Zum Erfolg verdammt

Als bisherige Referenz im C-Segment startet der Golf in die neueste Generation. Kann er seinen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verteidigen?

Auf dem MQB-Chassis montiert bietet der Golf 8 eine Vielzahl modernster Vernetzungstechnologien.

Seit seinem Erscheinen im Jahr 1974 ist der Golf nicht nur eines der meistverkauften Autos der Schweiz, sondern auch weltweit ein Bestseller. Das belegen die 35 Millionen produzierten Einheiten in 45 Jahren. Umgerechnet auf ein Jahr macht das 780 000 produzierte Fahrzeuge. Vergangenes Jahr verkaufte Volkswagen sogar 832 000 Golf, was einem Anteil von 13 Prozent am weltweiten Absatz des Wolfsburger Konzerns entspricht. Vergessen wir nicht, dass sich der Golf 7 (5.87 Mio. Einheiten) besser verkaufte als die letzten vier Generationen vor ihm (Golf 3: 4.96 Mio., Golf 4: 4.92 Mio., Golf 5: 3.27 Mio., Golf 6: 2.85 Mio.). Tatsächlich schnitten nur der Golf 1 und 2 mit 6.72 und 6.41 Millionen verkauften Einheiten besser ab als der Golf 7.

In den Hintergrund gedrängt

Trotz dieser Zahlen, die jeden anderen Hersteller vor Neid erblassen lassen, ist der Golf nicht mehr die erste Priorität des Volkswagen-Konzerns, der sich mittlerweile voll auf seine Elektromodelle konzentriert. Das zeigte sich auch auf der diesjährigen Ausgabe der IAA in Frankfurt (D), wo der ID 3 den Golf 8 als Messestar in letzter Minute ersetzte – obwohl der Golf schon immer das Ereignis der IAA war. Eine klare und eindeutige Botschaft von VW.

Der deutsche Konzern weiss natürlich, dass die Elektroautos noch nicht stark genug im Markt etabliert sind, um allein die Absatzzahlen auf dem alten Kontinent zu sichern. Bisher machen Elektrofahrzeuge nur drei Prozent der in Europa verkauften Modelle aus. «Der ID 3 wird nicht rasant aufsteigen», bestätigte Stefan Bratzel vom unabhängigen Institut Center of Automotive Managament gegenüber der französischen Presseagentur AFP. «Der Golf muss noch über mehrere Jahre den Löwenanteil der Stückzahlen sichern, sonst bekommt Volkswagen ein Problem.»

Soweit zu den Rahmenbedingungen der Markteinführung der achten Golf-Generation. Bleibt die Frage: Bietet der Neue immer noch alle Vorzüge, um weiterhin den Markt anzuführen? Nachfolgend ein paar erste Antworten nach seiner statischen Vorstellung. 

Motoren für jeden Geschmack

Für einen dauerhaften Verkaufserfolg bedarf es einer breiten Motorenpalette, die der Golf 8 mit mehreren Benzinern und Hybridaggregaten bietet. Neben den vom Vorgänger übernommenen TSI-Dreizylinder (1.0 Liter mit 90 oder 110 PS) und Vierzylinder (1.5 Liter mit 130 oder 150 PS) bietet Volkswagen nun Mild-Hybrid-Antriebe mit 48-Volt-Bordnetz an. Unter dem Namen ETSI leisten diese Motoren 110, 130 und 150 PS. Die Selbstzünder basieren auf dem Zweilliter-TDI (115 und 150 PS). Eine gute Nachricht für die Schweiz gibt es: der 4Motion-Antrieb wird für zahlreiche Versionen angeboten, so auch für das R-Modell mit dem optimierten Zweiliter-TSI, der um die 340 PS leisten dürfte. Der sportliche GTI kommt Anfang des kommenden Jahres ebenfalls. Bereits bekannt ist der Plug-in-Hybrid GTE (u.) mit 245 PS, der den 1.5-Liter-TSI mit einem Elektromotor und einer Lithium-Ionen Batterie von 13 kWh (Kapazität +50% im Vergleich zum Vorgänger) kombiniert. Der Antriebsstrang des alten GTE (204 PS) kommt auch im neuen Golf zum Einsatz – im Standard-Plug-in. Dazu kommt erneut eine Erdgas-Version.

