Hier entsteht der weltweit leistungsstärkste Vierzylinder

RÜSTUNGSWETTKAMPF Mit einer Leistung von 421 PS ist der neue Vierzylinder aus Affalterbach (D) der stärkste Serien-Vierer der Welt. Wir konnten den Motor unter die Lupe nehmen.

Die Hot Hatches – die Kompaktautos mit abgehobenen PS-Zahlen – liefern sich dieser Tage einen echten Rüstungswettkampf und schrauben die Leistung immer höher. Jüngstes Beispiel ist die neue A-Klas-se von AMG mit ihren verschiedenen Ablegern. Die «Automobil Revue» ging ihren kräftigen Her-zen auf den Grund. Wir mussten bis zur dritten Auflage der A-Klasse warten, bis der Einstiegs-Mercedes zu ei-nem AMG-Topmodell veredelt wurde. Jetzt wird die vierte Generation gar in drei statt wie bisher zwei Leistungsstufen angeboten: Zum A35 (306 PS) und dem schärferen A45 gesellt sich ein noch radikalerer Mercedes-AMG. Gemäss der neuen Modellpolitik der Affalterbacher wird der A45 als Normalo und als S-Modell aufgelegt. Natürlich übertrifft schon der erste seinen Vorgänger klar und protzt mit 381 PS. Dazu gesellt sich dann auch noch eine Überfliegervariante, die dazu auch noch mit der wirklich coolen internen Codebezeichnung M139 aufwartet.

«One man, one engine»
Auch wenn er lediglich zur Vierzylinder-Zunft zählt, ist der M139 ein gestandenes Produkt aus Affalterbach (D). Als solches unterliegt er dem etablierten Grundsatz der Tuningabteilung: «One man, one engine», Englisch für «ein Mann, ein Motor». Das bedeutet, dass ein Motorenbauer mit dem Zusammenbau eines Motors beauftragt ist. Und Mercedes begnügte sich nicht damit, dieses Konzept nur zu übernehmen, wie Emmerich Schiller, COO und Vorstandsmitglied von Mercedes-AMG, ausführte: «In der Planungsphase der Produktion für den M139 haben wir die Politik des ‹One man, one engine› grundlegend neu durch-dacht.» Das Ergebnis? «Die Entwicklung eines hochmodernen Produktionsablaufs, der das Leben unserer Arbeiter erleichtert», erklärte Schiller und meinte weiter: «Dazu schufen wir ein klares, geordnetes, präzises und sauberes Umfeld. Das sind die besten Bedingungen, um weiterhin das höchste Qualitätsniveau garantieren zu können, selbst wenn die Technologien immer komplexer werden.» Die neue Produktionsstrasse profitiert entsprechend von den jüngsten Erkenntnissen in Sachen Ergonomie, Handhabung und Effizienz. Ein Beispiel ist der Montageschlitten, auf dem der M139 durch die Produktion rollt. Dank einer unabhängigen Stromquelle braucht er keine Kabel nachzuschleppen. Flüssigkeiten und Arbeitsgeräte sind nach besten ergonomischen Prinzipien am Schlitten angebracht. Das macht nicht nur die Arbeit der Angestellten einfacher, sondern beschleunigt auch den Herstellungsprozess. Ein zweites Beispiel be-trifft das integrierte Computertablet, das den Arbeitern immer zum richtigen Zeitpunkt präzise und klar formulierte Anweisungen anzeigt. Das beste an der Geschichte: Was den Mercedes-Arbeitern hilft, zahlt sich auch unter der Motorhaube des A45 aus. Der Muskelprotz von einem Antrieb ist ein wahrhafter technischer Leckerbissen. Hier die Übersicht zu seinen Feinheiten.

Höchste Qualität dank zufriedener Techniker: Der M139 verfügt über eine neu gestaltete Produktionslinie.

