Spannungszunahme im Fernen Osten

GEGENANGRIFF Mit dem E-S2, einem Elektro-SUV für die Stadt, will JAC Europa erobern. Das Hauptargument ist der aggressive Preis.

JAC Motors. Wenn Sie nicht in China leben, haben Sie wahrscheinlich noch nie von diesem Hersteller gehört. JAC steht für Anhui Jianghuai Automobile. Das Unternehmen, das dem Staat China gehört, hat allerdings nichts mit einem Start-up gemein: JAC ist seit 1964 in der Fahrzeugherstellung tätig, hauptsächlich in den Bereichen Camions und Nutzfahrzeuge.

2008 wurde mit dem J7 die erste Limousine ausserhalb der Produktionslinien von Anhui in der Provinz Hefei lanciert. Aktuell produziert JAC als achtgrösste chinesische Marke mehr als 1.3 Mil­lionen Fahrzeuge pro Jahr und ist in 130 Ländern vertreten. «JAC wird sich immer weiter entwickeln», so der Slogan der Marke, die nun Europa im Visier hat.

Um Europa für sich zu gewinnen, stützt sich das Unternehmen auf die aktuelle Begeisterung für Elektrofahrzeuge. JAC verfügt mit dem iEV7S tatsächlich über ein zu 100 Prozent elektrisches Modell, das seit 2017 bereitsteht. Das Stadt-SUV wird in unseren Breitengraden unter dem Namen E-S2 verkauft. 

Schlichtheit oder Fadheit
Aus stilistischer Sicht löst der E-S2 wahrlich keine Begeisterungsstürme aus: Seine Linien erinnern an die koreanischen Produktionen von vor ein paar Jahren, wir haben schon ästhetischere Modelle gesehen. Trotz seiner Rarität im Verkehr geht der E-S2 in der aktuellen Automobillandschaft komplett unter. Schlichtheit oder Fadheit? Diese Entscheidung liegt bei Ihnen, doch der E-S2 vermeidet zumindest schlechten Geschmack oder willkürliche Extravaganz.

Kontraste im Cockpit
Der Innenraum ist von Extremen geprägt: Kostengünstigen Lösungen stehen einige für das Segment unerwartete Raffinessen gegenüber. Der sichtbare Verstellmechanismus der Sitze passt zum Beispiel nicht zum Leder. Der elegante Kunstleder-Einsatz mit den roten Nähten auf dem Armaturenbrett wurde mit sehr hartem Plastik gesäumt. Das Infotainmentsystem ist ebenfalls ein Paradoxon: Es beinhaltet weder eine Navigation noch ein DAB+-Radio, verfügt aber über eine (für dieses Segment) seltene 360-Grad-Kamera mit 3D-Ansicht. Leider mindert die dürftige Auflösung des Acht-Zoll-Bildschirms teilweise den Nutzen dieses Zubehörs. Ausserdem lassen die Reaktivität des Touchscreens sowie die Bedienknöpfe auf der linken Seite des Bildschirms zu wünschen übrig. Vergessen Sie auch gleich sämtliches Assistenzzubehör wie einen adaptiven Tempomaten, einen Totwinkel-Assistenten oder einen Spurhalteassistenten. Diese sind nämlich nicht verfügbar. Insgesamt sind die Montageteile präzise und robust, doch die Qualität der Materialien entspricht eher den Standards von Dacia als denen von Kia. 

Die Beifahrer haben es bequem
Alle Beifahrer finden dank der Aussenmasse gut Platz (Länge 4.14 m, Breite 1.75 m und Höhe 1.56 m). Die hinteren Beifahrer verfügen sogar über eine Beinfreiheit von mindestens 19 Zentimetern und eine Kopffreiheit von 88 Zentimetern. Leider wirkt sich diese Grosszügigkeit nachteilig auf das Volumen des Kofferraums aus, welcher lediglich 250 Liter fasst. Es wird besser, wenn man die Sitze herunterklappt, jedoch ist die Ladefläche nicht eben. So oder so muss man eine gewisse Anstrengung betreiben, um schwere Objekte einzuladen, da die Ladeschwelle auf einer Höhe von 83 Zentimetern liegt.

