Ewige Helden am Gurnigel

BERG-SM Seit 50 Jahren gehört das Bergrennen Gurnigel zur Schweizer Meisterschaft. Der Klassiker im Bernbiet kennt viele Helden – allen voran Fredy Amweg.

Das Bergrennen am Gurnigel ist über hundert Jahre alt, als nationaler Lauf wird es aber erst seit 1970 gewertet. 1910 war es, als der Berner Edmond von Ernst den Tagessieg mit einer Zeit von 7:27 Minuten holte. Danach war aber erst einmal für neun Jahre Pause, und nach 1930 verstummten die Motoren am Gurnigel für beinahe 40 Jahre! 1968 erlebt das Rennen eine Renaissance, bevor es 1970 Teil der Schweizer Meisterschaft wurde. An jenem 13. September wurde aber auch anderweitig ein grosses Stück Schweizer Motorsportgeschichte geschrieben. Peter Sauber, damals gerade 26, gewann am Gurnigel mit seinem ersten, selbstgebauten Rennwagen, dem C1, die Sportwagenklasse und sicherte sich damit auch den Schweizer Meistertitel in derselben Kategorie. Dieser Erfolg war ein früher Meilenstein in der Karriere des Zürcher Konstrukteurs: Im Mai zuvor hatte er seine Rennwagenschmiede, die PP Sauber AG, gegründet.
1970 hiess der erste Tagessieger am Gurnigel aber Roland Salomon: Für zwei Läufe brauchte der Berner in einem Formel 2 Tecno 68 Ford FVA 4:21.25 Minuten, die schnellere Laufzeit von 2:10.41 bedeutete Streckenrekord. Dabei marschierte Oberleutnant Salomon wegen eines WKs erst am Sonntagmorgen im Gantrischgebiet ein, weshalb er sein Pflichttraining verspätet am Renn-tag absolvieren musste. Salomons Rekordzeit ist längst überholt: Eric Berguerand, der sich den Bergtitel dieses Jahr kaum mehr wird entreissen lassen, brauchte 2018 gerade noch 1:39.81 Minuten für die 3.734 Kilometer lange Bergfahrt – über eine halbe Minute weniger! Sehr viel kürzer ist die Strecke im Lauf der Jahrzehnte nicht geworden. Nach ihrer genauen Vermessung ist sie nur 2011 im Zielbereich um 19 Meter verkürzt worden. We-gen der immerzu steigenden Tempi wurde der Auslauf mit den Jahren schlicht zu knapp.

Na, erkannt? Die Gurnigel-Sieger Fredy Amweg (l.) und Heinz Steiner in den 1970er-Jahren.

Die herausragende Amweg-Ära
Einer, der regelmässig in einen Geschwindigkeitsrausch verfiel, war Fredy Amweg. Der Aargauer ist am Gurnigel der Bergkönig schlechthin. Zwischen 1973 und 1998, also über eine Zeitspanne von 25 Jahren, holte sich Amweg zwanzigmal den Tagessieg! Im selben Vierteljahrhundert drückte er die Laufzeit elfmal: Seine erste Rekordfahrt 1973 in einem Brabham BT38 Ford BDA F2 wurde bei 2:03.63 Minuten gestoppt, was bescheiden war, denn im Training knackte Salomon in einem March 732-BMW als Erster am Gurnigel die Zwei-minutenmarke, blieb dem Rennen aber wegen ei-nes zerbröselten Kupplungsdrucklagers fern. Deutlich schneller war Fredy Amweg 22 Jahre spä-ter, als er mit einem Lola T90/50 Cosworth F3000 und einem Stundenschnitt von fast 123 km/h in nur noch 1:49.29 Minuten den Berg hinauf jagte. Fredy Amweg erinnert sich noch gut an seine stürmischen Jahre. 1976, bei seinem dritten Gurnigel-Sieg, war er im Rennen der erste Fahrer, der unter der Zweiminutenmarke blieb: «Das war mit einem Formel-2-Wagen, dem AW76-BMW. Den haben ich und Kollegen im Winter zuvor eigenhändig gebaut. Mit dem bin ich aber auch auf Rennstrecken gefahren.» Zum Jubiläumsrennen dieses Wochenende startet Amweg seinen historischen Renner nochmals. In Erinnerung hat der Gurnigel-König aber auch den Martini Mk42 BMW F2, mit dem er in den 1980er Jahren von Sieg zu Sieg eilte: «Das war mein erster richtiger Rennwagen für den Berg. Ich habe an die sechs, sieben Stück gekauft.» 1994 kam der Lola T90/50 dazu – oder der erste Formel 3000, mit dem sich ein Fahrer an den Berg traute. Thomas Amweg, der Sohn, der am kommenden Wochenende wieder den Berg stürmt, hatte in den Erfolgsjahren seines Papas auch einen königlichen Spass: «Wir sind drei Kinder, die sich jeweils darum gestritten haben, wer bei den vielen umjubelten Talfahrten nach dem Rennen auf die Seitenkästen von Vaters Rennwagen sitzen durfte.»

