Sportlich oder vernünftig?

BENZIN ODER STROM Die Piaggio Vespa ist der Porsche unter den Rollern. Corradino D’Ascanio ­entwickelte sie kurz nach Kriegsende im Auftrag von Enrico Piaggio. Als ehemaliger Konstrukteur von Militärflugzeugen wollte er sich von der Produktion von Töpfen und Pfannen mit den vorhandenen Werkzeugen lösen.

Mit der Entwicklung der Vespa hat Enrico Piaggio einen motorisierten Traum auf zwei Rädern realisiert. Alle, die schon einmal in einer lauen Sommernacht auf ihr durch die Stadt gegondelt sind, wissen, wovon ich spreche. Privat fahre ich ­eine Vespa Primavera 125 Benziner. Die E-Vespa machte mich neugierig, also liess ich mich auf ­eine Testfahrt mit der Electtrica ein. 

Die sportliche Verbrenner-Vespa GTS 300 Super gefiel ­besser als die vernünftige Elettrica, die sich eher für die City eignet.

Umweltfreundlicher Stadtroller
Ich stand also vor einer Elettrica L1: ein sehr schönes Modell, schnittig futuristisch mit passend neon­gelben Farbapplikationen – sie imponierte mir sofort. Die Einweisung durch den Händler ging relativ schnell, die Handhabung – starten und bremsen – erfolgt wie bei einer Benziner-Vespa. Sie ist ausserdem sehr leicht. Neu ist der digitale Bildschirm statt des Tachos. Das Handy kann mit der Vespa gekoppelt werden. Ausserdem hat sie einen Eco-Gang. Die Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h dämpfte aber meine Freude. Weshalb sie nicht schneller fährt, konnte mir der Händler nicht erklären. Klar, in der Stadt fährt man selten mehr als 50 km/h, aber schade, etwa wenn man pendeln oder einen längeren Ausflug machen möchte. 

Die Vespa startete geräuschlos, sehr ungewohnt, beim Wegfahren begleitete mich ein hohes elektrisches Surren, etwa wie das eines Kinderspielzeugautos, das man mit Fernbedienung steuert. Die Vespa zog allerdings die Blicke auf sich, mir war aber nicht ganz klar, ob das am ungewöhnlichen, eher unangenehmen Geräusch oder am hübschen Modell lag. 

Die Woche mit der Electtrica verging leider nicht reibungslos, denn laden kann man sie nur an einer Steckdose. Und das geht nur, wenn am Haus, bei der Wohnung oder am Arbeitsplatz aussen eine Steckdose installiert ist. Das ging nicht, weshalb ich sie zwischendurch am Elternhaus laden musste, damit der Strom für den Rest der Woche reichte. Im Stadtverkehr sind 50 km/h natürlich völlig ausreichend, auf der Fahrt zum Wohlensee am Wochenende aber überholten mich diverse Autos hupend. Sogar ein Velo war da schneller.

Richtig Fahrspass
Die Vespa GTS 300 Super Sport ist das Gegenteil der Elettrica und ein massiver Roller, eher bullig und ziemlich schwer. Ich verfiel sofort ihrem ita­lienischen Charme – es war Liebe auf den ersten Blick. Der Benzinmotor mit stolzen 300 Kubikzentimetern Hubraum liefert viel Power. Die Einführung verlief ähnlich wie bei der Elettrica, Start und Bremsen funktionieren wie bei den meisten Vespa, und auch sie verfügte über ein digitales Display. Leider bot sie nur einen kleinen Stauraum – und keinen Platz für meinen Helm.

Die GTS beschleunigte im Vergleich zur elektrischen Vespa sehr zügig. Nach der Woche mit dem Leichtgewicht Elettrica überraschte mich ihre Power. Ihr kräftiger Motor (24 PS) verführte rasch zum sportlichen Fahren, ich liebte dieses Fahrgefühl sofort. Der Sprit im Neunlitertank reichte für die ganze Woche. Auch auf längeren Distanzen liess mich die GTS 300 nicht im Stich. Für Tempojunkies ist sie absolut empfehlenswert. Auch wenn der Preis für die GTS Super Sport mit 6845 Franken hoch ist, ist sie jeden Rappen wert.

Das Fazit nach der Testwoche mit dem Elektroroller fiel gemischt aus. Optisch ist die Elettrica zwar ein Hingucker wie alle Vespa-Modelle vor ihr. Da ich aber manchmal gern auch schneller unterwegs bin, konnte ich mit den 50 km/h nicht viel anfangen. Sie ist eher ein Fahrzeug für die Stadt. Das Laden der Batterie erwies sich als umständlicher als vermutet. Dafür gefiel mir die kräftige Sportvariante GTS 300 Super Sport ausnehmend gut, weil sie die Leistung brachte, die ich von einem Roller erwarte. Da sind der zu kleine Stauraum und auch der Preis zu verschmerzen, wobei sie sogar 150 Franken weniger kostet als die Elettrica. 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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