Hochskaliert

NEUES LABEL 2012 hiess der kompakte Škoda noch Rapid Space­back, jetzt kommt er als Scala. Welche ­Änderungen haben die Tschechen noch vorgesehen?

Gut verarbeitete, clevere, günstige und geräumige Autos sind die Visitenkarte von Škoda. Der Erfolg der Formel zeigt sich in den Verkaufszahlen der tschechischen Marke: 2018 waren es 1.25 Millionen Stück (+4.4%). Besonders beliebt waren Octavia, Karoq und Kodiaq. Neben den Stars hat der Hersteller aus Mladá Boleslav aber auch einige Blindgänger wie den Rapid Spaceback im Programm. Bei dessen Vorstellung 2012 schien der Kompaktwagen gute Karten in der Hand zu halten. Aber der Erfolg wollte sich nicht einstellen, der Fünftürer figurierte in Europa unter «ferner liefen». Zu den Kritikpunkten zählten ein beschränktes Motorangebot und die einfache Kleinwagen-Plattform (PQ25). Ausserdem gab es Stimmen, welche die Preise als nicht besonders günstig bezeichneten.

Škoda wollte aber das Kompaktsegment nicht aufgeben und war vom Potenzial des Rapid überzeugt. Die Tschechen wagten dieses Jahr deshalb einen neuen Vorstoss in die Mittelklasse und stellten die neue Generation des Space­back unter dem Label Scala vor. Die Umbenennung soll vor allem den erfolglosen Rapid vergessen machen, gleichzeitig aber auch einen Klassenaufstieg des Kompaktmodells signalisieren; Scala ist Latein und bedeutet Stufe oder Treppe. Aber hat der Neue diesmal das Zeug, um gegen die Schwergewichte in dieser Klasse zu bestehen, nicht zuletzt gegen seine Cousins im VW-Konzern, den Golf und den Leon? Die AR ging der Frage auf den Grund.

Der Scala bietet neben einer beispiellosen Modularität wie dem höhenverstellbaren Kofferraumboden und optional auch einem klappbaren Beifahrersitz, der unter anderem den Transport langer Gegenstände erleichtert, alle markenspezifischen Tricks der tschechischen Marke.

Mit allen Trumpfkarten ausgestattet
Vom Auftritt her gibt Škoda dem Neuen alle Trumpfkarten mit auf den Weg, denn der Scala darf sich als Erster – zumal unter den Serienmodellen – mit der neuen Designsprache der Firma schmücken. Der Stil hält demnächst auch im neuen Octavia Einzug. Mit 4.36 Metern Länge reiht sich der Scala logischerweise mittig zwischen dem Fabia (3.99 m) und dem Octavia (4.67 m) ein. Um die Produktionskosten im Rahmen zu halten, setzte Škoda die gleiche Strategie ein wie beim Rapid Spaceback; die Entwickler verzichten auf die Standard-MQB-Plattform und verwenden deren verkürzte Version MQB A0. Diese dient unter anderem dem Audi A1, Seat Ibiza und VW Polo als Basis. Der Škoda bleibt bei der klassischen Fahrwerksauslegung mit MacPherson-Stossdämpfern vorn und Torsionsachse hinten (statt der teureren Mehrlenkerachse, wie man sie unter dem Heck der nobleren MQB-Ableger findet). Das bedeutet auch, dass der Scala ohne adaptive Stossdämpfer auskommen muss. Diese Schwäche macht Škoda mit einem Sportfahrwerk mit einer Tieferlegung um 15 Millimeter wett. Die Hinterachse wird ausserdem mit hydraulischen Silentblocks versehen, die bei starkem Einfedern eine bessere Wirkungsweise garantieren.

Der Schweizer Importeur trägt der hiesigen Diesel-Skepsis Rechnung und bietet den auf anderen europäischen Märkten verfügbaren 1.6-Liter-TDI mit 115 PS gar nicht erst an. Kein Problem, so bleibt mehr Platz für die ausgezeichneten Benziner des Scala (1.0 und 1.5 l) in den drei Leistungsstufen 95, 115 und 150 PS. Škoda bietet den Einliter auch in einer CNG-Version an (1.0 G-TEC). Für die Modelle mit 115 und 150 PS kann der Kunde gegen Aufpreis das Siebenstufen-DSG statt des Sechsgang-Schaltgetriebes wählen. Wegen der Kleinwagenbasis erfolgt der Antrieb ausschliesslich über die Vorderräder, beim MQB A0 entfällt jegliche Allradmöglichkeit.

