Herzschrittmacher

TRENDIG Der Range Rover Sport Si6 MHEV als Sondermodell HST ist der Türöffner der schweren britischen SUV zur Elektrifizierung. Davon merkt man im Fahrbetrieb allerdings nichts.

Man sollte gar nicht erst auf die Idee kommen, sich wegen der Art des Testfahrzeugs ein schlechtes Gewissen einzureden, sondern das Auto so sehen und fahren, wie es eben ist. Schwer, stark, selbstbewusst, edel. Und für seine Klasse auch umweltfreundlich. Nicht umsonst hat der zweitgrösste Range Rover viele Freunde in der Schweiz. Und das neueste Modell, der milde Hybrid, zeigt nach der Plug-in-Hybrid-Variante, dass die Briten konsequent auf die Elektrifizierung hinarbeiten.

Doch wie fährt sich dieser sportliche Range? Zunächst besteht Erklärungsbedarf für den Begriff MHEV (Mild Hybrid Electric Vehicle). Hauptakteur unter der langgestreckten Motorhaube ist der erste und damit neueste Sechszylinder-Benziner aus der Ingenium-Baureihe, der den V6 ersetzt, 400 PS leistet und vorerst für das Sondermodell RR Sport HST reserviert ist. Er wird im neu eröffneten Jaguar Land Rover Motorenwerk in Wolverhampton (GB) produziert. Er ist mit einem zweiflutigen Turbolader und variabler Ventilhubsteuerung ausgestattet. Die Konsequenz: hohe Leistung und viel, sehr viel Atemluft. Und das merkt man beim Fahren sofort, es gibt kaum ein Turboloch! Der elektrisch angetriebene Verdichter erreicht übrigens in lediglich 0.5 Sekunden Drehzahlen von bis zu 120 000 U/min und ist direkt mit der Drosselklappe verbunden. Nichts bemerkt man jedoch vom Mildhybrid-System. Sein Herzstück ist ein neu entwickeltes Start-Stopp-System mit integriertem, riemengetriebenem Starter-Generator, das bei Fahrzeugstillstand den Motor ­abschaltet. Ausserdem rekuperiert das Mildhybrid-System beim Verzögern und speichert die ge­wonnene Energie in einer 48-Volt-Batterie. Diese Energie wird gebraucht, um dem schweren Ge­ländewagen Beine beim Anfahren zu machen. ­Eine Art Herzschrittmacher. Gleichzeitig wird so etwas Treibstoff gespart.

Die breite Konsole zwischen Fahrer- und Beifahrersitz wurde beibehalten, neu sind grosse integrierte Monitore. Der Fussraum bleibt gewohnt eingeschränkt. Der Sitzkomfort vorne und hinten ist gut, der Fussraum hinten grosszügig.

Durchaus sparsam
Es sei vorangestellt: Das Testfahrzeug benötigte 10.3 Liter im Mischbetrieb – im Innerortsverkehr über Landstrassen bis zur flüssigen Autobahnfahrt. Das kann man durchaus als sparsam einordnen, wenn man das Gesamtgewicht des Range Rover Sport in Betracht zieht: rund 2.5 Tonnen. Übrigens sollen die normalen Range Rover ab Modelljahr 2020 mit demselben Ingenium-Triebwerk ausgestattet werden. Hat man erst einmal sämtliche elektronischen Bedienelemente aktiviert, soweit sie im HST neu sind, man sie verstanden hat und sie zu benötigen glaubt, gehört die gesamte Aufmerksamkeit des Fahrers seinem fahrbaren Untersatz, der einst als «fahrender Feldherrnhügel» verballhornt worden ist. Ein der blumigen Sprache nicht abholder Journalist bezeichnet ihn aktuell so: Der SUV sei unter den Autos der Buckingham-Palast, während ein konventionelles Vehikel eher als Onkel Toms Fischerhütte zu bezeichnen sei. Er hat wohl neben dem äusseren Erscheinungsbild vor allem auf das Interieur Bezug genommen, das sich beim schwarzen Testfahrzeug konsequent ganz in Schwarz präsentierte – schwarze Ebony-Ledersitze, schwarzes Premium-Velours an den Säulen und am Dachhimmel und sogar ums Multifunktionslenkrad. Dieses fühlt sich irgendwie kuschelig und auch in der kalten Jahreszeit warm an und ist erst noch beheizbar. Aber: Was ist, wenn man an den Händen transpiriert? Bleibt es auf Dauer so schön, wie es war, als es neu war? Andererseits: Im Sommer verbrennt man sich daran nicht die Handflächen.

Jedenfalls ist das Lenken ein Vergnügen. Die hohe Sitzposition ist erneut zu rühmen, der Überblick über das Verkehrsgeschehen draussen suggeriert Souveränität. Die wird von der adaptiven Geschwindigkeitsregelung noch gesteigert, die wie eine Verfolgungsautomatik das Aussitzen von Stop-and-go-Staus in komfortablen Sesseln angenehm und vor allem sicher macht. Auffahrkollisionen sollten da eigentlich der Vergangenheit angehören. Blöd nur, wenn ein Vorausfahrender bereits auf seiner Fahrspur verzögert, um dann in eine Raststätte abzubiegen. Natürlich bremst der Range dann auch, und danach dauert es doch etwas zu lange, bis er wieder in Fahrt kommt und die programmierten 120 km/h wieder erreicht. Zwar fahren wir schon lange, aber da wären noch das Navi zu erwähnen, das Head-up-Display und die Anzeigen im Armaturenträger. Alles Touchscreens, alles digital. Die Anzahl physischer Knöpfe wurde auf ein Minimum reduziert: Dominant sind die zwei grossen Drehregler, die nicht nur das Klima, sondern auch die Sitzheizungstemperatur steuern, der Radio-Einschaltknopf samt Lautstärkeregelung und der Knopf für die Fahrmodi-Regelung auf der Mittelkonsole. Dafür sind die verschiedenen Menüs, die über die beiden Touchscreens aktiviert werden können, ziemlich umfangreich und dadurch komplex. 

Schwarz dominiert: Karbonelemente tragen zum sportlichen Charakter des Testfahrzeugs bei, einzig LED-Scheinwerfer, Felgen und Typenlogo unterbrechen den Traum in Schwarz.

FAZIT – Hans-Peter Steiner, Tester

Der schwarze Range Rover Sport mit seinen diversen schicken Applikationen in Karbonoptik ist nicht nur ein Hingucker. Er fährt sich auch wie alle seine Brüder – elegantes Dahingleiten gepaart mit Souveränität im Verkehr. Man hat die Power, wenn man sie braucht, muss sie aber nicht nutzen, wenn man nicht will. Aber wenn er marschiert, marschiert er. Von der elektrischen Unterstützung merkt man nichts, man verlässt sich einfach auf die 294 kW unter der Haube aus dem neuen Reihensechszylinder. Dazu dürfte sich die milde Hybridisierung an der Tanksäule bemerkbar machen, weil der RR Sport weniger Sprit beim stromunterstützten Anfahren verbraucht, insbesondere im städtischen Verkehr, der ja nicht unbedingt sein angestammtes Habitat ist. Wer im Übrigen keine Lust hat, einen Plug-in-Hybrid-Range zu fahren und abends ein Stromkabel einzustöpseln, um ihn zu laden, der ist mit dem Mild-Hybrid gut beraten, weil man das hier eben nicht tun muss – er ist ein guter Kompromiss.

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