«Wir haben ein interessantes Format»

AUTO ZÜRICH Karl Bieri ist stolz darauf, dass er an der Auto Zürich heuer 40 Schweizer Premieren vorstellen kann. Im Gegensatz zu vielen anderen, internationalen Automessen scheint das Konzept seiner nationalen Regionalmesse aufzugehen.

Nicht wenige behaupten, dass die IAA in Frankfurt heuer die letzte ihrer Art gewesen sei. Oder dann soll nicht mehr Frankfurt, sondern möglicherweise München oder Berlin oder sonst wo Austragungsort 2021 sein. Mehr als zwei Drittel aller Hersteller verzichteten in diesem Jahr auf einen Start in Frankfurt. Vornehmlich aus finanziellen Gründen, aber auch des Wirkungsgrades wegen. Die Marken wollen ihr Geld im Zeitalter der Digitalisierung lieber gezielt für gestreamte Ego-Promo-Shows aus-geben. Die von Präsident Karl Bieri zum 33. Mal organisierte Auto Zürich (31. Oktober bis 3. November) freilich lebt und bietet auf überschaubarem Raum ein vielfältiges Markenangebot.

Automobil Revue: Karl Bieri, gegenüber dem Salon in Genf oder gar der IAA in Frankfurt findet die Auto Zürich auf einer viel kleineren und überschaubaren Fläche statt. Ist das ein Erfolgsrezept?
Karl Bieri: Ich denke wir haben in der Tat ein sehr interessantes Format. Wir haben 27 000 Quadrat-meter Ausstellungsfläche, Genf ist fast zehnmal grösser und Frankfurt noch einmal viel grösser. Wir bieten so auf relativ kleinem Raum die Möglichkeit, direkte Vergleiche zu machen, was viele Besucherinnen und Besucher schätzen. Man kann ja über Autos im Internet informieren, letztlich will man sie aber auch anfassen, anschauen, riechen und sich hineinsetzen.

Apropos vergleichen: In Frankfurt fehlten 2019 rund zwei Drittel aller Hersteller. Die Artenvielfalt leidet extrem. Auch das ist in Zürich anders?
Es ist ja so, dass wir als Händlermesse begonnen haben, dann immer mehr zur Messe der Importeure wurden und jetzt tendenziell wieder zur Händlermesse werden. Wenn alles passt, fehlen heuer nur Ssangyong, Maserati und Mazda.

Sie glauben also, dass man Autos dereinst nur noch im Internet kauft, wie Kleider zum Beispiel?
Für mich gibt es diesbezüglich noch einen grossen Unterschied, auch wenn das Internet mit all den tollen Konfiguratoren top ist. Aber in Wirklichkeit sieht ein Auto oft doch noch anders aus als im Netz. Denken Sie in dem Zusammenhang etwa an Ferienabieter im Internet, da sieht immer alles su-per aus … Insofern glaube ich schon, dass Messen beim Autokauf ein wichtiger Bestandteil bleiben. Schliesslich geht es hier um 10 000, 20 000 oder noch mehr Franken und nicht um 50 oder einige 100 Franken für einen Pullover. Da will der Kunde doch noch sehen und ausprobieren, was er kauft.

Bei Zalando können Sie bestellen und wieder zurückgeben, was nicht passt.
Auch deswegen muss man sich bei einem Autokauf möglichst fundiert informieren. Wir müssen nicht über den Unterschied zwischen einem einmal immatrikulierten und einem nicht immatrikulierten Auto diskutieren. Da geht es um sehr viel Geld. Gerade eine Messe ermöglicht einen unverbindlichen Soft-Approach.

Früher war der Anteil der Messebesucher mit konkreten Kaufabsichten sehr hoch. Heute besteht ein grosses Informationsbedürfnis über alles Neue, das kommt und kommen soll. Was würden Sie sagen, wie viele der 55 000 bis 60 000 erwarteten Besucherinnen und Besucher kom-men heuer an die Auto Zürich, um sich zu informieren, und wie viele mit der Idee, demnächst ein Auto zu kaufen?
Das kann ich nicht genau sagen. Wichtig ist, dass wir beide Kategorien bedienen und sie auch beraten können, wenn Verunsicherung über den richtigen Weg in die Zukunft besteht.

