Verborgene Schönheit

PIRELLI-KALENDER: Selber viele Jahre international als Model im Geschäft macht sich die Autorin Gedanken zu zwei ausgewählten Bildern aus dem neusten Kultkalender.

Pirelli – ein bekannter Name. Und doch erstaunt er jedes Jahr aufs Neue: dann, wenn der vom Reifenhersteller in Auftrag gegebene Kalender erscheint. Jüngst war es wieder soweit: in der Samsung Hall in Dübendorf ZH wurde der legendäre Kalender einer geladenen Auswahl von Gästen vorgestellt. Der nun bereits seit 65 Jahren erscheinende Fotokalender lässt jeweils neueste Einblicke zu – nicht nur in die Welt der Erotikfotografie. Dieses Jahr war der weltberühmte britische Mode- und Porträtfotograf Albert Watson dafür verpflichtet worden. Für den Kalender lichtete er Gigi Hadid, Laetitia Casta, Julia Garner und Misty Copeland. Er liess sie in ganz unterschiedliche Rollen schlüpfen und begleitete sie auf ihrem Weg zum Erfolg in sinnlichen Momenten des Träumens. Träume scheinen dabei nicht nur für Watson, sondern auch für Pirelli wichtige Stationen auf dem Weg zum Erfolg zu sein – was uns nicht zuletzt das Motto des Kalenders verrät: Dreaming.

Copeland als Tänzerin
Eines der Bilder (gr. Bild unten) zeigt die US-amerikanische Balletttänzerin Misty Copeland. Für den Kalender schlüpft sie in die Rolle einer – noch unbekannten – Tänzerin, die vom grossen Erfolg in Paris träumt. Abgebildet in einem weissen, leicht durchsichtigen Badeanzug, können wir nur erahnen, was sich darunter verbirgt. Und doch lässt er genug Durchsicht zu, um unsere Fantasie anzuregen. Das Wasser umgibt sie, die Augen hat sie geschlossen – sie scheint sich unbeobachtet zu fühlen, gibt sich ganz ihren Gedanken und Träumen hin. Die Arme ausgebreitet, die Beine überkreuzt, deutet auch die Pose auf eine weit weniger offensichtliche Erotik hin. Das Bild lässt dem Betrachter viel Raum für Fantasie, nicht nur was die Rundungen angeht. Auch ihre genauen Träume und Wünsche lassen sich nur erahnen.

Hinter der Fassade
Das offensichtliche Zurschaustellen von Kurven und nackter Haut weicht einer veränderten Bildsprache: weniger das Oberflächliche, Evidente scheint den Fotografen Albert Watson zu interessieren als vielmehr die Schönheit, die unter der Oberfläche liegt und unter die Haut geht. Und so gestaltete sich interessanterweise auch die Schweizer Erstpräsentation des Kalenders in Dübendorf: Weniger der Kalender selbst stand im Mittelpunkt – er glänzte durch Abwesenheit – als vielmehr dessen Entstehung. Bilder und Momente des Makingof wurden gezeigt und damit exklusive Einblicke hinter die Kulissen gegeben. Fast konnte der Eindruck entstehen, dass es nicht so sehr um das Produkt, den Kalender, selbst ging. Doch um was dann? Sollten die Klangschalen-Sphärenklänge, die den Anlass untermalten, darauf hindeuten?

Hadid als It-Girl
Auch das zweite Bild (gr. Bild unten) erweckt einen ähnlichen Eindruck. Wieder geht es dem Fotografen Watson weniger um die offensichtliche Darstellung von Kurven und nackter Haut als vielmehr um das Einfangen eines (sinnlichen) Momentes. Diesmal ist es Gigi Hadid, in der Rolle eines reichen It-Girls. Wir sehen sie in einer verführerisch anmutenden Position auf dem Sofa. Sie trägt einen Body und darüber einen scheinbar seidenen Morgenmantel. Auch ihr Blick ist nicht der Kamera gewidmet, sondern der Ferne. Auch sie scheint ganz bei sich, wobei ihr Blick nachdenklich, wenn nicht gar melancholisch wirkt. Auch hier wird dem Betrachter Raum für Fantasie, eigene Träume und Gedanken gelassen. Auch sie scheint in diesem Augenblick niemandem gefallen zu wollen – sie ist nur mit ihren Träumen und Wünschen beschäftigt.

Fingerspitzengefühl
So zeigt der Kalender Stationen auf dem Weg zum Erfolg ganz unterschiedlicher Frauen. Erotik zeigt sich dabei nicht nur als das Oberflächlich-Offensichtliche, sondern greift tiefer. Dem Fotografen Albert Watson gelingt es, einen Moment der Vertrautheit und Intimität einzufangen und nicht zuletzt zu erschaffen. Dies ist eine nicht ganz einfache Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Gleichzeitig zeigt er dabei auf ganz eigene Art und Weise, dass Erotik nicht beim Oberflächlichen stehen zu bleiben braucht. Deckt der Fotograf Albert Watson hier vielleicht für Pirelli ganz eigene Träume auf? Das Offensichtlich- Oberflächliche macht Platz für die weniger offensichtlichen, die verborgenen Seiten der Schönheit.

Text: Petra von Gerr
Bilder: Prielli/Albert Watson

 

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