Angriff auf die obere Mittelklasse von Renault

MODELLPFLEGE Renault spendiert dem Talisman neue Motoren und hofft damit in einem Segment, dass von den Franzosen lange vernachlässigt wurde, endlich wieder Fuss zu fassen. Davon profitiert auch der populäre Espace.

Den Talismann gibt es jetzt als Benziner leistungsmässig aufgepeppt.

An welche Marken denken Sie, wenn sie den Begriff obere Mittelklasse sehen? Vermutlich allen voran an deutsche Hersteller. Dann vielleicht an Volvo, Maserati, Lexus. Und wie steht es mit Renault? Wahrscheinlich spielen die Franzosen nicht wirklich die erste Geige bei Ihren Überlegungen. Unterstützen könnte diese Vermutung die Immatrikulationsstatistik der neuen Personenwagen in der Schweiz. Die Mercedes E-Klasse, der BMW 5er und der Audi A6 haben in diesem Segment klar die Nase vorn. Der Volvo S90 folgt mit Abstand. Der Renault Talisman wurde letztes Jahr lediglich 535-mal zugelassen – Tendenz sinkend. Diesem Trend versuchten die Franzosen unlängst mit der Vorstellung neuer Aggregate entgegenzuwirken. Die Affiche war klar: Mehr Leistung und die Einhaltung der Abgasnorm Euro 6d-Temp. Die neuen Renaults – insbesondere der Talisman in den beiden Topversionen S-Edition (ab 46 600 Fr.) und Initiale Paris (ab 47 100 Fr., Limousine) – sollen vermehrt Spass machen, egal ob in der drohenden Sperrzone, dem Berufsverkehr, auf dem Familienausflug oder der Passstrasse. Damit reagieren die Franzosen unter anderem auf den kürzlich vorgestellten Landsmann Peugeot 508 GT.

Stärker als der Vorgänger
Der aktuelle – und neuerdings einzige – Benziner (TCe 225 EDC PF) leistet 225 PS und 300 Nm. Damit übertrumpft der 1.8-Liter-Turbo-Vierzylinder, der ebenfalls im Mégane RS und der neuen Alpine A110 zum Einsatz kommt, seinen um 0.2 Liter kleineren Vorgänger um 25 PS und 40 Nm. Noch nicht bestimmt ist, wann die neuentwickelten Blue-dCi- Selbstzünder verfügbar sind. Derzeit ist der Talisman lediglich mit den bisherigen Dieselmotoren erhältlich. Die neuen Selbstzünder sind aktuell dem Espace exklusiv vorbehalten. Dort leisten sie 160 PS und 360 Nm (1.6 l) respektive 200 PS und 400 Nm (2.0 l). Drehmomentbedingt kommt der Espace mit einem Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe, also mit einer Getriebestufe weniger als der Talisman.

Bislang nur im Espace erhältlich der neue Diesel mit 200 PS.

Stimmiges Gesamtpaket
In Sachen Design, Haptik und Ausstattungstiefe machte Renault in jüngster Vergangenheit eine gute Figur. 2015 wurde der Talisman in Paris gar zum schönsten Auto des Jahres gewählt. In der Version Initiale Paris serienmässige Features wie die Sitzbelüftung, Massagesitze und das feingriffige Nappaleder treffen auf technische Raffinessen wie den vollautonomen Parkpiloten oder die eigentlich der Oberklasse vorbehaltene Allradlenkung (4 Control). In Verbindung mit den neuen, agileren Motoren soll so das Gesamtpaket geschnürt werden, welches der Markt verlangt. Ob dem so ist, zeigt die Testroute rund um das Château de Pontarmé bei Paris, die sich als perfektes Gefilde für den als viertürige Limousine oder fünftürigen Kombi (Grandtour) erhältlichen Talisman offenbart. Die Vierradlenkung vermittelt in engen Gassen das Gefühl, in einem viel kompakteren Fahrzeug zu sitzen. Das elektronisch gesteuerte Fahrwerk ist komfortabel, aber nicht zu lasch abgestimmt und stets Herr der nicht immer optimalen Strassenbedingungen. Das Doppelkupplungsgetriebe verrichtet sowohl im Stadtverkehr als auch auf der Landstrasse unaufgeregt seinen Dienst – solange man als Fahrmodus nicht Sport wählt.

