Mittendrin statt nur dabei

VERJÜNGUNG In der zwölften Generation schickt Toyota den Corolla erstmals als Hybrid ins Rennen. Auch sonst wird der Japaner moderner.

Autos und Fussball: Zwei echte Männersachen. Vor allem, wenn dann noch der Baumarkt und Bier eine Rolle spielen. Links die eingeblendeten Bundesliga-Resultate, rechts ein rund 30 Sekunde dauernder Werbespot, dazu die Worte: «Gewinnen Sie den neuen Toyota Corolla». Seit 2003 ist Toyota zwischenzeitlich exklusiver Werbepartner der «ARD Sportschau». Zwar haben unterdessen auch andere Autohersteller wie BMW und Volkswagen das Werbepotenzial erkannt, mit knapp drei Millionen Franken investieren die Japaner aber nach wie vor am meisten in die voraussichtlich 33-mal in einer Saison ausgestrahlten Werbeblöcke. Und das mit einer immensen Reichweite. Vergangene Spielzeit sahen 40.3 Millionen Zuschauer die «Sportschau Fussball-Bundesliga». Das Engagement ging gar so weit, dass 2004 nicht nur Toyota in der «Sport-schau», sondern auch die «Sportschau» auf einem Toyota vertreten war. In einem üppig ausgestatteten Sondermodell des Corolla und Corolla Verso, der unlängst eingestellten Minivan-Version, prangte das «Sportschau»-Logo am Heck. Zwar hat das nur am Rande mit der aktuell zwölften Modellgeneration, vor allem mit der von uns getesteten Hybridvariante, zu tun. Aber es ist ein Beispiel dafür, wie geschickt Toyota den Corolla in Szene setzt und so Volkswagen und dessen Golf auch auf dem europäischen Markt ärgert. Gut 46 Millionen Stück – von 2006 bis zu Beginn dieses Jahres wurde der Corolla in den Kernmärkten Europas als Auris vertrieben – wurden seit 1966 weltweit verkauft. In der Schweiz waren es von 1967 bis 2006 immerhin deren 230 234. Hierzulande spielt der Corolla gegenüber dem Golf nur eine untergeordnete Rolle, ganze 41 Jahre war der Wolfsburger ununterbrochen das meistverkaufte Auto der Schweiz. Weltweit gesehen wandert der Titel des meistverkauften Autos der Welt trotzdem nach Japan. Auch wenn das stark von der Sicht-weise abhängt: Während der Golf nahezu gleich-blieb, wechselte der Corolla im Laufe der Zeit zum Beispiel vom Hinterrad- auf Frontantrieb.


STÄRKEN

  • Verbrauch in der Stadt
  • Modernes Styling
  • Reaktives Chassis
  • Üppige Sicherheitsausstattung

SCHWÄCHEN

  • Mehrverbrauch bei sportlicherer Gangart
  • Verschachteltes Infotainmentsystem
  • Platzangebot im Fond und Kofferraum

Neue Plattform
Interessant ist, dass erst jetzt beim Corolla zwei Hybridvarianten eingeführt worden sind. Die stärkere Ausführung unseres Testwagens kombiniert einen Zweiliter-Sauger mit 153 PS und 190 Nm mit einem Elektromotor mit maximal 109 PS und 202 Nm. Damit ist die Antriebseinheit mit einer Systemleistung von 180 PS beinahe gleich stark wie beim in der vergangenen Ausgabe getesteten Lexus UX 250h (AR 39/2019). Einzig der elektronische Allradantrieb wird für den Corolla Hatchback nicht angeboten. Die Dieselmotoren wurden restlos aus dem Programm gestrichen, als Einstiegsmotorisierung dient ein 1.2-Liter-Turbobenziner. Während bei der schwächsten Motorisierung (116 PS, 185 Nm) zwischen einen manuellen Sechsganggetriebe und dem CVT gewählt werden kann, sind die Hybridvarianten serienmässig mit einem elektronisch gesteuerten Automatikgetriebe gekoppelt, das ohne Kupplung oder Drehmomentwandler auskommt. Das stufenlose Schubgliederband-CV-Getriebe verfügt über einen Anfahrgang, der im Vergleich zum normalen CVT eine höhere Übertragungseffizienz bei niedrigen Geschwindigkeiten bietet. Ebenso wie beim Lexus UX 250h überzeugt da-bei vor allem der Fahrkomfort in der Stadt. Die Drehzahl bleibt konstant tief, was wiederum der Geräuschkulisse und nicht zuletzt dem Verbrauch zugutekommt – die AR-Normrunde absolvierte der Corolla mit 3.9 Litern pro 100 Kilometer. Mit dem Schönheitsfehler, dass der Verbrauch bei zügigerer Fahrt gut und gerne das Doppelte beträgt. Doch der Corolla zeigt sich auch auf der Lang-strecke als durchaus angenehm. Ab der Ausstattungsvariante Style ist ein adaptives, variables Fahrwerk mit an Bord, das die Dämpfung an je-dem Rad individuell über 650 Stufen regelt. Das sorgt für ordentlichen Komfort – und für eine überraschende Spreizung. Wenn auch der Sport+-Modus in Porsche-Manier vielleicht etwas gar ambitioniert daherkommt, geizt der Corolla nicht mit Fahrspass. Mit einer neuen Mehrlenker-Hinterachse und MacPherson-Federbeinen auf der Vorderachse ausgestattet, verfügt der 1.5 Tonnen schwere Fronttriebler über eine gute Portion Traktionsreserve. Die neue GA-C-Plattform auf TNGA- Basis bietet einen niedrigeren Schwerpunkt und eine um 60 Prozent höhere Verwindungssteifigkeit gegenüber dem Vorgänger, was der Fahrzeugstabilität merklich zugutekommt. Die Bremsen bleiben auch bei längerer Beanspruchung standhaft und bieten einen durchgängigen Druckpunkt. Wäre die Lenkung noch etwas präziser und ähnlich kommunikationsfreudig wie das Fahrwerk, so müsste sich der Corolla auch vor kräftigereren Artgenossen kaum verstecken. Zumindest nicht bergab. Denn bergauf ist der Japaner kein Beschleunigungsmonster – auch wenn er klingt und säuft, als wäre er eines. Auch die 9.3 Sekunden, die er für den Sprint auf Tempo 100 braucht, sind nicht rekordverdächtig.

