Über Umwege zum Dach

Vielleicht gab es mehr von ihm, vielleicht ist dieser aber ein Fake: Die seltsame Geschichte des Sunbeam Harrington Tiger.

 Die AC Cobra war es, die den amerika­nischen Sunbeam-Importeur auf den Gedanken brachte: Er wollte mehr Po­wer für den Sunbeam Alpine. Das Mutterhaus von Sunbeam, die Rootes Group, bewilligte ein Budget von 10 000 Dollar – und wandte sich an Carroll Shelby. Der bastelte einen 4.3-Liter-Ford-V8 in einen Alpine, das Re­sultat wurde für gut befunden, nach England ge­schickt, wo Jensen die weitere Entwicklung und dann auch die Produktion übernahm. Über 6500 Exemplare des Sunbeam Tiger Mark I, der mit et­wa 165 PS nicht übermässig motorisiert war, wur­den gebaut und hauptsächlich in den USA ver­kauft. Es gab dann auch noch dem Mark II, der wurde vom gleichen 4.7-Liter-V8 angetrieben, der auch in der Cobra seinen Dienst tat, und mit min­destens 220 PS waren die Fahrleistungen des nur gerade 1150 Kilogramm schweren Tiger mehr als nur grossartig. 536 Stück entstanden vom Mark II.

 Fliessende Linien
Fastbacks waren in den 1960er-Jahren Mode. Und sie sind heute noch schön.

Harrington?
Nun aber: Harrington. Gegründet 1897 von Tho­mas Harrington in Brighton (GB), hatte sich der Betrieb früh schon auf Aufbauten für Nutzfahr­zeuge spezialisiert. Doch es entstanden schon in den 1920er- und 1930er-Jahren auch Karosserien etwa für Rolls-Royce, Bentley, Bugatti, Austro-­Daimler, Lagonda. Harrington verkaufte in den 1950er-Jahren auch Fahrzeuge der Rootes Group (Hillman, Humber, Singer, Sunbeam usw.). 1959 hatte Sunbeam den neuen Alpine auf den Markt gebracht, ein sehr hübscher Roadster, der ein biss­chen aussah wie ein kleiner Ford Thunderbird. Der Alpine lief gut, doch einige Kunden klagten, dass es den kleinen Sunbeam nicht mit festem Dach oder zumindest mit einem Hardtop gab. Die Nähe der Rootes-Gruppe zu Harrington führte Anfang 1960 dazu, dass der Coachbuilder den Auftrag er­hielt, die Alpine zu überdachen. Ron Humphries übernahm das Design, spannte ein Kunststoffdach über die hintere Sitzreihe und den Kofferraum; es entstand ein sehr hübsches Fliessheck-Coupé. Ein erster Prototyp war im Oktober 1960 fertig, ab 1962 gingen die Alpine Coupé in Serie.

Und jetzt sollen die beiden Geschichten zu­sammengebracht werden, die Harrington-Coupés zu den Tiger. Das begab sich so: 1964 fertigte die Pressed Steel in Cowley (GB) das Chassis für einen Tiger. Dieses wurde, wie immer, zu Jensen Motors in West Bromwich geschickt, wo das Fahrzeug mit Motor, Getriebe und Innenleben komplettiert wur­de. Nach einem Umweg über Hartwell Engines, wo der V8-Ford einen Upgrade erhielt, ging das Fahr­zeug dann zu Harrington – und wurde zu einem Coupé umgebaut. Kurz nach Neujahr 1965 kam es wieder zu Jensen, wurde lackiert (Midnight Blue, Farbcode 58), erhielt die Chassisnummer B9472164HROFE und verliess das Werk am 21. Ja­nuar 1965 wieder. Am 18. Mai wurde der Wagen erstmals zugelassen, DUU 550C, auf einen gewis­sen Paul Hickey, der für Harrington arbeitete. Da­nach verliert sich die Spur des Fahrzeugs bis 1978. Vielleicht ist das Fahrzeug, das wir hier zeigen, al­so gar nicht echt – vielleicht aber doch. Zuletzt wur­de dieses aussergewöhnliche Stück von RM Sotheby’s verschachert. Für 187 000 Dollar.

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