Goldener Herbst

Gelungenes gesamtpaket der Kia XCeed bietet viel, sogar sehr viel fürs Geld. Trotz schillernder Farbe bleibt er dabei eher zurückhaltend und emotionslos – und das ist gut so!

Einen Allradantrieb gestattet die K2-Plattform nicht. Punkt. Damit hätten wir bereits beinahe sämtliche Posten auf der Negativseite des Kia XCeed abgehandelt. Denn eines ist sicher: Der X, nach Ceed, ProCeed und Ceed GT das vierte Mitglied der Familie, ist einer der grössten Überraschungen des Jahres. Galten die Koreaner noch vor einiger Zeit als redliche, aber graue Maus, so bieten sie heutzutage hippe Rundum-Sorglos-Pakete. Natürlich auch unter Berücksichtigung des Basispreises von 23 950 Franken. Unser Testwagen in der höchsten Ausstattungsvariante Style kostete mit Optionen 37 600 Franken. Für dieses Geld gibt es zwar auch ähnlich motorisierte Konkurrenten, allerdings mit deutlich weniger Garantieleistung.

Der Kia XCeed besticht mit seinem schicken, aber unaufdringlichen Design. Die Blenden am Heck sind allerdings nur Attrappen, das Auspuffrohr ragt rechts unten etwas hervor. Der Innenraum überzeugt mit seiner durchdachten und funktionalen Bedienbarkeit. Die Haptik ist trotz viel eingesetzten Kunststoffs angenehm.

Kia geht davon aus, dass sich über die Hälfe der Ceed-Kunden aufgrund des Designs für den X entscheiden werden. Gerade im Herbst schmiegt sich die goldige, exklusive Farbe nahtlos in die Szenerie ein. Die einzigen Karosserieteile, die von der fünftürigen Fliesshecklimousine Ceed übernommen wurden, sind die Vordertüren. Die Verkleidungen an Radlauf und Seitenleiste sowie die silbrige Dachreling erinnern an die Gestalt eines SUV. Der im Vergleich zum Ceed auffälligere Kühlergrill und der niedrig angesetzte Lufteinlass unterstützen die Tatsache, dass der XCeed mit 1826 Millimetern Breite satt auf der Strasse steht. Auch die für die Ceed-Familie typischen Scheinwerfer mit LED-Lichtsignatur im Ice-Cube-Design wurden neu gestaltet. Insgesamt ist der X durchaus stimmig anzusehen.

Sportliches Fahrverhalten
Wirklich emotional ist der XCeed jedoch nicht. Vielleicht wäre er das in der stärksten 204 PS-Benzinvariante. Ja, die von uns getestete 1.4-Liter-Variante mit 140 PS und 242 Nm erschien auf den ersten Blick gar etwas ernüchternd, auch wenn die dargebotene Leistung im Alltag mehr als ausreicht und der Verbrauch mit 6.8 Liter auf 100 Kilometer in Ordnung geht. Ein Plug-in-Hybrid wird übrigens Anfang kommenden Jahres nachgereicht. 

Das Doppelkupplungsgetriebe wechselt die sieben Gänge sanft, aber marginal spürbar. Es bringt die Kraft linear und unspektakulär zu Boden. Dass es die Gänge lange hält, trägt merklich zur Laufruhe bei. Mit 66 Dezibel bei 120 km/h ist der XCeed ohnehin äusserst leise. Insgesamt besticht der Koreaner mit seiner Ausgeglichenheit und der Balance zwischen komfortabler Federeinstellung und fahrdynamischer Kompetenz. Im Vergleich zur Konkurrenz wirkt der XCeed etwas härter abgestimmt; das Fahrwerk könnte definitiv mehr. 

Die Auffahrt von Niederwangen BE auf die A12 Richtung Bern ist ein guter erster Indikator für die Beurteilung der Charakteristik eines Fahrzeugs. Fazit zum Kia XCeed: Der 1.4 Tonnen schwere Crossover bleibt beim harten Anbremsen vor der abfallenden Linkskurve überraschend stabil, lenkt dank der schön gewichteten Lenkung willig ein und kämpf nicht mit übermässigen Wankbewegungen. Beim anschliessenden Herausbeschleunigen aus der eng gezogenen Rechtskurve gefällt die Spurtreue, und die elektronische Regelung hält sich angenehm zurück. Hätte man nun noch etwas mehr Pfupf unter dem Hintern, das Prädikat sportlich wäre durchaus angemessen.

