«Ich wechsle das Auto jedes oder jedes zweite Jahr»

PASSION Der vitale Präsident des FC Sion, Inhaber eines ­Architekturbüros und Multimillionär Christian Constantin, kurz CC, liebt Ferraris, seit er denken kann. Die AR hat ihn getroffen.

An diesem Mittwoch im Dezember ist die Luft frisch und kalt, und die Trottoirs in Martigny-Croix VS sind vereist. Das Treffen wurde von Christian Constantin im Hotel Porte d’Octodure arrangiert, das einem müden Wachposten gleich wenige Meter vom Kreisverkehr am Anfang der Strasse zum Grossen St. Bernhard liegt. Hier liegt das Hauptquartier des FC-Sion-Präsidenten und Walliser Geschäftsmannes. Im ersten Bau, der 1985 eingeweiht wurde, befinden sich sein Architekturbüro und die Verwaltung des FC Sion. Der graue Ferrari von Christian Constantin döst vor dem Hotel vor sich hin, bereit für eine Fahrt.

Ihn duzen oder nicht? Die Frage scheint unbedeutend. Und doch. Sie schwirrt im Kopf der Journalistin umher, die im Begriff ist, CC zum ersten Mal zu treffen. Der Mann praktiziert das Du, wie er atmet. Lassen wir das beiseite und betreten das Hauptquartier der derzeit wohl berühmtesten Persönlichkeit im Wallis. CC sitzt bequem in einem kleinen Sessel des Hotelrestaurants und befindet sich mitten im Business-Lunch mit einem anderen Walliser Geschäftsmann. Der Gesprächston ist ruhig und entspannt und steht im Gegensatz zum Bild des grossen, vor Wut schäumenden Häuptlings des FC Sion, der den Trainern den Kopf zurechtrückt. Einige Wörter bleiben in der Luft hängen: «Wohnungen», «Fristen», «Preise». Das Essen ist zu Ende und die Sitzung ebenfalls. Wir fangen CC beim Vorbeigehen ab, um ihm unsere, sicherlich etwas vorzeitige, Ankunft mitzuteilen.  Der Mann antwortet mit einem unerwarteten Küsschen und einem entschiedenen Satz: «Ich habe noch zu tun!» Arbeit und einen Ruf, den es zu verteidigen gilt: Der sehr beschäftigte Walliser kommt immer zu spät zu den Treffen, die er vereinbart. Inklusive Hotelpersonal beschäftigt er 120 Personen, verwaltet derzeit 37 Immobilienprojekte und jongliert mit Millionen. Wir werden uns also noch 40 Minuten gedulden.

Der grösste Reichtum ist die Zeit
Da ist er endlich. «Was willst du trinken?» Der Ton ist gegeben. Der Mann setzt sich und lehnt sich in seinem Sessel zurück. Jackett im Hahnentrittmuster, graue Hose und ein Kaschmirpullover in gleicher Farbabstufung, CC ­trägt einen lässig-schicken Stil. Warum duzt du eigentlich alle, Christian? «Solange ich mich zurückerinnern kann, duze ich die Leute. Das liegt in meiner Natur.» Wir stellen eine Vermutung auf, um ein bisschen mehr zu erfahren. «Ist es, weil du in den USA gelebt hast?» – «Amerika ist hier!», lacht der Walliser, stolz auf seine Antwort. Er erklärt: «Wenn du in Sitzungen bist, in denen sich die Menschen hinter einer Maske verstecken möchten, ist es klar, dass du sie siezt. Aber wenn du auf mehr Tiefe und Natürlichkeit aus bist, kannst du mit dem Du enorm viel Zeit sparen.» So ist es. Sprechen wir über den Gegenstand unseres Interesses: Autos. «Ich bin kein Autosammler. Ich finde das Auto eine nützliche Sache, um überall hinzufahren, wo ich will.» Warte, wir haben also etwas gemeinsam? CC erklärt seine Aussage umgehend: «Aber Autos müssen schön und leistungsfähig sein.» Ja, natürlich.

Wer den Walliser kennt, weiss: Christian Constantin ist ein Ferrari-Liebhaber, weil Ferrari für Italien steht und er Italien schon immer liebte. Sein erster Ferrari? Ein Testarossa, den er im Alter von 23 Jahren gekauft hat. Seither ist er der Marke treu geblieben und hat um die dreissig Stück erworben. «Die neuen Modelle interessieren mich immer. Ich wechsle das Auto jedes oder jedes zweite Jahr, je nachdem, was auf den Markt kommt. Die alten Autos verkaufe ich dann wieder.» Betreffend Farbauswahl lässt er seinem Händler freie Hand: «Je nachdem, was er gerade nett findet.»

Seine Garage beherbergt immer zwei Fahrzeuge. «Früher waren die Ferrari nicht für Schnee gemacht. Ich hatte also immer ein Winterauto. Mitte der 80er-Jahre kaufte ich einen Porsche 911 Turbo 3.3 Liter. Ich hatte mich dafür entschieden, weil es revolutionär war.» Zurzeit ist sein Zweit­auto ein Lamborghini, den er 2012 bestellt hatte und der erst 2018 geliefert wurde. «Sie haben einige Jahre gebraucht, um den Urus auf den Markt zu bringen. Es ist ein 4×4. Der Ferrari auch.»

Welches Auto würde denn dieser Ferrari-, Lamborghini- und Porsche-Liebhaber niemals fahren? Das bescheidene Auto, das so gut wie jeder fährt, vielleicht? «Ich würde mich niemals ans Steuer eines Fahrzeugs setzen, das mit hundert Sachen über den grossen Salzsee in den USA donnert. Zu den Qualitätskriterien eines Autos gehören meiner Meinung nach Sicherheit, Zuverlässigkeit, Leichtigkeit und Leistungsfähigkeit.» Und zack! Noch ein Klischee, das widerlegt wird.

