Spektakulärer Beweis

ZUKUNFTSWEISEND Tesla beweist mit dem Model 3 auf dem Rundkurs und der Langstrecke, dass der Elektropionier hält, was er verspricht.

During TESLA press presentation Model 3 at Paul Ricard, from May 14 to 15, 2019 - Photo Thomas Fenetre

Vollbremsung bei Tempo 220 auf der Rennstrecke. Das Heck wird spürbar leicht, aber keinesfalls unruhig. Das Ein­lenkverhalten ist präzis. Ebenso die be­rechenbare, deshalb aber nicht minder imposante Gasannahme. Damit lässt sich die Lage des Mo­del 3 am Kurvenausgang spielerisch steuern. Die Reifen quietschen, die Brembo-Bremsen feuern – dieses Auto macht jede Menge Spass. Szenenwechsel. Das Navi dirigiert uns zum nächstgelegenen Tesla-Supercharger. Dies nach über 400 gefahrenen Kilometern. Sanft schluckt das Fahrwerk beinahe jede Bodenwelle und manö­vriert sich dank des zuschaltbaren Autopiloten grösstenteils von allein. Das 15-Zoll-Tablet in der Mitte sorgt mit allerhand – mehr oder weniger sinnvollen – Features dafür, dass selbst die Lade­pause nie langweilig wird. Und informiert darüber, dass nach einer halben Stunde bis zu 350 Kilome­ter Reichweite verfügbar sind. Dem Model 3 ge­lingt der Spagat zwischen Komfort, Alltagstaug­lichkeit und Fahrspass erfrischend gut. Auf der Reise nach Le Castellet (F) zum Circuit Paul Ri­card zeigt der Kompakte den Weg in die Zukunft.

Zwei Versionen
Während das Model Long Range (ab 58 900 Fr.) auf eine maximale Reichweite von bis zu 560 Kilo­metern nach WLTP ausgelegt ist, protzt das Per­formance-Model (ab 69 700 Fr.) mit mehr Leistung,  höherer Höchstgeschwindigkeit und dem Track-Modus. Beide verfügen sie über zwei sepa­rate E-Motoren (knapp 640 Nm). Damit lässt sich die Drehmomentverteilung steuern und der varia­ble Allradantrieb ermöglichen. Ein 200 PS starker Asynchronmotor treibt in beiden Versionen per In­duktion die Vorderräder an. Ein Synchronmotor (Long Range 258 PS, Performance 287 PS) sitzt auf der Hinterachse und arbeitet mit Permanentmag­neten, die keinen Motorstrom brauchen. Der Vor­teil: Bei gemütlicher Fahrt genügt somit die Kraft des Heckmotors, was Energie spart. Während das Long-Range-Model auf 18- oder optional 19-Zöl­lern steht, ist die Topversion standardmässig mit 20-Zoll-Felgen und Michelin-PS4S-Reifen ausge­rüstet. Dazu gibt es eine Brembo-Bremsanlage, ei­nen Karbon-Heckspoiler sowie ein tiefergelegtes Fahrwerk und Leichtmetallpedale. Der Autopilot ist in beiden Versionen mit an Bord, wobei dieser sein volles Potenzial nur gegen einen Aufpreis von 6300 Franken ausschöpft.

Optisch unterscheiden sich die Versionen Long Range und Performance nur wenig. Merkmale der Performance-Version sind der Heckspoiler sowie die roten Bremssättel.

 Eine Überraschung
Genug der technischen Daten, diese folgen im de­taillierten Testbericht. Das, was das Model 3 wirk­lich ausmacht, sind – entgegen vieler Erwartungen – die Emotionen! Selten konnte ein Fahrzeug fahr­dynamisch derart überraschen und wurde gleich­zeitig so kontrovers diskutiert. Zwar kennt man die flotte Beschleunigung, das unmittelbar anliegende Drehmoment und den daraus resultierenden üppi­gen Durchzug von Elektroautos ebenso wie das baubedingt grosszügige Raumangebot und den da­mit verbundenen Fahrkomfort. Die Leichtigkeit je­doch, mit der das Model 3 diese Disziplinen mitei­nander verbindet, ist beeindruckend. Der Verstand kommt nicht mehr mit, wenn im französischen Hinterland Jagd auf einen Porsche GT3 RS ge­macht wird und dann nur wenige Minuten später ein Fahrradfahrer erschrickt, weil er einen beim ge­mütlichen Überholvorgang nicht gehört hat.Das Model 3 ist sowohl hardware- wie auch softwaretechnisch eine komplette Neuentwicklung und hat nur wenig mit seinen grösseren Konzern­brüdern zu tun. Wichtigste Neuerung: Der kom­pakte Tesla beherrscht nun nicht nur Längs-, son­dern auch Querbeschleunigung.