Fredy Amweg im Formel 2 BMW AW76 von 1976 (gr. Bild) und Heinz Steiner im BMW 2002ti von 1972.

Der spontane Rücktritt
Einer, der sich mit Fredy Amweg im Kampf um den Tagessieg zunehmend fetzte, war nebst dem bis 2005 vierfachen Sieger Jean-Daniel Murisier der Berner Heinz Steiner. 1972 sicherte sich der Lokalmatador an seinem Hausberg erstmals einen Erfolg, als er mit einem BMW 2002ti den Klassensieg bei den Serientourenwagen holte. «In jeder Kurve musste man befürchten, dass das Auto sämtlichen Inhalt auskippt, so schräg standen die», erinnert sich Steiner. Bis zum Premieren-Tagessieg von Steiner sollten aber noch fast zwei Jahrzehnte vergehen. 1991 war es, als er Amweg auch wegen dessen Motorenproblem in die Schranken wies, ebenfalls mit einem Martini Mk50 BMW F2. Missgönnt hat er Fredy Amweg die Triumphe in den Jahren zu-vor nie: «Wir waren schon damals Freunde, gingen zusammen Skifahren, und an den Rennwochenenden hingen wir gemeinsam in den Bars herum.» Bekämpft haben sich die beiden ewigen Rivalen nur auf der Rennstrecke. 1997 holte Heinz Steiner seinen zweiten Tagessieg, ehe er zwei Jahre später seinen dritten und letzten Gurnigel-Erfolg feierte – der aber nicht nur deswegen speziell war: «1999, bei meinem letzten Sieg am Gurnigel, bin ich auch mein letztes Rennen gefahren. Ich hatte das am Abend bei der Rangverkündigung öffentlich gemacht – geglaubt hat mir das niemand.» Gewusst habe er das hingegen selbst noch nicht, als er an je-nem Tag zur letzten Bergfahrt ansetzte.

Wie der Vater so der Sohn
Rückblickend weiss Heinz Steiner aber, warum er so kurz entschlossen seine Karriere beendete: «Einerseits gab es zu Hause einige Probleme, weshalb ich den Kopf nicht mehr frei hatte. Und da war noch mein Sohn, dessen Rennfahrerkarriere sich rasant entwickelte.» Nach der Ära mit den siegreichen Formel-3000-Reynard von Roland Bossy (Tagessiege 2000, 2001 und 2003) sowie Jean-Daniel Murisier (2004 und 2005) schlug Marcel Steiner 2008 erstmals zu, mit einem Sportwagen, einem Martini Mk77 BMW. Der Berner blieb bis 2012 ungeschlagen, holte auf seiner Hausstrecke fünf Tagessiege in Serie und drückte dabei die Rekord-marke zweimal nach unten. Genug bekommen hat Marcel Steiner nie: «Jeder Sieg war Motivation für den nächsten. Jedesmal hast du trotz Erfolgen versucht, noch schneller zu sein.» Der Sieg, der her-aussticht, ist jener von 2012, aber nicht, weil es sein bislang letzter war: «Am Sonntagmorgen bin ich im Training noch in die Leitplanke gekracht. Su-per, jetzt hast du dir den Tag richtig vermiest, ha-be ich damals gedacht. Wir haben bis etwa eine Viertelstunde vor dem ersten Rennlauf am Auto gearbeitet, auch die Leute, die bei uns vorbeischauten, mussten mit anpacken.» Marcel Steiner hatte vor dem Start noch gerade genügend Zeit, um in den feuerfesten Overall zu schlüpfen, blieb dem an-geschlagenen Tempo aber treu und hetzte mit einer neuen Rekordzeit den Gurnigel hinauf: «Die 1:41.39 Minuten blieben bis 2018 die Bestzeit» – bis Eric Berguerand mit 1:39.81 erstmals unter der 1:40er-Marke blieb. Der Walliser ist seit 2013 Seriensieger am Gurnigel-Bergrennen, bei seinem Premierenerfolg noch in einem Lola F3000. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden Berguerand und sein Lola FA99 dem Jubiläumsrennen auch diesen Sonntag den Stempel aufdrücken, genauso wie in der laufenden Schweizer Bergmeisterschaft. Sein Erfolgsrezept für den Gurnigel? «Ich liebe diese Strecke, vor allem, weil immer viele Fans kommen. Ihnen will ich ein Spektakel bieten, und das geht, indem ich schnellstmöglich den Berg hinauf rase.»

1970 prägte das Leben von Peter Sauber: Im Mai gründete er seine Firma, im September holte er am Gurnigel im Eigenbau C1 den Titel.
Jüngere Helden: Marcel Steiner 2008 im Martini Mk77 BMW CN (l.) und Eric Berguerand 2006 im Lola F3000.

