Unter Spannung – 14 Stunden Hölle

LANGSTRECKE In der Stadt scheinen die Vorteile von E-Autos bewiesen. Aber wie sieht es auf längeren Strecken aus? Ein Bericht über den Weg vom Produktionswerk in Brüssel nach Bern.

Wir nehmen den nur teilweise geladenen E-Tron in der unmittelbaren Nähe des Werks Forest entgegen. Nachdem wir in der Umgebung von Brüssel problemlos einmal voll aufgeladen haben, verfügen wir über eine ausreichende Reichweite, um Frankreich zu erreichen. Das eingebaute GPS zeigt uns eine Schnellladestation (50 kW) auf dem Parkplatz eines Intermarché-Supermarktes in der Nähe von Metz. Als wir dort eintreffen, verfügen wir über eine Restreichweite von 80 Kilometern, doch die Station ist laut Bildschirm «temporär ausser Betrieb». Das ist die erste unangenehme Überraschung. Macht nichts, die im Vorfeld heruntergeladene App Chargemap zeigt ein paar Kilometer von unserem Standort entfernt einen Lidl an. Hurra! Ja, bloss, dass heute Sonntag ist und die beiden Stationen auf dem grossen Parkplatz ausgeschaltet sind. Zweite unangenehme Überraschung, die Reichweite beträgt nur noch 65 Kilometer. Sinkt sie auf 0, dann lassen wir ein mehr als 130 000 Franken teures Auto am Strassenrand einer ausländischen Autobahn zurück.

Weiter vorankommen
Zurück zu Chargemap. Im Norden von Metz gibt es auf dem Parkplatz einer Ikea-Filiale eine Ladestation. Einziger Haken: Wir müssen zurückfahren. Doch haben wir eine Wahl? Nicht wirklich. Vor Ort angekommen, versperren zwei grosse Barrieren den Zugang zum Parkplatz. Dritte unangenehme Überraschung. Etwas mehr als 40 Kilometer Reichweite noch, die ersten Schweissperlen zeigen sich auf unserer Stirn. Wiederum zeigt Chargemap nur einen Steinwurf entfernt eine Station an. Am besagten Ort eingetroffen, stellen wir fest, dass unsere Magnetkarte nicht mit den Stationen von Auchan kompatibel ist. Vierte unangenehme Überraschung. Zu diesem Zeitpunkt fällt es uns schwer, den Stress zu unterdrücken. Die Wut steigt, die Anzahl an Schimpfwörter auch. Nicht über das Auto, das sich trotz der Unannehmlichkeiten souverän zeigt, sondern über das embryonale und vernachlässigte Netz an Ladestationen. Zum Glück finden wir schliesslich eine Station mit 10 kW. Bleibt die Tatsache, dass wir bei dieser Geschwindigkeit mehr als sieben Stunden bräuchten, um die Batterie des Audi komplett aufzuladen! Wir entscheiden uns, die Batterie wenigstens für eineinhalb Stunden aufzuladen. Die knapp hundert Kilometer, über die wir nun dank der langsamen Aufladung verfügen, erlauben uns, bis zum Autobahnrastplatz St-Avold zu fahren, wo wir eine schnelle Ladestation und einen Starbucks vorfinden. Wir können zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Das Fahrzeug lädt auf, wir gehen ins Restaurant. Doch während wir unseren Kaffee geniessen, stoppt der Ladevorgang des Fahrzeugs nach 10 Minuten. Allerdings ohne ein spezifisches Geräusch oder ein Leuchtsignal. Es dauert mehr als 20 Minuten, bis wir merken, dass die Ladung unterbrochen wurde. Der Grund? Unklar. Und der Tankwart war nicht in der Lage, ihn uns zu erklären, obwohl dieses Problem «öfter auftrete», wie er eingestand.
Natürlich waren die paar Minuten, in denen unser Fahrzeug wieder zu Kräften kommen konnte, nicht ausreichend, um ihm eine Autonomie zu verleihen, die diesen Namen verdient hätte. Gemäss den Anweisungen der hilfreichen App nehmen wir die Ausfahrt ins Dorf von St-Avold auf der Suche nach der nächsten Ladestation. Wir fanden eine, doch sie stellte sich als wirkungslos heraus, da unsere Karte sie nicht entsperren konnte. Zweiter Versuch ein wenig weiter an einer anderen Station. Sie gehörte zum gleichen Betreiber und gewährte uns ebenfalls keinen Zugang zu ihren Anschlüssen. Der tränenreiche Wutanfall ist nicht mehr weit: Wir haben Brüssel um elf Uhr morgens verlassen, jetzt ist es 19 Uhr und wir haben noch nicht einmal die Hälfte unserer Strecke zurückgelegt, also kaum 320 Kilometer. Schlimmer noch: Eine funktionierende Ladestation zu finden, erscheint schlicht unmöglich. Zählen Sie selbst: Von den neun Stationen, an denen wir bis jetzt angehalten haben, waren sieben ausser Betrieb, ausgeschaltet, nicht zugänglich, schwach oder schlichtweg nicht benutzbar!

Das Auffinden von funktionierenden Ladesäulen hat sich als schwierig bis unmöglich erwiesen.

Doppelt so lange
Der heilige Christophorus, der Schutzpatron der Reisenden, der unsere Notlage spürte, erhörte schliesslich unsere Gebete. In unserem Fall zauberte er eine Ladestation – eine funktionierende! – auf einem Autobahnrastplatz nicht weit entfernt. Zwei Stunden später war die Batterie zu 100 Prozent aufgeladen und wir endlich bereit, um die zweite Hälfte der Strecke in Angriff zu nehmen, insgesamt 320 Kilometer. Das war ein Kilometer mehr als die Reichweite, die uns von den Instrumenten des E-Tron – wahrheitsgetreu – angezeigt wurde. Zwei Möglichkeiten: Mit Tempo 120 km/h fahren und so die Strecke zweiteilen oder nur 90 km/h fahren, um die Batterie zu schonen und so die Reichweite des Fahrzeugs zu erhöhen. In Anbetracht der offensichtlichen Schwierigkeit, eine Ladestation zu finden, wählten wir die zweite Möglichkeit. Die richtige Wahl: Zum Zeitpunkt, als wir auf dem Parkplatz der Redaktion bei Bern eintrafen, verfügte unser Fahrzeug noch über eine Reichweite von 50 Kilometern. Wir kamen um ein Uhr morgens am Ziel an und hatten 14 Stunden gebraucht. Mit dem Verbrennungsmotor hätten wir weniger als sieben Stunden benötigt. Und das ist die Zukunft, sagen Sie?

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here