Der Unverwüstliche

KNALLHART Der Wrangler geht keine Kompromisse ein, um seinen Kultstatus zu bewahren. Ziel erreicht?

Das Erstaunliche der Automobilindustrie ist, dass sie auf eine bestimmte Frage ganz unterschiedliche Antworten geben kann. Fragte man beispielsweise Land Rover und Jeep, wie sie eine Ikone aktualisieren würden, so wäre – ist! – ihre Antwort völlig verschieden. Während der neue Defender grundlegend umgestaltet wurde, setzt man beim Wrangler lieber auf Bewährtes. Für die Amerikaner scheint die Langlebigkeit des Jeeps vorab davon abzuhängen, dass Traditionen gewahrt bleiben. Eine Politik, die kaum überrascht, zumal der aktuelle Er-folg des Unternehmens auf seine reiche Geschichte zurückzuführen ist. Diese Geschichte begann im Wesentlichen im Juni 1944 an den Stränden der Normandie, mit einem gewissen Willys. Entsprechend hat die vierte Wrangler-Generation stilistisch nur kleine Änderungen erfahren. Der Amerikaner behält seine kantige Gestalt, ob-wohl hier und da gewisse Rundungen stärker akzentuiert wurden. Die Abstände der unverzichtbaren sieben Stäbe im Kühlergrill wurden vergrössert, während die vorderen Blinker auf die Kotflügel wanderten. Die Windschutzscheibe ist stärker geneigt, was der Aerodynamik zugutekommt. Am Heck wurden die Leuchten überarbeitet.
Jeep hat den Innenraum mit neuesten Technologien (das Infotainmentsystem Uconnect besitzt einen 8.4 Zoll grossen Bildschirm mit allen Navigations-, Unterhaltungs- und Kommunikationsfunktionen wie Apple Carplay und Android Auto) und diversen modernen Schnittstellen aufgerüstet. Dennoch ist der Wrangler keine Augenweide. Die soliden Kunststoffverkleidungen wurden für eine lange Lebensdauer entwickelt, genau wie die Mittelkonsole, die aussieht, als wäre sie in Stein gemeisselt. Natürlich ist das Cockpit wasserdicht und komplett Modular aufgebaut: Windschutzscheibe, Dach und Türen können vollständig abgenommen werden. Die Lautsprecher sind in die Karosserie-teile oder besser gesagt in die Streben integriert und somit bestens geschützt. Im Übrigen hat man beim Innenraum des Fahrzeugs, dem die Kenner bereits das Kürzel JL verliehen haben, an die Passagiere im Fond gedacht, die sich künftig über mehr Platz freuen dürfen (+7 Zentimeter beim kurzen und +3 Zentimeter beim langen Chassis).

Überarbeitetes Fahrwerk
Viele der echten Allradfahrzeuge, die früher knall-hart und auf Geländegängigkeit ausgelegt waren, sind dem SUV-Trend erlegen. Der Jeep dagegen folgt diesem Zeitgeist nicht, sondern bleibt beim Chassis seiner Leiterrahmenkonstruktion treu. Beim Fahrgestell setzt der Amerikaner weiterhin auf zwei sehr solide starre Achsen der neusten Generation vom Typ Dana 44. Das ist gut so, denn diese Konstruktion ist nicht nur robust, sondern eignet sich am besten für das Gelände. Das Beste daran sind die entkoppelbaren Stabilisatoren, die eine grössere Verschränkung der Achsen zulassen. Der neue Wrangler ist mit einem neuen zweistufigen permanenten Verteilergetriebe mit dem Namen Selec-Trac ausgestattet. Abgesehen von der Neutralstellung, bietet das Getriebe vier Fahrprofile, die wie gehabt durch einen Handhebel ausgewählt werden. Das erste Profi l, der 2H-Modus (Zweiradantrieb), kommt vor allem auf trockenen Strassen zum Einsatz. Das Zweite, der 4H-Part- Time-Modus (blockierter Allradantrieb), bietet Vorteile auf schlammigen Strassen, während der 4L-Modus (Allradantrieb mit kurzer Übersetzung) für Geländefahrten reserviert ist. Zusätzlich zu die-sen drei Modi ermöglicht der neue Modus 4H- Auto das automatische Zu- und Abschalten des Allradantriebs.
Erwähnenswert ist, dass der Wrangler beim Schalten die Technologie des fliegenden Wechsels bietet. Dadurch kann während der Fahrt bei einer Geschwindigkeit von bis zu 72 km/h zwischen 2WD- und 4WD-Modus hin- und her geschaltet werden. Dies erweist sich in bestimmten Situationen als äusserst praktisch, wenn der Allradantrieb erforderlich ist, man aber versäumt hat, ihn vor dem Hindernis zu aktivieren.


