Nach Horch, Trabi, Polo und Golf jetzt ID 3

NEUES VW-ZEITALTER Seit wenigen Tagen läuft der ID 3 von VW in Serie vom Band. Für das Werk Zwickau in Sachsen, wo seit 1904 Autos gebaut werden, ist das ein Meilenstein.

Volkswagen lanciert ein neues, epochales Kapitel in seiner Firmengeschichte. Seit Kurzem läuft in Zwickau (D) das erste vollelektrische Modell des Unternehmens, der ID. 3, in Serie vom Band. 2020 sollen es 100 000 und ab 2021 rund 330 000 E-Fahrzeuge sein, neben dem ID 3 auch das SUV ID 4, der ID Buzz, der ID Vizzion, der ID 3 R sowie Stromer anderer Konzernmarken wie Audi oder Seat. Dazu wurde und wird das Werk in Westsachsen für 1.2 Milliarden Euro umgebaut. So entsteht das leistungsfähigste reine E-Autowerk Europas. In diesem Tempel predigt Konzernchef Herbert Diess gnadenlos die E-Religion. So sagt er: «Es ist keine Frage mehr, ob sich das Elektroauto durchsetzt, sondern wie schnell und in welcher Region zuerst.»

Die Umstellung auf die Hochvolttechnik hat das aufwändigste Umschulungsprogramm in der VW-Geschichte zur Folge. Total sind es 13. 000 Trainingstage. Entsprechend vorsichtig fährt man die Produktion derzeit hoch, zum Start sind es 15 bis 20 Autos täglich. Bis Jahresende will man in Zwickau täglich 50 ID 3 bauen. Noch sind im Produktionsablauf zwischen den einzelnen Autos Leertakte eingefügt und laufen die Bänder noch sehr gemütlich. So hätten die Mitarbeiter Zeit, die neuen Abläufe zu verinnerlichen, sagt Holger Hollmann, Leiter der Halle 5. Ein Jahr werde diese Hochlaufphase dauern und es sei logisch, dass es bis dahin noch Pannen geben werde. Diese seien indes nötig, so Hollmann, um später eine flüssige Montage zu gewährleisten.

Mit der Umstellung auf die Produktion von E-Autos hat sich der Automatisierungsgrad im Werk Zwickau von 17 auf 28 Prozent erhöht. «Wenn auch künftig in Deutschland Autos gebaut werden sollen, ist mehr Automatisierung nötig, um eine höhere Produktivität zu erreichen und die im Vergleich zum Ausland hohen Löhne auszugleichen», erklärt Konzernchef Diess.

Der Modulare E-Baukasten
2020 wird in Zwickau ein Übergangsjahr, weil der Golf ebenfalls weiter in Sachsen produziert wird, wo 1904 das Horch- und 1909 das Audi-Werk entstanden und zu DDR-Zeiten drei Millionen Trabi hergestellt wurden. Später kamen der Polo und der Golf dazu. 2021 soll die Produktion von Verbrennerfahrzeugen in Zwickau eingestellt werden und die Serienproduktion der ID-Familie unter Vollstrom laufen.

Noch vor Kurzem undenkbar: Kanzlerin Angela Merkel auf Tuchfühlung mit dem VW-Konzern.

Die Stromer von VW basieren alle auf dem Modularen E-Baukasten (MEB), der die Herstellung von E-Autos effizienter und folglich kostengünstiger macht. Herzstück des MEB ist die flache und skalierbare Hochvoltbatterie, die fest im Unterboden der Autos integriert ist. Der MEB ist keine Multifunktionsplattform wie bei anderen, sondern eine reine E-Plattform, die die Elektromobilität und ihre Vorzüge optimal  und kosteneffizient zum Einsatz bringt. Mehr als eine Milliarde Euro hat VW in die Entwicklung des ID 3 gesteckt. Eine Investition, die sich nun als Volltreffer herausstellen kann. Ford hat sich die Nutzung der MEB schon gesichert, andere, die beim E-Antrieb noch zögerlicher unterwegs waren, können und werden folgen und VW sehr viel gutes Geld einbringen. Bis 2028 will VW rund 22 Millionen E-Fahrzeuge verkaufen und so der E-Mobilität als Weltmarkt­leader zum Durchbruch verhelfen. Thomas Ulbricht, Vorstand für E-Mobilität bei VW sagt, dass der ID 3 im Sommer 2020 mit Wucht in allen EU-Ländern – und auch der Schweiz – auf den Markt kommen solle. «Mit dem Umbau des Werkes in Zwickau auf 100 Prozent Elektroantrieb leiten wir einen Systemwechsel in der Automobilindustrie ein», ergänzt Markenvertriebsvorstand Uwe Stackmann. Und: «Wenn sich VW in eine Richtung bewegt, dann bewegen sich Dinge.» Schliesslich ist VW die Nummer 1 der Welt. Dabei soll der ID 3, der letztlich an acht Standorten produziert werden soll (neben Europa auch in China und den USA), der Nachfolger des Käfers und Golf als sprichwörtlicher Volkswagen werden.

