Gutes Design muss reifen

BMW-STIL Ein Fahrzeug will einerseits Identität wahren, andererseits muss sein Design auch Trends folgen. Darüber spricht BMW- Designer Christopher Weil am Beispiel der 7er-Reihe.

Es ist nicht einfach, Designer bei einer Automarke zu sein. Denn als solcher muss man einen Spagat machen zwischen den Anforderungen der Ingenieure und Aerodynamiker sowie den Wünschen des Vorstands, der das letzte Wort in der Genehmigung des Modells hat. Darüber hinaus muss man sich als Designer vorstellen, wie die Welt in einem Jahrzehnt aussehen wird: Ein Auto, das heute von einem Designer konzipiert wird, kommt erst in fünf Jahren auf die Strasse. Dann sollte es mindestens sieben weitere Jahre auf dem Markt bleiben. «Wir haben von Projektbeginn an klare Vorstellungen davon, was wir ausdrücken möchten», erklärt Christopher Weil, Leiter für Aussendesign bei BMW.

Die Designer können nicht von Grund auf alles neu entwerfen und die Vergangenheit aussen vor lassen. Es gilt, die Identität – die Merkmale eines Herstellers – zu wahren und weiterzuentwickeln. Um die stilistische Entwicklung einer Marke zu verstehen, lohnt es sich, mit der Betrachtung ihres Spitzenmodells anzufangen. Als Flaggschiff führt dieses Modell Designneuheiten ein, die dann an die unteren Segmente weitergegeben werden. Nehmen wir den BMW E32 der 7er-Serie von 1986, Weils Lieblingsserie: Diese Serie hat die Heckleuchten in L-Form eingeführt, ein immer noch typisches BMW-Merkmal. Es ist auch eines der ersten Modelle aus Bayern, welches auf die nach hinten geneigte Front verzichtete, typisch für die BMW der Jahre 1970 bis 1980: Die 7er-Serie von 1987 brachte einen vertikalen Kühlergrill und eine höhere Motorhaube mit sich. Man sieht, dass der E32 angesichts seiner Nachkommen von 2015 und 2019 (Generation G11) gut gealtert ist.

Der Hofmeister-Knick, quasi ein Ellenbogen hinter den Seiten­fenstern, ist seit dem 3200 CS von 1961 ein BMW-Stilelement.

Die technischen Anforderungen
Weil geht zur 7er-Serie G11 von 2015, die für den Vortrag ebenfalls im BMW Brand Experience Center in Dielsdorf ZH steht. Er verweilt beim Hofmeister-Knick, dem doppelt geknickten Übergang von der C-Säule zum Wagenkörper. Seit dem 3200 CS von 1961 schmückt dieses auf den damaligen Chefdesigner Wilhelm Hofmeister zurückgehende Merkmal praktisch alle BMW: «Zur Betonung dieses Elements haben wir bei diesem Modell einen dickeren und aus einem einzigen Stück gefertigten Fensterrahmen aus echtem Metall angebracht.»

Weil beugt sich dann zu den in den Radkasten mündenden vertikalen Lufteinlässen an der vorderen Stossstange hinab. Ein Teil der Luft werde zur Kühlung der Bremsen genutzt, doch der grösste Teil des Einlasses diene dazu, einen «aerodynamischen Vorhang» zu schaffen, um den durch die Rad­rotation bedingten Turbulenzen entgegenzuwirken. Dann weist Weil auf ein weiteres Merkmal des BMW hin: die kurze Distanz zwischen dem Lenkrad und der Vorderachse.

Der 7er E32 von 1986 (in Bordeaux) ist der erste mit L-förmigen Rückleuchten, einem weiteren Merkmal moderner BMW.

Der Designer geht anschliessend zur überarbeiteten Version des G11, die 2019 vorgestellt wurde. Er verweilt bei den Auspuffblenden, die perfekt in die Stossstange integriert sind und ein weiter hinten liegendes Rohr mit bescheideneren Dimensionen erkennen lassen. «Aus technischen Gründen sind wir gezwungen, ein bisschen Platz rund um das Auspuffrohr zu lassen. Das Rohr bewegt sich und dehnt sich während der Fahrt aus», erklärt Weil. «Um beispielsweise Verbrennungen bei Fahrradfahrern zu verhindern, dürfen die tatsächlichen Auslässe nicht direkt an der Stossstange liegen.»

Er betont, wie sorgfältig alle diese Aspekte beachtet wurden. «Zeit ist eine Luxuskomponente. Damit meine ich die Zeit, die wir aufgewendet haben, um diese Fahrzeuge zu gestalten, und die Art und Weise, wie die Zeit das Produkt beeinflusst: Damit etwas gut werden kann, muss es reifen – wie ein Wein.» Erst die Zukunft wird zeigen, ob die Generation G11 genauso gut altert wie der E32, der in zeitloser Schlichtheit erstrahlt. 

Hier strömen zwar die Abgase aus, aber das eigentliche ­Auspuffendrohr ist leicht kürzer und gut versteckt.

Kunden mögen die grosse Niere

Es ist nicht möglich, über die aktuelle Stilrichtung von BMW zu schreiben, ohne dabei den Kühlergrill zu erwähnen, der in den letzten Jahren drastisch gewachsen ist und für Spott und negative Kommentare sorgte. «Wir wollten etwas Standesgemässeres und Stärkeres anbieten. Wir sind uns der Kritik am neuen Kühlergrill sehr wohl bewusst», sagt BMW-Designer Christopher Weil dazu. «Allerdings kommt diese Kritik vor allem von der Presse und nicht von unseren Kunden. Das Feedback auf Verkaufsebene ist mehr als positiv.» Der nun breitere und vertikalere Kühlergrill besitzt nicht nur eine ästhetische Wertigkeit, sondern birgt auch technologische Vorteile. Bei hoher Geschwindigkeit schliessen sich die dynamischen Klappen des Grills, um die Aerodynamik und den Verbrauch zu optimieren.

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