Konservatives Design

Der Golf 8 übernimmt die MQB-Plattform seines Vorgängers einschliesslich der Abmessungen im Innern und aussen (L × B × H 4284 × 1789 × 1456 mm, Golf 7 4255 × 1799 × 1452 mm). Das Design des Golf wurde nur dezent verändert: Die neuen Scheinwerfer kommen mit Augenbrauen, die bis in die Stossfängerecken reichen. Daran anschliessend folgen die höher positionierten Sicken auf Türfalzhöhe. Die Stossfänger ändern ihre Optik je nach Ausstattungsvariante. Die Heckleuchten ähneln denen des T-Roc. Eine dreitürige Variante wie beim vergangenen Modell wird es vom neuen Golf 8 nicht mehr geben.

Technologie im Überfluss

In Anbetracht der immer zahlreicheren Assistenzsysteme hat Volkswagen alle Autonomie-Funktionen unter einer Bedienung, dem Travel Assist, zusammengefasst. Dieser vereint eine Reihe von Fahrhilfen wie den adaptiven Tempomat (ACC), den Stauhelfer, der das Auto selbsttätig bis 60 km/h anfährt und bremst, oder auch den aktiven Spurassistenten.

Schlichtes Interieur

Konservatives Äusseres, aber innovativ im Innern: So kommt der aktuellste Golf mit einer Instrumententafel nach dem letzten Stand der Digitaltechnologie mit frei stehendem 10.25 Zoll grossem Infotainmentbildschirm und dem neuen Multifunktionslenkrad, das aus dem Passat bekannt ist. Auch der Golf verfügt über ein auf der Frontscheibe ablesbares Head-up-Display. Das schlichte Interieur wird durch eine völlig neue LED-Beleuchtung aufgewertet. Mit Ausnahme der Bedienknöpfe am Lenkrad gibt es im Interieur nur noch die Touchscreen-Bedienung inklusive der Funktionen der Lichtschalter und des Schiebedachs. Der Wahlhebel des By-wire-Doppelkupplungsgetriebes gefällt durch seine schlanke Gestaltung.

Scheinwerfer aus der Premiumklasse

Bisher begnügte sich der Golf mit zwei unterschiedlichen Scheinwerfern; der Golf 8 kommt jetzt mit drei LED-Leuchten. Die Topversion bekommt die IQ-Light-LED-Matrix-Scheinwerfer von Audi sowie Touareg und Passat. Die 22 LEDs (pro Scheinwerfer) ermöglichen das Beibehalten des Fernlichtes unter zahlreichen Verkehrsbedingungen.

KOMMENTAR

Deutlich sichtbare Skaleneffekte

Herbert Diess, der derzeitige CEO des VW-Konzerns, wurde 2015 von Manfred Winterkorn zu VW gerufen, um die damals schwache Volkswagen-Rendite zu steigern. Das erreichte Dies durch die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit der Marke sowie Produktivitätsgewinne in den Komponenten- und Montagewerken. Diese Skalenerträge werden heute im neuen Golf – leider – sichtbar, wo der Instrumententräger völlig ohne herkömmliche Schalter auskommen muss. Es ist einfacher und vor allem billiger, sämtliche Bedienelemente auf einem Touchscreen zusammenzulegen als das ganze Auto zu verkabeln.

Die Ergonomie kommt dabei leider zu kurz: Dort wo man im Golf 7 über die klassischen Bedienelemente mit einem Klick in das Navigationsmenü gelangte und dabei die Augen auf dem Verkehrsgeschehen behielt, muss man in Zukunft den Blick auf dem Monitor richten, um dasselbe Ergebnis zu erreichen. Auch der bewegliche Dosenhalter des Golf 7 fehlt im neuen Golf 8. Das ist nur eine kleine Randnotiz, aber solche Detaillösungen waren bisher die Stärke des Golfs.  

Olivier Derard

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