During TESLA press presentation Model 3 at Paul Ricard, from May 14 to 15, 2019 – Photo Thomas Fenetre

Einfacher Umgang
Tatsächlich ist es so, dass das Zusammenspiel von Antrieb, Fahrwerk und Lenkung anders als in der Vergangenheit derart gut abgestimmt ist, dass das Model 3 nicht nur auf der Landstrasse ein hervor­ragendes Bild abgibt. Dank der präzisen Lenkung und des guten Feedbacks lässt er sich wie auf Schienen um jede Ecke zirkeln. Fehlende Traktion scheint beinahe ein Fremdwort zu sein und wenn, dann zuckt höchstens beim zu forschen Herausbe­schleunigen kurz das Heck. Durch blosses Fusshe­ben kann dieses spielerisch eingefangen werden.Einziger Wermutstropfen ist das im Vergleich zur Konkurrenz noch immer verhältnismässig star­ke Aufwanken des Zweitönners. In Sachen Fahr­komfort ist dies einer der wenigen Kritikpunkte. Ansonsten schlagen sich beide Versionen in allen Lebenslagen überraschend souverän, was auch für das Aufladen gilt. Mit dem Model 3 erhält der CCS-Schnellladestecker Einzug in Europa. Durch die neueren 2170er-Akkuzellen von Panasonic und eine modernere Zellchemie sind am Tesla-Super­charger höhere Ladeströme von bis zu 150 kW möglich. Grundsätzlich kann das Model 3 auch an sogenannten Destination-Charging-Standorten, bei Drittanbietern oder zu Hause geladen werden. Eine Ladestation mit 11 kW Ladeleistung bringt das leergefahrenen Model 3 Long Range in 7.5 Stunden zu voller Reichweite.

During TESLA press presentation Model 3 at Paul Ricard, from May 14 to 15, 2019 – Photo Thomas Fenetre

Softwaretechnische Meisterleistung
Zum ernstzunehmenden Sportwagen-Jäger wird das Model 3 Performance im Track-Modus. Die­ser erlaubt das kontrollierte Herantasten an den Grenzbereich und ist gemäss Tesla nicht für die Strasse gedacht. Sämtliche Funktionen arbeiten natürlich auch im Normalbetrieb, nur eben weni­ger radikal. Torque-Vectoring erlaubt, die Fahr­zeugdrehung zu erhöhen und gleichzeitig die Sta­bilität zu verbessern. Gelangt vermehrt Drehmo­ment an die Hinterachse, dreht sich das Fahrzeug leichter. Umgekehrt vermindert ein erhöhtes Dreh­moment auf der Vorderachse das Drehverhalten. Die erhöhte Rekuperation verstärkt einerseits die absolute Verzögerung, andererseits wird es mög­lich, ähnlich wie auf einem Motorrad nur mithilfe des Gaspedals den Kurvenradius zu bestimmen. Da die präventive Kühlung des Antriebstran­ges verstärkt wurde, waren auch nach mehreren Rennrunden keinerlei Verluste der Antriebs- oder Bremskraft zu verzeichnen. Die spür- sowie hör­bar grösste Auffälligkeit ist die individuelle An­steuerung der Hochleistungsbremsen. Durch das sogenannte Brake-Firing wird situativ an allen vier Rädern gleichzeitig Brems- und Motordrehmo­ment aufgebracht, um die Zugkraft des kurvenin­neren Rades zu erhöhen. Dies hilft beim Drift, aber auch auf der Suche nach dem letzten Zehntel, da das Model 3 richtiggehend aus der Kurve zieht.

Abstriche bei der Verarbeitung
Insgesamt überzeugt das Model 3 mit seinem Ge­samtpaket. Tatsächlich gibt es nur wenige konven­tionelle Fahrzeuge in dieser Preisklasse, die sämt­liche Anforderungsprofile so gut miteinander ver­binden. Dass die Verarbeitung, beispielsweise im Kofferraum, der Premiumkonkurrenz teilweise hinterherhinkt, ist dem Pioniergeist geschuldet. Auch, dass wirklich alles (sogar das Handschuh­fach!) über das Tablet gesteuert werden muss. Die restliche Hardware ist praktikabel und zeigt bereits jetzt, wozu Tesla softwareseitig fähig ist. Dank Up­dates werden alle Tesla zudem ständig schlauer, si­cherer und noch leistungsstärker. Letztlich beweist das Model 3 vor allem zwei Dinge: Ein gewisses Mass an Planung vorausge­setzt, lässt sich die Elektromobilität uneinge­schränkt in den Alltag einbinden und ist dabei se­xy (die Modellbezeichnungen von Tesla lauten S, 3, X, Y) wie nie.

Der Tesla lässt sich am Destination-Charger, hier im Hôtel de France in Valence (F), laden.

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