Eine üppige Batterie
Der eigentliche Vorteil des JAC E-S2 liegt im Fahrzeugboden, denn dort ist die üppige 40-kWh-Batterie verbaut. Für unter 30 000 Franken findet man auf dem Markt nichts Besseres: Der Renault Zoe bietet 41 kWh für 35 900 Franken, der Kia Soul EV – der nächste Konkurrent des E-S2 – verlangt 36 900 Franken für eine Batterie von gerade einmal 27 kWh.

Mit dem Akku des JAC kann man gemäss dem unrealistischen Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) 300 Kilometer zurücklegen. Unsere Messungen zeigen allerdings eine andere Realität: Die Reichweite beträgt aufgrund des Durchschnittsverbrauchs von 21.3 kWh/100 km nur 180 Kilometer. Dieses Resultat ist aber in Anbetracht der kalten Temperaturen während des Tests sowie der Streckenart, die aus zahlreichen Schnellstrassen bestand, differenziert zu betrachten. Wenn man die Reichweite auf Basis der Resultate unserer Normrunde berechnet, erhält man einen Aktionsradius von 215 Kilometern.

Schwung geht vor Rekuperation
Die Reichweite des JAC wäre noch besser, hätte er ein besser entwickeltes System zur Energierückgewinnung. Es gibt weder einen Modus B, der die Verlangsamung und die Rekuperation beim Anheben des Gaspedals verstärkt, noch einen Hebel zur Dosierung der Rekuperation. Die Entwickler haben sich für eine leichte Rekuperation beim Anheben des Gaspedals entschieden, um den Schwung des Fahrzeugs nicht zu bremsen.

Um die Batterie des JAC wieder aufzuladen, braucht es laut Hersteller acht Stunden an einer Steckdose zu Hause und fünf Stunden an einer Ladestation mit 11 kW (von 15 auf 80%). Zum Vergleich: Die 50-kWh-Akkus des DS3 Crossback E-Tense sollen innerhalb von 5.5 Stunden aufgeladen sein. Der Grund für das dürftige Resultat des E-S2 liegt in der Beschränkung der Ladeleistung (5.5 kW). Wer Zugang zu einer Gleichstrom-Ladestation hat, kann die Ladezeit allerdings auf eine Stunde reduzieren.

Der Stil basiert auf Diskretion. Das Dashboard ist fast identisch mit dem eines Nissan Leaf der ersten Generation. Die vordere Klappe verbirgt einen Typ-2- und einen kombinierten Ladestecker. Der Innenraum ist gut verarbeitet.

Die Stadt ist sein Zuhause
Sobald er aufgeladen ist, zeigt der JAC E-S2 seinen spritzigen Charakter. Der Elektromotor mit 115 PS und 270 Nm bewegt die 1535 Kilogramm des E-S2 in der Stadt mit grosser Leichtigkeit. Die Beschleunigung von 0 auf 50 km/h in 4.5 Sekunden ist spürbar: Sobald die Ampel grün ist, schiesst der E-S2 mit Eifer los und gestaltet die Fahrt in der Stadt sehr aufregend. Leider ist sein Wendekreis von 11.5 Metern für ein Elektroauto dürftig und schränkt die Manövrierfähigkeit ein. 

In der Stadt zeigt sich der JAC lebhaft, bei höheren Geschwindigkeiten hat er ein bisschen mehr Mühe: Von 0 auf 100 km/h braucht er 11.5 Sekunden. Der Durchzug auf der Autobahn ist gut, und so ist es ein Leichtes, sich in den ruckartigen Rhythmus des dichten Verkehrs einzufügen. Ihren Fahrausweis riskieren Sie am Steuer des JAC kaum, denn die Höchstgeschwindigkeit beträgt 130 km/h.