Stärken

  • Zeitloser Look
  • Überwinden von Hindernissen
  • Robustheit
  • Modularität der Karosseriebauteile

Schwächen

  • Fahrposition
  • Agilität auf der Strasse
  • Ein Stern Euro NCAP
  • Manuelles Getriebe fehlt

Oben offen im Gebirge
Das automatische Wandlergetriebe ist ein Muss für jeden Geländefahrer, der etwas auf sich hält, und stammt vom deutschen Ausrüster ZF. Das achtstufige Automatikgetriebe harmoniert perfekt mit dem von uns getesteten 2.2-Liter-Multijet-Diesel mit 200 PS, der sich am besten für einen Gelände-wagen eignet, weil er im Gegensatz zum 2.0-Liter-T-Motor mit 272 PS weniger verbraucht (7.4 l an-statt 9 l/100 km – ein echter Vorteil bei einer Safari) und mehr Drehmoment besitzt (450 anstatt 400 Nm). Mit unserer Testversion, die serienmässig mit dem leistungsstärksten Getriebe (Rock-Trac) ausgestattet ist, konnten wir alles überwinden, was wir dem Fahrzeug vorsetzten, inklusive einer Ski-piste mit 24 Prozent Steigung (die wir natürlich im Sommer hinaufgefahren sind). Fantastisch! Das Sperren der Achsen (hinten oder kombiniert vor-ne und hinten) erfolgt auf Knopfdruck (an der Mittelkonsole) und garantiert eine gleichmässige Verteilung des Drehmoments auf alle vier Räder. Genug, um Bäume hinaufzuklettern! Allerdings hätte man der Bestie dazu wahrscheinlich die – ebenfalls abnehmbaren – robusten Stossfänger ab-montieren müssen. Wir haben auf diesen Test dann doch verzichtet. Hingegen haben wir die Dachverkleidung entfernt, um oben ohne zu fahren und so die Berge unter freiem Himmel zu geniessen. Während das neue Fahrzeug beste Offroad-Eigenschaften und eine maximale Anhängelast bietet (1500 Kilogramm beim zweitürigen Modell und 2500 Kilogramm beim Viertürer), ist dies beim Fahrverhalten auf der Strasse nicht der Fall: Beim Wrangler macht es kaum einen Unterschied, ob man im Gelände oder auf der Strasse unterwegs ist, obwohl Jeep die Fahrwerksgeometrie und das Profil der Stossdämpfer überarbeitet hat. Auf der Autobahn ist er laut und kämpft mit einer wenig präzisen Lenkung. Ausserdem ist zu beachten, dass der Wrangler ein Fahrzeug ist, das bei nasser Fahrbahn mit Fingerspitzengefühl bedient werden will, da sonst die Hinterachse ausbricht.


Fazit – Olivier Derard, Tester
Durch die Kombination von erschwinglichem Preis, atypischem Look und aussergewöhnlicher Offroadleistung bewahrt der Jeep Wrangler alles, was ihn zum liebenswerten Mythos macht. Als authentisches Freizeitfahrzeug wartet er mit modernen Motoren und einem Getriebe auf, die seine Geländegängigkeit verbessern. Als wirklich kompromissloses Fahrzeug scheint der neue Wrangler wie geschaffen für die marokkanische Wüste, aber nicht nur, denn seine Fangemeinde passt ihn gerne an die individuellen Bedürfnisse an, bevor man zu einem Roadtrip durch die Dünen, im Schlamm oder im Schnee aufbricht.


Modifizieren und anpassen mit Mopar

Da über 90 Prozent der Besitzer eines Jeep Wrangler ihre Autos modifizieren und anpassen, bietet Mopar, der offizielle Ausstatter und Ausrüster der FCA-Gruppe (Fiat Chrysler Automobiles), eine sehr breite Palette an Zubehör an, das speziell entwickelt, hergestellt und getestet wurde, um die Offroadperformance von Serienfahrzeugen zu optimieren. Dazu gehören spezielle Achsen, grössere Frontschutzbügel, zusätzliche Scheinwerferleisten, Schnorchel (Ansaugstutzen für Flussdurchfahrten), Win-den, Schutzplatten und Federungskomponenten. Diese Ersatzteile werden in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren entwickelt, die für die Entwicklung der Serienfahrzeuge verantwortlich sind.

1 Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.