Aufs Feinste abgestimmter Motor
Der neue Vierzylinder ist nach wie vor quer eingebaut, allerdings nicht in der gleichen Position wie bisher: Der M139 wurde um 180 Grad gedreht. Turbolader und Auspuffkanäle sind entsprechend auf der hinteren Seite, zwischen Stirnwand und Motorblock montiert. Logisch, dass die Einlassseite jetzt vorne liegt. Die neue Auslegung gab den Technikern aus Affalterbach die Gelegenheit, die Gaszufuhr und die Abgaskanäle zu optimieren. Dies drängte sich durch die Verwendung eines neu-en Twinscroll-Laders auf. Der für die Aufrüstung nötige Druckbringer verfügt unter anderem auch über Rollenlager auf der Turbinenachse, um die Rollwiderstände so gering wie möglich zu halten. Die Trägheitsmomente fallen geringer aus, der Turbo spricht schneller an. Das wiederum verbessert das Ansprechverhalten auf das Gaspedal und reduziert das Turboloch. Der Arbeitsdruck bei Voll-last wurde im neuen Motor auf 2.1 bar erhöht (in der Version S, die Normalversion bläst mit 1.9 bar). Neu ist auch ein spezielles Wastegate. Das elektronisch geregelte Ventil erlaubt eine präzisere Steuerung des Überdrucks, was sich vor allem bei Teil-last auszahlt. Die geschmiedete Stahlkurbelwelle wird durch geschmiedete Aluminiumkolben zum Rotieren gebracht, deren einzelne Sektoren hohe physikalische Widerstandskraft mit geringer Reibung kombinieren. Und wenn schon von der Reibung die Rede ist: Sie wurde in vielen Anwendungen durch die Nanoslide-Technologie bekämpft. Dieser Prozess, der den Oberflächen eine spiegelglatte Schicht verpasst, wurde von Mercedes entwickelt und patentiert. All diese Massnahmen führen dazu, dass der Drehzahlbegrenzer auf 7200/min kalibriert werden kann. Die zuverlässige Schmierung des Kurbelgehäuses wird selbst unter hohen Zentrifugalkräften durch eingegossene Finnen sichergestellt.

Stärkster Kompaktwagen
All die Optimierungsmassnahmen summieren sich zu einem atemberaubenden Datenblatt: Bereits der Standard-A45 produziert 387 PS (also 6 PS mehr als der Vorgänger), im A45 S schafft es die Maschine, die 400-PS-Marke zu pulverisieren (421 PS bei 6750/min). Der Bolide entreisst dem Audi RS3 (5 Zylinder, 400 PS) damit den Titel des stärksten Kompaktwagens auf dem Markt. Auch beim Drehmoment geht es vorwärts, von 475 auf 500 Nm (480 Nm für die Grundversion); die Kräfte stehen zwischen 5000 und 5250 Touren/min an (4750–5000/min im A45).
Die 421 PS bedeuten eine Literleistung von 210 PS. Mit dieser spezifischen Leistung überholt der M139 eine ganze Meute von Vollblutsportwagen. Kein Wunder, ist Mercedes-AMG-Chef Tobias Moers stolz: «Bereits mit dem Vorgängermotor (M133 – Red.) stellten wir den Referenzwert bei den Kompaktwagen auf. Wir waren es uns schuldig, mit dem neuen Vierzylinder noch einen Schritt weiter zu gehen. Der M139 ist ein Zeugnis für die Kompetenz von Mercedes-AMG. Die Literleistung für aufgeladene Motoren erreicht einen neuen Rekord, aber auch seine Effizienz zeigt klar, dass der Verbrennungsmotor noch unausgeschöpftes Potenzial hat.»


Künftig in allen Plattform-Ablegern

Der M139 kommt in der A-Klasse und künftig auch in all ihren Plattform-Ableitungen wie dem CLA und GLA zum Einsatz. Der Motor wird mit Allradantrieb und dem Speedshift-DCT (robotisiertes Doppelkupplungsgetriebe) mit acht Stufen kombiniert. Der Allradantrieb unterscheidet sich merklich von bisherigen Systemen, indem an der Hinterachse erstmals ein Kurven-Vectoring über eine zweite Differenzial-Kupplung vorgesehen wurde. Damit wurde notabene ein Drift-Modus möglich. Für den Sprint der Normalversion des A45 von 0 bis 100 km/h gibt Mercedes 4 Sekunden an, der S schafft ihn in 3.9 Sekunden).

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