Für Mutige und Techniker

Der Gurnigel ist für manchen Fahrer ein Heim-spiel. Allen voran für Philip Krebs, der in der Gemeinde Rüti BE, dem Startort des Bergrennens im Gantrisch, gross geworden ist: «Mein Vater hat mich mitgenommen – und ich habe sofort gewusst, dass ich da auch hinauf will. Ich habs getan, legal und illegal», sagt Krebs und lacht. Der Gurnigel ist aber für alle Fahrer eine Herausforderung. Von einer Hassliebe sprechen Denis Wolf und René Schnidrig. «Der Gurnigel ist extrem technisch, es gibt auch Mutpassagen. Nirgends kannst du viel Zeit gewinnen, aber überall kannst du viel verlieren», erklärt Wolf. «Dort zu fahren ist extrem, auch wegen der Fans. Aber vielleicht macht mir das auch Mühe, setzt mich unter Druck», mutmasst Schnidrig. «Ich mag die Strecke, weil sie einem Slalom näher kommt als die vergleichsweise schnelle Strecke in Oberhallau», sagt der diesjährige Slalom-Dominator Philip Egli. Aber setzen wir uns doch einmal neben die Protagonisten ins Cockpit und fahren die 3.734 Kilometer lange Bergstrecke zwischen Dürrbach und Gurnigelbad hinauf. Nach dem Start geht es in den Wald (1), wo Denis Wolf schon hadert: «Die zwei Linkskurven sind speziell, weil die Reifen so früh im Rennen noch wenig Temperatur haben.» Hin-aus aus dem Wald, hinein in den Zuschauerhang. (2) «Dort ist es unglücklich, wenn du abfliegst –was mir 2009, in meinen ersten Renault-Clio- Jahr, passiert ist», erinnert sich Thomas Zürcher. Ronnie Bratschi kommt beim Zuschauerhang (3) ins Grübeln: «Hier gibt es eine Kuppe, dahinter geht die Kurve links weg. An dieser Stelle kann man schnell zu schnell sein.» Einen Stolperstein gibt es wenige Meter später, jedenfalls sieht das Marcel Steiner so: (4) «Beim Gärtli bin ich 2012 über einen Senklochdeckel gefahren und in der Leitplanke gelandet. Deshalb besteht da die Gefahr, dass man aus Vorsicht zu viel Tempo raus-nimmt.» Zurück im Wald lacht das Rennfahrerherz von Philip Egli. (5) «Dort gibt es eine Links-rechts-Passage, dann geht es flüssig weiter bis zur Spitzkehre nach dem Wald.» Geschafft? Keineswegs, er wartet noch eine Herausforderung auf die Piloten: Die Zielkurve. (6) Michel Zemp liebt sie: «Die macht richtig Spass!» Martin Bürki sieht das anders: «Dort bist du gut beraten, wenn du noch genug Gummi auf den Reifen hast. Andernfalls rutscht dein Auto weg.» Und dann passiert, was auch Thomas Amweg kennt, der Sohn von Gurnigel-König Fredy Amweg: «Du kannst bis zur Zielkurve alles gut gemacht haben, aber wenn du in dieser heimtückischen Passage nicht aufpasst, kannst du alles wieder verlieren.» WHJ


RUND UM DAS JUBILÄUMSRENNEN

Training Am Samstag, 7. September, wird ab 7 Uhr trainiert. Fünf Startfelder mit verschiedenen Kategorien absolvieren mehrere Trainingsläufe. Der letzte ist auf 17.25 Uhr angesetzt. Rennen Am Sonntag, 8. September, wird um 7 Uhr das letzte Training gefahren, ab 8.15 Uhr wird der Rennbetrieb in Angriff genommen. Die Startfelder 2 bis 5 fahren dabei je zwei Rennläufe. Der letzte wird gemäss Zeitplan um 16.50 Uhr gestartet. Gurnigel-Legenden Die historischen Piloten in ihren historischen Rennwagen sind auch Teil der Gurnigel-Jubiläumsveranstaltung. Die Legenden sind an beiden Tagen im Einsatz. Am Samstag fahren sie um 10.05, 14.10 und 17.25 Uhr den Berg hoch, am Sonntag starten sie um 9.20, 13.45 und letztmals um 15.45 Uhr. Tickets Samstag: Erwachsene 20 Franken, Kinder (6–15 Jahre) 6 Franken, Familien (2 Erwachsene, 2 Kinder) 40 Franken. Sonntag: Erwachsene 23 Franken, Kinder 8 Franken, Familien 45 Franken. Samstag/Sonntag: Erwachsene 35 Franken, Kinder 12 Franken, Familien 75 Franken. Parkplätze Gibt es ausserhalb von Rüti, in Fahrtrichtung Schwarzenburg. Auto 10 Franken/Tag, Motorrad 5 Franken/Tag. Fahrerlager In Rüti sind Fahrer und Autos untergebracht. Fans können durchs Paddock gehen. Lärm/Gehörschutz Einige Rennfahrzeuge sind sehr laut, weshalb sich ein Gehörschutz vor allem für Kinder empfiehlt. Tiere sollten deswegen auch zu Hause gelassen werden. Weitere Infos www.gurnigelrennen.ch


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