Üppiges Platzangebot
Und das trotz der erhöhten Bodenfreiheit, die in SUVs ohne kostspielige Ausgleichstechnologie zumeist ein Killer jeglicher sportlicher Ambitionen ist. Im Kia XCeed beläuft sie sich bei den serienmässigen 18-Zoll-Rädern auf 184 Millimeter. Damit steht er 44 Millimeter höher als die fünftürige Limousine. Das ist nicht weltbewegend, steht aber im Einklang mit den derzeitigen Marktanforderungen. Somit ist der XCeed eine Art Zwitterwesen zwischen Limousine und SUV, wodurch das Platzangebot im Innenraum in der Vertikalen sehr gut ist. Mit 380 bis 1318 Litern ist der XCeed der Konkurrenz aber auch beim Ladevolumen mindestens ebenbürtig. Schade, dass es keine Durchreiche gibt und die Rückbank lediglich 60:40 geteilt ist.

Weil die Sitzposition und Ausstiegshöhe auf der untersten Sitzeinstellung erstaunlich tief ausfällt, ist der Fahrer viel sportlicher ins Fahrzeug eingebettet. Wer die Vorteile beider Welten nutzen möchte, der kommt wohl nicht um die Zusatzkosten für die elektrische Sitzverstellung mit Memory-Funktion herum. Das Paket bietet zusätzlich ­eine Lederausstattung samt Sitzbelüftung und berappt sich auf 2000 Franken. Abgesehen vom optionalen Panorama-Schiebedach und den verschiedenen Farben ist das die einzig nennenswerte Optionalausstattung. Die gelb-schwarzen Sitze kosten 400 Franken extra und schmiegen sich in die angenehme und gut verarbeitete Materiallandschaft ein. Und wer sich über zu viel Plastik aufhält, dem sei nochmals das Preisschild in Erinnerung gerufen.

Herausragende Fahrassistenzen
Wir sind zurück auf der Autobahn. Denn dort folgt eine waschechte Überraschung. Die teilautonomen Assistenzsysteme agieren auf einem Niveau, das zumeist nur der deutlich teureren Oberklasse vorenthalten ist. Bei Kia sind unter anderem die Assistenten für das aktive Halten der Spur, den toten Winkel, den Querverkehr, das Fernlicht sowie eine automatische Parkhilfe in den höheren Ausstattungslinien serienmässig mit an Bord. In der Praxis ist damit auf der Autobahn, zumindest in Abwesenheit von engeren Kurvenradien, ein quasi vollautonomes Fahren bezüglich Abstand und Fahrspur ohne weiteres möglich.

Die Bedienung des adaptiven Tempomaten und des Lenkassistenten gehört mittels Tasten auf der rechten Lenkradspeiche zu den intuitivsten auf dem Markt. Apropos Tasten: Diese gibt es unterhalb des ebenfalls äusserst gelungenen, neuentwickelten 10.25 Zoll grossen Bildschirms für das Infotainment in einer funktionalen Anordnung glücklicherweise noch zuhauf. Dazu gesellt sich ein erstmals von Kia in Europa verbautes digitales Cockpit. Das ist durchaus hübsch anzusehen, bietet aber beispielsweise im Vergleich mit aktuellen Modellen aus dem Volkswagen-Konzern nicht sonderlich viel Mehrwert. Zumindest ändert sich im Sportmodus – der ausser einer gestrafften Gaskennlinie ebenfalls nicht viel bewirkt – die Darstellung. Zu guter Letzt funktioniert auch der Park­assistent absolut treffsicher, die Erkennung einer freien Lücke erfolgt erfreulich flott. Die Bedienung der Pedalerie übernimmt der Fahrer, den Rest erledigt der XCeed: emotionslos, unaufgeregt – und tadellos. 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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