Wie ist Ihre Meinung über den Antrieb der Zukunft?
Ich denke, im Moment herrscht eine Art Glaubenskrieg. Ich fahre seit 15 Jahren Erdgas-Auto, aber ich bin überzeugt, dass es für alle Arten von An-trieb, sei es Elektro, Hybrid, Wasserstoff, noch lange Zeit einen Markt gibt.

Überlassen Sie die Vielfalt des Angebots an der Auto Zürich den Ausstellern, oder können Sie als Veranstalter direkt Einfluss auf das Angebot an den Ständen und die Dienstleistungen nehmen?
Dadurch, dass inzwischen nahezu alle Hersteller E-, Hybrid-, Erdgas- oder Wasserstoffautos und weiterhin auch konventionell Angetriebene auf den Markt bringen, ergibt sich hier von selbst ein guter Mix.

Welches sind Ihre Highlights an der diesjährigen Auto Zürich?
Wir sind sehr glücklich, heuer 40 Schweizer Premieren zeigen zu dürfen. Ein Rekord für uns! Darunter sind die Stars der IAA, der Taycan von Porsche, der Defender von Land Rover und der VW ID 3. Wenn solche Autos an der Auto Zürich erstmals in der Schweiz zu sehen sind, empfinden wir das absolut als Wertschätzung für unser Schaffen und sind sehr stolz darauf.

Kompakt an der Auto Zürich sind auch die Dauer und der Preis.
Wir sind ein spezieller Laden. Wir bauen die Stände mehr oder weniger selber, sodass die Aussteller praktisch nur mit den Autos kommen und sie hin-stellen können. Auch die Grundbeleuchtung, die Messebeleuchtung reicht nicht, übernehmen wir. Nur wenige Aussteller machen darum noch viel Zusätzliches. So bleiben die Kosten und der Auf-wand vernünftig. Bei uns sind die Preise seit 33 Jahren genau gleich – unglaublich, nicht wahr?

Absolut! Aber 33 Jahre den gleichen Preis anzubieten, funktioniert nicht allein über ein cleveres Messekonzept?
Eigentlich mache ich die Auto Zürich mit meiner Frau zusammen. Natürlich haben wir während der Messe viele Aushilfen. Im Grunde aber geht es nur mit einer sehr schlanken Organisation. Aber sicher, Sponsoren und Mehreintritte helfen uns auch, über die Runden zu kommen.

Sie sind also auch in den fetten Jahren nie zu gierig geworden?
Uns geht es in erster Linie darum, auch in Zukunft noch da zu sein. Ich denke, unsere Strategie war und ist die Richtige.


Schweizer Premieren an der Auto Zürich 2019

Audi A1 City Carver, A4 Avant, Q3 Sportback, Q7, RS Q3, RS6 Avant, SQ8. Ford Explorer PHEV, Kuga, Puma. Honda E. Hyundai i10, i30 N Project C. Jaguar XE. Kia E-Niro. Land Rover Defender, Discovery Sport. Mercedes A45, GLB. Lexus RX. Nissan Juke, GT-R-Nismo, Leaf. Opel Astra, Corsa, Corsa-E, Grandland X Hybrid 4. Porsche Macan Turbo, Taycan. Renault Captur, Koleos, Zoe. Seat Mii Electric. Škoda Citigo IV, Superb IV Combi. Toyota C-HR. VW E-Up, ID 3, T-Roc Cabrio.


Wie sieht die Zukunft der Auto Zürich aus?
Neu machen wir dieses Jahr den Classic-Teil in einer eigenen Halle, und zwar mit einem ähnlichen Konzept wie bei den Neuwagen. Wir bauen die Stände, und der Aussteller braucht nur noch seine Autos hinzustellen. Im Classic-Bereich ist das noch wichtiger, damit wir einen Standard, der zu unserer Messe passt, garantieren können.

Sie vertrauen darauf, dass sich der Classic-Teil künftig entwickelt?
Ich bin überzeugt, dass dem so ist. Gerade wegen der extrem zunehmenden Digitalisierung will man sich vielleicht auch einmal über den Ursprung in-formieren und sehen, wie es war, als man beim Autofahren noch keine Daten hinterlassen hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir diesen Bereich künftig noch ausweiten – auch weil es für unsere jährlich 55 000 bis 60 000 Besucher eine ideale Ergänzung zum Neuwagenbereich darstellt.