Auf kurvenreichen Strecken kommt das Chassis des JAC schnell an seine Grenzen. Der Bodenkontakt ist nicht wirklich gut und Untersteuern macht sich schnell bemerkbar. Dazu kommt eine unpräzise Lenkung, die dem Fahrer kaum Rückmeldungen gibt. Der JAC E-S2 ist sicherlich kein Auto für Fahrliebhaber, aber das ist auch nicht sein Ziel. Positiv ist allerdings, dass Strassenunebenheiten gut absorbiert werden.

Junge als Zielgruppe

Mit einem Verkaufspreis von etwas unter 30 000 Franken bietet der JAC E-S2 ein konkurrenzloses Verhältnis von Preis, Platz und Batteriekapazität. Alternativ gibt es den E-S2 bei Auto-Kunz auch im Monatsabo (ca. 800 Franken pro Monat) inklusive ÖV-Abo. Diese Flexibilität und die angemessenen Preise zielen klar auf junge, kostenbewusste Menschen ab. Die Jungen wechseln gerne auf einen JAC, wenn sie dafür noch mehr für ihr Geld bekommen. So wie ihre Eltern oder Grosseltern es vor ihnen gemacht haben, als die japanischen und koreanischen Marken auf den Markt kamen. 


FAZIT – Lorenzo Quolantoni, Tester

Das Verhältnis zwischen Preis, Platz und Batteriekapazität macht den E-S2 für Käufer, die ein kleines Elektro-SUV ohne Schnickschnack suchen, zu einem sehr konkurrenzfähigen Angebot. Es ist unmöglich, bei gleicher Batteriekapazität etwas Besseres zu finden. Dafür darf man nicht zu sehr auf die Qualität der Materialien, auf das Ausstattungsniveau oder die Dichte des Wartungsnetzes (ein Aspekt, der bald verbessert werden soll) schauen. Gegenüber der flotten und erfolgreichen Konkurrenz hat der JAC E-S2 allerdings Mühe, sein Alter (Jahrgang 2016) zu überspielen. Weniger anspruchsvolle Käufer werden vom aggressiven Preis angelockt. Die anderen warten auf den Gegenangriff der traditionellen Hersteller, der nicht lange auf sich warten lassen wird.

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

2 Kommentare

  1. Unseriöser wohl „bezahlter Test“. Der ADAC bewertet sehr negativ den Bremsweg von 47m!!! (Sommerreifen!!!) aus 100kmh, ist lebensgefährlich. Dann ist das Fahrzeug für grössere nicht geeignet wegen der hohen Sitzeinstellung – auch die Ladezeiten entsprechen nicht den hier Angegebenen. Bitte PR Artikel klar als solche kennzeichnen. Der Wagen ist für diese Qualität viel zu teuer

    • Guten Tag Herr Senn

      Wir hatten den JAC zwei Wochen bei uns im Test und da auch diverse Schwächen festgestellt, viele davon decken sich mit Ihrer Kritik.
      Dass die offiziell angegebenen Ladezeiten nicht erreicht werden, haben wir auch bemerkt und im Test erwähnt. Die Kopffreiheit ist nicht grossartig, aber auch nicht erwähnenswert schlecht, wie auch unsere Innenraummessungen zeigen. Wie der ADAC auf diesen Bremsweg gekommen ist, können wir nicht beurteilen. Wir machen unsere eigenen Messungen und hatten da trotz Winterreifen einen Wert von rund 42 m, also durchaus in Ordnung.
      Der Artikel wäre eine ziemlich schlechte PR für den Hersteller, der JAC e-S2 hat nämlich mit Abstand die schlechteste Bewertung erhalten, die wir im ganzen Jahr vergeben haben.
      Ihre AR-Redaktion

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