Openair-Festival

ikone Der Porsche 911 hat seine achte Verwandlung durchlaufen. Trotz des höheren Gewichts und der grösseren Dimensionen wurde die Essenz des Erfolgsrezepts auch im Cabrio beibehalten.

Es ist nicht einfach, Fahrzeug-Ikonen weiterzuentwickeln. Es gilt zu modernisieren, ohne die wesentlichen Eigenschaften zu verfälschen, sich in Frage zu stellen, ohne seine Identität zu verlieren. Daher verändern sich diese Ikonen nicht, sie reifen vielmehr. Der Porsche 911, die Ikone unter den Ikonen, bewegt sich seit mehr als 50 Jahren in dieser schmalen Zone zwischen Entwicklung und Bruch. Die achte Porsche-Generation, die Modellreihe 992, wusste dieses Rezept neu zu interpretieren, ohne es aber zu verfälschen. Der 911 ist in jeder Hinsicht ein echter Blickfang. Die hervorstehenden Augen (LED-Scheinwerfer serienmässig) gehören natürlich dazu. Die Elemente im Heckbereich waren noch nie so gross, und trotz des Stoffdachs schafft es die Cabrioletversion, die sehr charakteristisch abfallende Dachlinie des Coupés beizubehalten.

Die Heckleuchten der Serie 992, die mit der Vorläuferserie 991 wiedereingeführt wurden, erstrecken sich hinten über die ganze Fahrzeugbreite – ein weiteres typisches Markenzeichen des 911. Der neuste Porsche unterscheidet sich allerdings von der Serie 991 durch dünnere und höher liegendere LED-Elemente.

Die Heckansicht ist der markanteste Teil dieser nunmehr achten Modellgeneration.

Gleichermassen klassisch wie modern
Auch wenn die Basis identisch mit dem Vorgänger ist, so ist der 992 bedeutend gewachsen: Drei Zentimeter mehr in der Länge (4.52 m) und fünf Zentimeter mehr in der Breite (1.85 m). Das deutsche Coupé imponiert optisch (vielleicht etwas zu stark), der schmächtige Charakter der letzten Modelle gehört definitiv der Vergangenheit an. Gleichwohl trifft die moderne Klassik (oder klassische Moderne) des charismatischen GT weiterhin voll ins Schwarze.

Der Innenraum entspricht voll und ganz demjenigen des Panamera: Die sehr breite Mittelkonsole bietet viel Raum für die zahlreichen Oberflächen mit Feedback-Informationen. Geistesgegenwärtig hat Porsche die physischen Kipphebel für die wesentlichen Funktionen wie die Temperaturregelung oder die Lüftungsstärke beibehalten. Der Gangwahlhebel des Achtgang-Doppelkupplungsgetriebes (PDK) ist leider impulsgesteuert, weshalb der Fahrer nie weiss, in welcher Position er sich gerade befindet, es sei denn, er schaut auf die Anzeige im Armaturenbrett.

Entsprechend der aktuellen Tendenz umfasst die Instrumentierung zusätzlich zum hervorragenden Infotainment-Bildschirm noch weitere Bildschirme. Leider versperrt der Lenkradkranz die Sicht auf die Bildschirme am äusseren Rand des Armaturenbretts. Die begeisterten Anhänger des 911 können aber beruhigt sein, denn Porsche hat den analogen Drehzahlmesser in der Mitte des Armaturenbretts beibehalten. 

Die hochwertigen Materialien sowie die perfekte Sitzposition, die dank einer grossen Auswahl an verfügbaren Einstellungen ermöglicht wird, erweisen der Porsche-Tradition ebenfalls alle Ehre. Sich zu lange auf den Rücksitzen breit zu machen lohnt sich nicht, denn aufgrund des begrenzten Platzes sind sie sogar für Kinder unbequem. Der Rücksitz dient also eher als zusätzlicher Laderaum zu den 132 Litern unter der Fronthaube.

Wohlerzogen im Alltag
Liebhaber des 911 werden nicht lange nach dem Schlüssel suchen – der fixe Drehschalter befindet sich seit den ersten Modellen auf der linken Seite des Lenkrads. Der Anlasser ist verbunden mit einem weiteren unverzichtbaren Element, dem Sechszylinder-Boxermotor hinten. Aufgrund der Umweltnormen wurde der Dreiliter-Biturbomotor mit einem Partikelfilter ausgestattet. Dies hindert den Carrera S allerdings nicht daran, 450 PS und 530 Nm zu entwickeln. 

Beim Starten klärt sich die Stimme unseres 911 Testmodells mit einem heiseren, unter Tausenden erkennbaren Knurren, der Partikelfilter scheint klangmässig nicht zu viel Schaden angerichtet zu haben. Auf alltäglichen Strassen zeigt sich das deutsche Cabriolet wohlerzogen: Das Zusammenspiel zwischen Motor und Getriebe lässt keinerlei Erschütterungen zu, und die adaptive Federung erhöht den Komfort bei Unebenheiten. 

Im Gegensatz zu früheren Ausführungen gelingt es dem 911, seine markante Dachlinie auch dann beizubehalten, wenn das Dach geschlossen ist. Das Öffnen des Verdecks dauert nur 13 Sekunden.