Perfekter Familientransport
Gleiches gilt für den Espace, obschon dort der Sportmodus zu Makulatur verkommt. Denn der 4.85 Meter lange, 2.1 Meter breite und 1.8 Tonnen schwere Siebensitzer erinnert stets daran, dass in der dritten Sitzreihe die Schwiegermutter möglicherweise mit an Bord sein könnte. Bereits beim forschen Herausbeschleunigen aus einem Kreisverkehr beginnt die nach wie vor ihresgleichen suchende Grossraumlimousine ziemlich schnell, über alle vier Räder zu schieben. Im ersten Moment schade, denn die grundsätzliche Agilität und Stärke der Selbstzünder animieren zu mehr. Bedenkt man, wozu der Espace konzipiert wurde, verfliegt die leise aufkommende Kritik ähnlich schnell, wie das adaptive Fahrwerk regelt. Der Espace ist ein souveräner Gleiter, der den Familientransport perfektioniert. Durch das gigantische Platzangebot und die einfache Beherrschbarkeit hat die Mutter samt Kinderwagen beim Wocheneinkauf keine Probleme, einen Parkplatz zu finden. Ebenso zaubert der Espace, der auch mit dem Top-Benziner aus dem Talisman zu haben ist, dem Vater durch die durchzugsstarken, meist leise im Hintergrund werkelnden Vierzylinder immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Damit genug der Klischees. Und sowieso: Wieso muss eigentlich jedes Fahrzeug sportlich sein?

Obere Mittelklasse Gediegener Familienwagen mit Sportfähigkeit.

Einziger mit Allradantrieb
Ähnlich dachten wohl die Ingenieure, als sie beim Koleos ans Werk gingen. Während andere SUVs auf dicke Hose machen, konzentriert er sich aufs Wesentliche und bekommt deshalb auch keinen neuen Motor, dafür ein anderes Getriebe. Auf Handarbeit wird künftig verzichtet, das serienmässige X-Tronic-Getriebe findet nun selbständig den passenden Gang. Im direkten Vergleich fährt sich der Zweiliter-Dieselmotor etwas unruhiger – was am CVT-Getriebe liegen könnte –, beweist mit 177 PS und 380 Nm allerdings für den Alltag ausreichend Langatmigkeit. Dafür kommt der Koleos als Einziger mit optionalem Allradantrieb und lässt in Verbindung mit seiner Bodenfreiheit (210 mm) und den gut bemessenen Böschungs- sowie Rampenwinkeln erahnen, dass er auch geländetauglich ist.

Obere Mittelklasse eben
Zurück zum Talisman: Man kann Renault zugute halten, dass sich das Fahrverhalten in den serienmässig fünf wählbaren Fahrmodi (Multi- Sense) auch wirklich spürbar ändert. Auf den überwiegend langegezogenen Kurven der ländlichen Teststrecke neigt der Sportmodus durch hektische Schaltvorgänge und das überdirekte Ansprechverhalten jedoch zur Nervosität. Damit man die durchaus vorhandene sportliche Ader des Talismans hervorkitzeln kann, braucht es schon enge Spitzkehren mit schnellen Lastwechseln. Dann lässt er durch den Allradantrieb auch mal das Heck zucken. Fronttrieblerlike besteht dennoch eher die Tendenz – wenn auch erstaunlich spät – zum Untersteuern. Selbst in solchen Situationen bleibt der Talisman indes gutmütig und einfach zu kontrollieren. Krawall machen sollen andere, obwohl er mit einer Beschleunigungszeit von 7.5 Sekunden bis Tempo 100 durchaus die Berechtigung dazu hätte. Damit platziert sich der neue Talisman irgendwo zwischen Wolf im Schafspelz und entspanntem Dienstwagen – obere Mittelklasse eben, wenn auch mit einem klaren finanziellen Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

 

Text: Cedric Heer

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