Respekt ist jedoch nötig. Mit einem Fünfpunkte-Sicherheitsgurt angeschnallt, in einem kleinen Überrollkäfig mit Titanblechhaube gut gesichert, mit feuerfestem Rennanzug, Helm und dem Nackenschutz Hans (Head and Neck Support) katapultiert sich Speed-Junkie Jndia Erbacher nur in eine Richtung: vorwärts, bis zu 550 km/h schnell. Zwar packt sie immer auch selbst mit an, versorgt die Bremsfallschirme im Heck, füllt Nitromethan in den Tank. Doch ohne die aktuell 13-köpfige Crew geht es nicht. Nach jedem Lauf wird der Motor zerlegt, kontrolliert und werden schadhafte Teile wie Lager, Pleuel oder Kolben ausgetauscht. Dies schaffen die Helfer, welche allesamt Ferien und Freizeit opfern, um in der Königsklasse des Drag-Racing dabei zu sein, in gerade mal einer Stunde. Mit dem Drag- Virus kann man sich rasch anstecken, denn Drag- Racing ist Motorsport der Superlative.

Unter vier Sekunden
Wenig hat gefehlt und Jndia Erbacher hätte beim Debüt in der Klasse Top Fuel gewonnen. Anlässlich der Nitrolympx in Hockenheim vermasselte ihr 2017 einzig die Defekthexe den Tagessieg vor 42 000 Zuschauern. Anfang September 2018 bewies sie zum Saisonabschluss der European-Drag-Racing- Meisterschaften erneut Nervenstärke und stiess bis in den Final vor. Zuvor gab es im Viertelfinal für das Erbacher Racing Team abermals ein Vater-Tochter-Duell, das Jndia dank besserer Streckenzeit deutlich für sich entschied. Zudem fuhr sie mit 3.992 Sekunden erstmals eine Zeit mit einer Drei vor dem Komma. Im Halbfinal eliminierte Jndia Erbacher den Finnen Antti Horto, ehe dann im Final der aktuell schnellsten Frauen im europäischen Drag-Racing-Zirkus die erfahrenere Anita Mäkelä (FIN) das bessere Ende für sich behielt. Jndia Erbacher hat im Dragster-Sport definitiv Fuss gefasst, und die Baselbieterin ist ein sicheres Versprechen für die Zukunft. Dementsprechend hoch steckt sie ihre Ziele: „Ich will im Ursprungsland des Drag Racing, den USA, Rennen fahren und damit Geld verdienen!“

Autor: Heinz Heim

 


Papa Erbacher tritt zurück

In Santa Pod (GB) gab Urs Erbacher seinen offiziellen Rücktritt vom Wettkampfsport bekannt, bei Showrennen wird er jedoch weiterhin kräftig Gas geben. Mit sechs Europameistertiteln, davon drei in der Königsklasse, avancierte der heute 57-jährige Baselbieter zu einem der erfolgreichsten Motorsportler der Schweiz. Als Manager seiner Tochter Jndia und als Chef des gleichnamigen Rennteams bleibt er jedoch der Dragsterszene weiterhin erhalten. Die Season End Party steigt am 1. Dezember 2018, ab 16 Uhr, in der Erbacher Racing GmbH, Talstrasse 82, 4144 Arlesheim BL. HH


 

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