Ein Prozent CO2 stammt von VW
Neben der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel kamen auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und der frühere VW-Vorstandschef Carl Hahn, der VW 1989 nach Sachsen brachte, zur Feier des ID 3-Serienstarts. Allein die Präsenz von Merkel bei VW ist bemerkenswert und ein wichtiges Zeichen dafür, dass VW mit seiner Strategie politisch goldrichtig liegt. Noch vor drei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass Merkel mit VW auf Kuschelkurs geht. Und jetzt sieht es danach aus, dass VW hinsichtlich seiner E-Offensive mit sehr viel Goodwill und Unterstützung seitens der deutschen Bundesregierung rechnen darf. «Der ID 3 wird einen wichtigen Beitrag zum Durchbruch der E-Mobilität leisten», sagt VW-Vorstandsboss Diess. «Er macht saubere, individuelle Mobilität für Millionen Menschen erreichbar.»

Bis 2050 will VW als Konzern klimaneutral unterwegs sein. Selbst die Zulieferer will VW auf CO2-arme Produktion konditionieren. Und was sich trotz aller Anstrengungen nicht vermeiden lässt, wird durch den Kauf von CO2-Zertifikaten kompensiert. Alle heute auf der Welt herumfahrenden Volkswagen sind für ein Prozent des gesamten CO2-Ausstosses verantwortlich. «Eine interessante Zahl, die ich so nicht kannte», sagte Angela Merkel in Zwickau. Umso mehr freue es sie, dass VW nun punkto E-Mobilität vorausmarschiere. «Von seiten der Regierung sind wir bereit, diesen Weg zu unterstützen», so die Kanzlerin. Die Bundesregierung will E-Autos mit höheren Kaufprämien sowie Hunderttausenden neuer Ladepunkte bis 2030 zum Durchbruch verhelfen.

Heute fahren auf Deutschlands Strassen rund 220 000 E-Autos, bis 2030 sollen es zehn Millionen sein. Merkel will die Frist für Kaufprämien für E-Autos bis Ende 2025 verlängern. Für rein elektrische Autos unterhalb eines Listenpreises von 40 000 Euro, wie den ID 3, soll der Zuschuss von bisher 4000 Euro auf 6000 Euro steigen. Oberhalb eines Kaufpreises von 40 000 Euro wird der Zuschuss für reine E-Autos künftig bei 5000 Euro liegen. Plug-in-Hybride unter 40 000 Euro werden statt mit 3000 künftig mit 4500 Euro gefördert, oberhalb der 40 000-Euro-Marke werden es 4000 Euro sein. Zudem sind E-Fahrzeuge bei Erstzulassung bis am 31. Dezember 2020 in Deutschland für zehn Jahre von der Fahrzeugsteuer befreit. Das tönt aus elektrischer Sicht hoch spannend. 


Romandie will nicht

In der Schweiz ist der ID 3 ab Januar konfigurierbar und ab 32 000 Franken erhältlich. Die ersten Autos werden dann im Sommer 2020 ausgeliefert. Schon früher kriegen ihn die Käufer der speziellen Vorserie, die allerdings weit über 40 000 Franken kostet und über die mittlere 58-kW-Batterie mit einer Reichweite von 420 Kilometern sowie viele Extras wie Schiebedach oder Head-up-Display verfügt. Diese Pre-Booker-Serie umfasst total 35 000 Autos und wurde aufgrund eines internen Schlüssels auf die verschiedenen europäischen Länder verteilt. Für die Schweiz sind das weniger als 1000 Autos, die primär in der Deutschschweiz Käufer finden. In der Romandie ist das Interesse am E-VW bisher noch eher unterdurchschnittlich, keine zehn Prozent des Schweizer Kontingents gingen über den Röstigraben.

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