Jüngeres Publikum käme vielleicht nicht an eine reine Classic-Messe. An der Auto Zürich kann man das quasi im Vorbeigehen mitnehmen?
Richtig. Wir wissen aber aus Erfahrung, dass sich viele jüngere Personen, ich rede hier von Personen zwischen 40 und 50, zum Beispiel für Youngtimer interessieren. Denen können wir an der Auto Zürich einen Mehrwert bieten. Wir reden hier ja nicht von Autos, die eine halbe Million und mehr kosten, sondern von einer bezahlbaren Classic-Leidenschaft.

Welche Classic-Aussteller kommen?
Diesbezüglich wird vieles noch in letzter Minute passieren. Sicher ist Emil Frey Classic dabei, die Amag mit Porsche Classic, Goodtimer, das Old-timer Zentrum Ostschweiz also, oder auch der TCS, der im Oldtimerbereich zusehends aktiv sein will – mit Oldtimerfahrkursen oder Beratungen zum Beispiel.

Auf der anderen Seite sind da die neuen Player, die sich mit autonomem Fahren, Sharing-Platt-formen, Konnektivität oder der Elektrifizierung befassen. Sind von dieser Seite neue Aussteller zu erwarten?
Ich kann mir gut vorstellen, dass aus dieser Richtung künftig das eine oder andere kommt. Ich rechnete eigentlich schon vor zehn Jahren damit, dass die Chinesen kommen. Damals war es offenbar aber noch zu früh, jetzt könnte aber die Zeit kommen.

Byton, Hongqi oder Wey waren heuer ja auch schon im Frankfurt.
Genau.

Auch in diesem Jahr werden vom 31. Oktober bis November wieder rund 60 000 Besucherinnen und Besucher im Zürcher Messezentrum erwartet.

Nischen sind auch immer attraktiv, was kann Zürich da heuer bieten?
Wir haben zum Beispiel den italienischen Sportwagenhersteller Pagani wieder dabei. Wir hatten ihn schon einmal vor 20 Jahren, ein absoluter Hammer. Unser Bestreben jedoch ist nach wie vor, die ganze Palette sprich den ganzen Markt abzubilden. Vom Formel 1 bis zum Kart, vom Traum-wagen bis zum Kleinwagen und all die neuen Angebote, die zum Thema neue Mobilität gehören.

Sauber ist heuer nicht dabei, und damit gibts auch keine Fire-ups sprich donnernde Motoren?
Leider ist dem so. Es wäre heuer neben den gleich-zeitig stattfindenden Rennen in Mexico und den USA zu aufwändig geworden.

Und der Dragster von Jndia Erbacher?
Den hätten wir sehr gern gehabt, das geht dieses Jahr aber auch nicht, weil die Autos in den USA an einem Rennen sind. Bei nächster Gelegenheit sind Erbachers aber wieder bei uns.

Dann wird die Auto Zürich heuer etwas leiser als in den vergangenen Jahren?
Davon kann man ausgehen.

Muss sich das Messeangebot gerade beim Motorsport immer dem Rennkalender anpassen?
Ja, da muss man flexibel bleiben. Jetzt machen wir heuer die Geschichte mit der Racing Fuel Academy.

Das heisst?
Da wo im letzten Jahr die Formel E präsent war, werden heuer zwölf Simulatoren stehen. Das sind hochwertige, aber noch bezahlbare Simulatoren für höchste Ansprüche, die Profipiloten wie Nico Müller oder Marcel Fässler fürs Training nutzen.

Stichwort Formel E: Die ist heuer nicht präsent an der Auto Zürich?
Vielleicht kommt noch etwas, sicher ist das aber nicht. So wie es aussieht, wird es nächste Saison ja kein Rennen in der Schweiz geben. Die Aktion mit den zerrissenen Werbebannern in Bern kam bei den Machern der Serie gar nicht gut an, sie fühlten sich nicht wohl in der Schweiz.

Apropos Störenfriede: An der IAA in Frankfurt gab es vor Kurzem angekündigte Demonstrationen von Kilimaschützern. Ist so etwas in Zürich auch zu erwarten?
Da unsere Plattform keine internationale Ausstrahlung geniesst, sehe ich hier keine grösseren Probleme auf uns zukommen. Selbstverständlich werden wir aber mit den Sicherheitsleuten in engem Kontakt und wachsam sein.

Sie machen die Auto Zürich jetzt zum 33. Mal. So lange Sie Freude haben, machen Sie weiter?
Sicher! Es gibt mehr zu tun als früher, aber das ist ja gut so. Wir freuen uns auf alles, was noch kommt!

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