Infotainment mit Luft nach oben
Mit einem mutigeren und dynamischeren Design versucht der jüngste Corolla den zuletzt sinkenden Absatzzahlen Gegensteuer zu geben. Die tief an-gesetzte Motorhaube sorgt für ein präsentes Erscheinungsbild. Die breite Front- und Heckansicht wird unterstrichen durch den sportlichen Kühler-grill und markante Voll-LED-Leuchten. Die gelungene Formgebung verleiht dem zuletzt etwas angestaubten Auftritt neuen Glanz. Einzig die Sicht nach hinten wird durch die schmale Heckscheibe doch etwas eingeschränkt. Ähnlich sieht es mit den Platzverhältnissen im Innenraum aus, auch wenn sie punkto Kopf- und Beinfreiheit für dieses Segment gerade noch in Ordnung gehen. Doch ab einer Grösse von 1.85 Metern wird es auf der Rückbank etwas eng. Ein Raumwunder ist die kompakte Schrägheckvariante demnach nicht. Mit einem Kofferraumvolumen von 313 bis 1024 Liter bietet er weniger Platz als der Golf. Den grössten Pluspunkt sichert sich die Konkurrenz aus Wolfsburg (D) aber durch das Infotainmentsystem. Im Falle des durchaus schicken Japaners wirkt das Bedienkonzept nach wie vor angestaubt, zu-mindest aber viel zu verschachtelt. Zwar gibt es rund um den acht Zoll grossen Touch-Bildschirm allerhand Schnellwahl-Tasten, wirklich intuitiv ist das aber nicht. Zudem ist das freistehende Panel nicht dem Fahrer zugewandt, was das Tippen vor allem während der Fahrt mühselig macht. Ansonsten muss sich weder Verarbeitung noch Materialauswahl vor der deutschen Konkurrenz verstecken. Die beheizbaren Sitze aus einer Kombination aus Leder, Alcantara und Stoff sind gleichermassen komfortabel wie schön anzusehen, nur die Mittelarmlehne dürfte breiter sein. Dafür kann sie genügend weit nach vorne verschoben werden. Direkt über das Lenkrad werden das Infotainment sowie ein Teil der reichlich vorhandenen Assistenzsysteme wie der adaptive Abstandstempomat oder der Spurhalteassistent gesteuert. Letzterer muss als solcher verstanden werden – bei einer Polizeikontrolle würde der Corolla aufgrund übermässigen Schlangenlinienfahrens wohl nicht um einen Alkoholtest herumkommen. Features wie das scharfe Head-up-Display oder das adaptive Fernlicht hin-gegen überzeugen umso mehr. Die Scheinwerfer stellen sich automatisch auf die Umgebung ein, was in einer perfekt ausgeleuchteten Fahrbahn oh-ne Blendung des Gegenverkehrs resultiert. All das macht ihn zum echten Golf-Jäger. Vor allem, weil er mit einem Preis von 43 300 Franken etwas günstiger als ein ähnlich ausgestatteter Wolfsburger ist. Wer kleine Abstriche beim Platz und Multimediasystem hinnehmen kann, der be-kommt den Mehrwert hinsichtlich Verbrauch und Fahrspass. In der Kompaktklasse jedenfalls ist der Corolla in Anspielung auf die eingangs erwähnten Werbemassnahmen «mittendrin statt nur dabei».


Fazit – Cedric Heer, Tester

Toyota will gemäss eigener Aussage keine langweiligen Autos mehr bauen. Und tatsächlich lässt sich mit dem Japaner viel Spass haben. Sowohl beim Spritsparen in der Stadt, beim Kurvenräubern auf der Landstrasse als auch beim Cruisen auf der Autobahn. Natürlich gibt es einige Kritikpunkte. Für diejenigen, die mehr Platz brauchen, ist der Corolla in der Schweiz auch als Kombi erhältlich – im Gegensatz zur Stufenheckvariante. Noch nicht im Angebot stehen Android Auto und Apple Car Play, was aber Ende Jahr endlich nachgereicht werden soll. Das würde bedeuten, dass auch der zweite Kritikpunkt gegenüber dem Golf zumindest abgeschwächt würde. Selbst wenn der Golf im Detail noch etwas detailverliebter daherkommt, könnte der Corolla spätestens dann auch hierzulande die Rolle des Spielverderbers übernehmen.


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