Der Geschmack der Freiheit

FREIZEITMOBILITÄT Das Privileg einer mehrmonatigen Auszeit – eines Sabbaticals – und das bezahlt, haben nicht viele. Alex Oesch aus Buchs ZH ist ein solchermassen vom Leben Begünstigter. Doch wie die Zeit nutzen?

Alex Oesch (59), eidgenössisch diplomierter Mechanikermeister, zuletzt in der IT-Branche tätig, relativierte zunächst einmal: «Die Auszeit gestattet mein Arbeitgeber alle fünf Jahre. Sie setzt sich zusammen aus den Jahresferien – sechs Wochen, sowie sechs Wochen, welche die Firma dazu gibt. Macht drei Monate. Doch wie nutzen? Fest stand, ich wollte einmal etwas für mich tun.» Oesch ist aber kein Typ fürs Chillen. «Und ein Kochkurs kam auch nicht unbedingt in Frage.» Dann die Idee: «Eine Motorradtour. Dorthin, wo es warm ist. » Aber Alex Oesch hatte kein Motorrad, nur Erfahrung als Motrdf (Motorradfahrer) im Militär auf der Condor 350. Und privat auf zwei japanischen 125ern. Die Neue sollte etwas Grosses sein. «Harley-Davidson? BMW? Ducati? Eine Goldwing? Hat doch jeder. Was andere schon haben, wollte ich nicht. Ich wollte etwas Exklusiveres. Aber das hatte seinen Preis: Meine Frau wünschte sich ein neues Badezimmer – und ich durfte mir dann ein Motorrad kaufen. Das war der Deal.»

Der Motorradkauf
Im Internet stiess er auf die Indian Roadmaster Classic. Die fand er bei Arrigoni Sport in Adliswil ZH (s. Kasten). Und mietete sie erst einmal für eine 600 Kilometer lange Probefahrt. Denn: «Konnte ich das überhaupt noch, Motorradfahren?» Er konnte. «Der Töff zog mich dermassen in seinen Bann, dass ich eine schwarze Roadmaster mit braunem Ledersattel bestellte. Das Verkaufsgespräch mit Danny Baumann dauerte stundenlang, das Finanzielle regelte meine Frau.»

Die schwarze Roadmaster schaffte sich Alex Oesch für die Reise an.

Die Planung
Bis die Roadmaster geliefert wurde, beschäftigte sich Alex Oesch mit der Planung der Reise, die von der Schweiz aus quer durch Frankreich an die Atlantikküste führen sollte und von dort rund um die Iberische Halbinsel zurück bis Südfrankreich und hinauf nach Genf, «fast bis nach Hause». Danach ging es auf der Route Napoléon wieder nach Sü-den und nach Italien – bis zum Stiefelabsatz. Von Bari (I) schipperte die Fähre Oesch mit seiner Roadmaster nach Albanien, und von dort rollte er den Balkan hinauf bis nach Ungarn, Tschechien, Österreich und zurück in die Schweiz. Alex plan-te minutiös jede im Durchschnitt etwa 250 Kilo-meter lange Tagesetappe und jeden Hotelaufenthalt. Grundsatz der Route: Autobahnen und grosse Städte möglichst vermeiden. «Ich fuhr nie viel schneller als 60 km/h.» Um seine Reise für Freunde verfolgbar zu machen, nutzte er die für solche Touren geeignete App Riser Tracker mit genauer Streckenaufzeichnung. Bevor er losfuhr, befestigte Oesch eine kleine Kamera an seiner Indian.


Der Trip in Zahlen

18 Länder: Frankreich, Spanien, Portugal, Gibraltar, Monaco, Italien, Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien, Ungarn, Österreich, Slowakei, Tschechien, Deutschland, Liechtenstein, Schweiz
13 500 Kilometer Gesamtstrecke
56 Etappen
750 Liter Benzin Spritverbrauch
60 Hotelunterkünfte
0 Pannen


Drei Monate unterwegs
Am 25. Mai endlich war die Maschine nach anfänglichen kleinen Problemen reisebereit. Und am 26. Mai 2018 fuhr Alex Oesch los. «Ab Lausanne begann es zu regnen. Es regnete in Frankreich bis Bordeaux, und es regnete in Nordspanien. Es regnete einen Monat lang fast immer. Dank des Regenanzugs war ich aber immer trocken. Und ich bin sehr vorsichtig gefahren.» Irgendwelche Routenänderungen wegen des Wetters? «Nein. Ich fuhr die Route ab wie geplant.» Die ersten Sonnentage konnte Oesch ab Südportugal geniessen. «Und ab Malaga und Sevilla war es dann dauerhaft schön.» Zwischenstopp machte Alex Oesch auf der Baleareninsel Mallorca, wo er sich zusammen mit seiner Frau Simone eine Woche erholte, bevor er wieder auf Tour ging. Das zweite Drittel der Reise im Juli begleitete ihn sein Freund Marco – von Grenoble (F) bis Kroatien. «Als ich in Albanien ankam, in Durrës, wusste ich, dass jetzt der Heimweg begann.» In Kroatien machte er erste Erfahrungen mit der Grenzpolizei, weil er am Autostau bis nach vorne vorbei-gefahren war: 2100 Kuna Busse und zwei Monate Motorradfahrverbot in Kroatien. «Doch wie sollte das gehen? Wir mussten ja durch Kroatien!» Es ging. Spätestens ab Slowenien «verstanden mich die meisten wieder, und damit war klar – die dreimonatige Reise war bald vorbei».

«Die Freiheit hat mich geprägt»
«Das Fazit der Reise? Ich habe sie in einer Präsentation zusammengefasst und beim Indian-Händler vorgeführt. Die Freiheit des Motorradfahrens hat mich geprägt. Ich werde mich wohl frühpensionieren lassen und mache mich dann selbständig. Nächstes Jahr, vielleicht, steht eine Tour nach Skandinavien auf dem Programm. Wo es nicht ganz so warm ist.»


«Indian ist Kult»

Die US-Motorradmarke Indian ist zwei Jahre älter als US-Konkurrentin Harley-Davidson. 1901 kamen in Springfield im Bundesstaat Massachusetts die ersten drei Motorräder auf den Markt. Indian sei mindestens genauso kultig wie Harley-Davidson, wenn nicht mehr, sagt Danny Baumann (Bild), Motorradverkäufer bei Arrigoni Sport in Adliswil ZH.

«Wenn du eine Indian fährst, hast du das Gefühl, die ganze Welt gehöre dir.» Indian war zwischenzeitlich der grösste Motorradhersteller der Welt, konnte diese Position aber nicht halten. Als Indian einen Auftrag der US-Army an Harley verlor, ging es bergab. 1953 folgte der Konkurs. Nach vielen erfolglosen Neustarts übernahm Polaris Industries (Gründerin des Motorradherstellers Victory 1997) im Jahr 2013 die Marke Indian. Die Motoren der neuen Modelle, insgesamt 13, wurden bei Swissauto in Burgdorf BE entwickelt. Im Juni 2014 wurden die ersten Indian ausgeliefert – weltweit. «Es handelt sich um von Grund auf moderne Neukonstruktionen», so Baumann. Warum fährt eigentlich jemand Indian? «Als Besitzer einer lebendigen Legende ist man einzigartig», sagt Danny Baumann.

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