Eine zweifelhafte Preispolitik
Der 911 öffnet das Verdeck in 13 Sekunden und das bei einer Geschwindigkeit von bis zu 50 km/h. Der einziehbare Windschutz erlaubt sogar, mit Autobahngeschwindigkeit zu fahren, ohne dass die Ohren brummen. Ist das Verdeck geschlossen, ist die Sicht nach hinten hingegen fast gänzlich weg. Die Rückfahrkameras, die je nach Position des Lenkrads von links nach rechts schwenken, gehören zum empfehlenswerten Zubehör – mit 1260 Franken sind sie allerdings etwas teuer. Trotz des hohen Basispreises von 175 600 Franken scheut sich Porsche nicht, nochmals 1290 Franken für einen Spurhalte-Assistenten, 1000 Franken für einen Totwinkel-Assistenten, 2070 Franken für einen adaptiven Tempomat und 2750 Franken für elektrisch verstellbare Sitze zu verlangen. Zubehör, das bei einem anständigen Kompaktwagen für 30 000 Franken oft serienmässig enthalten ist.

Doch diese Preis- und Optionenpolitik scheint die immer zahlreicher werdenden Liebhaber der Marke nicht zurückzuhalten. Für sie hat der unwiderstehliche Cocktail aus Zuffenhausen verständlicherweise keinen Preis. Es genügt, den 911er auf einer kurvenreichen Strasse zu provozieren, um diese Anziehungskraft zu verstehen. 

Ein waschechter 911
Trotz seines Heckmotors – ein Nachteil für das Gleichgewicht des Fahrzeugs – verblüfft der 911 durch seine Wendigkeit: Der Porsche dreht sich praktisch um die eigene Achse, so wie ein Fahrzeug mit zentralem Motor. Nur bei heftigen Richtungsänderungen spürt man die enorme Masse, die auf der Hinterachse liegt und sich durch eine Pendelbewegung äussert. Das zusätzliche Gewicht von rund 70 Kilogramm (1660 kg insgesamt) im Vergleich zum Vorgänger Carrera S Cabriolet ist auch in den Kurven spürbar. Nicht dramatisch, denn das Niveau bleibt trotzdem umwerfend. Zudem macht der 992 andere Vorzüge geltend: von seiner Lenkung, über die millimetergenaue Präzision, die ideale Beschaffenheit bis hin zum herrlich natürlichen Empfinden. Dann der Motor, der die Masse mit der Kraft der beiden Turbos wie eine Feder wegpustet. Die Progression in den Umdrehungen ist bereits bei niedriger Drehzahl sehr stichhaltig und wird zwischen 4000 und 6500 Touren/min geradezu explosiv und heftig. In diesem Drehzahlbereich zeigt sich der 911 von seiner besten Seite – ein wildes, nicht zu bändigendes Tier. Nur bei sehr hoher Drehzahl verliert sich die Bissigkeit ein wenig. Die Stoppuhr misst beim Deutschen einen sehr beeindruckenden Wert von 3.8 Sekunden für den Spurt von 0 auf 100 km/h. Trotz ein paar kleiner Vorbehalte verbleibt der 911 der Modellreihe 992 auf einem spektakulären Niveau. Nicht nur die Anhänger von Porsche können beruhigt sein: Der grosse Frosch hat die achte Verwandlung erfolgreich gemeistert. 

FAZIT – Lorenzo Quolantoni, Tester
Es war eine schwierige Aufgabe, den Bestseller für die zahlreichen Fans aufzufrischen, doch die Ingenieure aus Zuffenhausen haben es geschafft, den 911 sogar noch zu verbessern. Schneller, geschmeidiger, moderner – die Serie 992 ist ihrem Vorgänger in jeder Hinsicht überlegen, mit Ausnahme der Wendigkeit. Dort machen sich die Körperfülle und die grosszügigen Abmessungen bemerkbar. Das Fahrverhalten bleibt jedoch auf einem erstaunlichen Niveau, weit besser als die unvorteilhafte mechanische Anordnung (Heckmotor) vermuten liesse. Die Cabrioversion erlaubt zudem, vom Röcheln des Sechszylinder-Boxermotors ohne Einbussen in Sachen Festigkeit zu profitieren. Was will man mehr?

1 Kommentar

  1. Es ist schon erstaunlich, dass die Ingenieure den neuen Porsche 992 in vielen Details verbessern konnten. Allerdings konnte ich als langjähriger Liebhaber des 911 nicht verstehen, dass im 911 das Cockpit die typischen wunderschönen und bewährtem Rundinstrumente den an die Zeit angepassten Bildschirmen geopfert wurden. Ein 911 Fahrer interessiert sich nicht für Mäusekino,. Sein Blick ist auf die Strasse/Kurven gerichtet und Ablenkung von unnötigen Informationen über LED ist auch negativ für die Fahrsicherheit.
    In allen anderen Baureihen von Porsche ist die Anpassung des Cockpits an den Mainstream sicher ein erforderlich. Beim 911 ist dies ein falsche Politik. Ich bin gespannt auf die Auswirkungen auf die Gebrauchtwagenpreise.

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