Vorbildliches Platzangebot
Der Scala profitiert von der Erfahrung des Herstellers bei der effizienten Raumnutzung. Dank des langen Radstands geniessen die Passagiere viel Bewegungsfreiheit (fast wie beim Octavia). Der Knieraum hinten (bis 47 cm), aber auch die Kopffreiheit (vorn bis 104 cm, hinten bis 98 cm) sind dem komfortablen Aufenthalt an Bord höchst bekömmlich. Der gut zugängliche Gepäckraum fasst schon im Normalfall 467 Liter, beim Umklappen der Rücksitze (60:40) sind es gar 1646 Liter. Das sind angesichts der kompakten Aussenabmessungen des Fahrzeugs sehr gute Werte. Als Option gibt es übrigens eine nach vorn klappbare Beifahrersitz­lehne, was das Einladen von besonders langen Gegenständen ermöglicht.

Bei der Auslegung der Sitzpositionen scheinen sich die Škoda-Entwickler am hochbeinigen gros­sen Bruder Karoq orientiert zu haben: Fahrer wie Passagiere thronen auch im Scala schön hoch über der Fahrbahn. Der Mittelklässler bleibt von der Touchscreen-Invasion verschont und überzeugt entsprechend mit guter Ergonomie. Die Verarbeitung und die Materialwahl im Interieur verdienen Bestnoten. Als typischer Vertreter der Firma, welche sich den Leitsatz «Simply clever» auf die Fahne geschrieben hat, macht der Scala dem Besitzer mit kleinen Aufmerksamkeiten wie dem im Türausschnitt der Fahrertüre eingelassenen Regenschirm oder dem hinter der Benzinklappe versteckten Eiskratzer Freude. Diese Details gibt es bereits in anderen Modellen des tschechischen Herstellers, aber der Scala geht noch einen Schritt weiter und verfügt über einen kleinen Fülltrichter im Behälter für die Scheibenwaschflüssigkeit.

Traktion am Anschlag
Unser Testwagen war mit dem 1.5-Liter-TSI mit 150 PS und DSG 7 versehen. Er machte im Alltagseinsatz, aber auch auf Langstrecken einen sehr guten Eindruck. Der Scala beherrscht das Gleiten mit 120 km/h bei angenehmen 2200 Umdrehungen/min, der Fahrkomfort ist auf sehr hohem Niveau. Die Schattenseite dieser Auslegung zeigt sich bei flotten Kurvenfahrten, denn der Tscheche hat Mühe, seine Kraft über die Vorderräder auf die Strasse zu bringen. Diese Schwäche fiel uns schon bei anderen Vertretern der MQB-A0-Zunft auf.

Die Lenkung war kein Ausbund an scharfen Reaktionen, aber der Wagen liess sich problemlos und stabil durch die Kurven dirigieren, Lenkkorrekturen braucht es kaum, das Eigenlenkverhalten vermittelt Sicherheit. Den stärksten Eindruck hinterliess aber der temperamentvolle Vierzylinder in Kombination mit dem bestens auf ihn abgestimmten DSG 7, die Gangwechsel erfolgten immer ruckfrei und zum genau richtigen Zeitpunkt, die Zylinderdeaktivierung (von 4 auf 2 Zylinder) des 1.5 TSI war kaum auszumachen. Das vorbildliche Powerteam war dafür verantwortlich, dass unser Škoda trotz ausgezeichneter Fahrleistungen (0–100 km/h in 8.6 s) einen sehr annehmbaren Verbrauch erreichte (Gesamttestverbrauch 6.1 l/ 100 km). 


FAZIT – Olivier Derard, Tester

Auch wenn der Škoda Scala nach wie vor mit dem Unterbau eines Kleinwagens (MQB A0) auskommen muss und damit nicht ganz zu den Konkurrenten innerhalb des VW-Konzerns aufschliessen kann, so scheint er doch weit besser für seine Karriere gerüstet als seinerzeit der Rapid Spaceback. Die weniger aufwändige technische Basis ist aber auch dafür verantwortlich, dass der Neuling in seiner Basisvariante nur knapp über die 20 000-Franken-Grenze kommt. Das ist ein Sonderangebot, umso mehr, wenn man die Verarbeitungsqualität, das Platzangebot, den Praxisnutzen und die guten Innenraummaterialien berücksichtigt. Klar, für die höheren Ausstattungslinien zahlt man mehr (AR-Testwagen: 35 367 Fr.). Aber auch das ist angesichts der Stärken des Scala noch immer ein gutes Angebot.

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