Doch der Präsident des FC Sion ist zweifellos ein beschäftigter Mann. «Wenn du viel zu tun hast, dann liegt der Reichtum in der Zeit. Du kannst sie nicht zurückkaufen, und du kannst sie nicht nachholen.» Wenn es darum geht, Zeit zu gewinnen und den Turbo einzulegen, setzt er daher auf andere Transportmittel. «Pro Jahr verbringe ich 220 Stunden im Flugzeug, 60 Stunden im Helikopter und lege 70 000 Kilometer mit dem Auto zurück.» Auch wenn er gerne am Steuer eines Fahrzeugs sitzt, bezeichnet er sich in aller Bescheidenheit als Sonntagsfahrer. Gleichwohl muss man aber erwähnen, dass er sich gerne mit Berufspiloten wie Sébastien Loeb oder Ayrton Senna vergleicht.

Auf den Strassen gehören Geschwindigkeitsüberschreitungen für Christian Constantin nicht zum Alltag, doch im Leben gehört er klar zu denen, die immer auf Achse sind und ständig arbeiten. Warum diese Rastlosigkeit? «Wenn ich nichts mache, langweile ich mich. Und dann ist da dieses Leben, das stetig weiterläuft. Je länger es voranschreitet, desto stärker beschleunigt es sich. Ich bin ausreichend rational, um zu verstehen, dass ich die Dinge nicht mehr mache, wenn ich sie nicht in dem Moment mache, in dem ich es kann.» Als er 13 Jahre alt war, verstarb seine Mutter. Seither ist sich der Geschäftsmann bewusst, dass das Leben jederzeit zu Ende sein kann. «Und wenn du am Ende stehst, kannst du nicht mehr zurückgehen. Das Leben ist dazu da, um etwas zu machen. Sonst ist das Leben unbedeutend, und ein Leben ohne Bedeutung ist beschissen und sinnlos.» Die Kontemplativen werden das zu schätzen wissen. Bis dahin träumen die Geschäftsführer der AHV-Ausgleichskasse davon, ausschliesslich Kunden wie ihn zu haben. Denn eines ist sicher, dieser Mann ist nicht bereit, es langsamer anzugehen. «Viele Menschen freuen sich auf die Pension. Ich nicht! Sofern Gott mir ein gesundes Leben beschert, arbeite ich solange wie möglich.»

Angst vor dem Ausweisentzug

Das Frage-Antwort-Spiel von Marcel Proust ist ­weltberühmt.
Die AR wandelt es ab, aus Proust wird Prost.

Automobil Revue: Wer ist Prost für Sie? 
Christian Constantin: Das ist Alain.

Ihr erstes Mal im Auto?
Das war ein Mädchen aus Vernayaz VS. Ob es gut war? Ich habe noch nie Reklamationen erhalten.

Ihr erstes Auto?
Ein türkisfarbener VW-Käfer. Ich liess ihn von meinem Onkel, der Garagist war, umlackieren. Ich bat ihn, die Farbe des Trikots von Sepp Maier, dem Torwart von Bayern München und der deutschen Fussballmannschaft, zu verwenden. Sein Trikot war allerdings hellblau …

Ihr Traumauto?
Das besitze ich bereits. Ich war schon immer ein Ferrari-Liebhaber.

Ihre beste Fahrt im Auto?
Das war im Sommer, als ich 18 Jahre alt war. Ich fuhr mit einem Jugendfreund nach Cattolica in Italien. Es waren die ersten Ferien am Meer. Auf dem Weg bestellten wir Natursteine für das Geschäft meines Vaters. Wir haben eine Nacht im ersten Stock eines Hotels in Parma geschlafen. Zu dieser Zeit waren Autodiebstähle an der Tagesordnung und unser Auto, ein Opel Caravan, liess sich aufgrund der Matratzen, die wir zum Schlafen installiert hatten, nicht abschliessen. Um im Ernstfall geweckt zu werden, spannte ich einen langen Faden zwischen der Fahrzeugtür und meiner grossen Zehe. Was haben wir gelacht.

Ein Alptraum im Auto?
Meine schlimmste Erinnerung ist ein Stau zwischen Genf und Lausanne. Auf beiden Seiten waren Schneemauern, sodass wir die Türen nicht öffnen konnten. Wir mussten in Flaschen urinieren.

Am Steuer Ihres Autos fühlen Sie sich …
… wie ein Kerl, der befürchtet, dass man ihm den Führerausweis entzieht.

Ein Leben ohne Auto?
In einem grossen, gebirgigen Kanton wie dem Wallis ist das schwierig.

Ein Tempolimit von 30 km/h in allen Schweizer Städten, wäre das eine gute Idee?
In Zonen, in denen sich Kinder und schutzbedürftige Personen aufhalten, ist das eine gute Idee. Aber man muss schauen, wo die Stadt aufhört.

Selbstfahrende Autos: Lust oder Frust?
Ich bin zu alt, um sie zu erleben. Das Auto ermöglicht den Menschen, eine Auszeit zu nehmen. Für einige ist es Ausdruck von Charme, du zeigst den anderen, wer du bist. Ein Auto hat eine träumerische Seite. Natürlich ist es viel aufregender, am Steuer eines Ferrari zu sitzen als in einem Bus.

Wen würden Sie am Strassenrand auf jeden Fall mitnehmen?
Hier in den Bergen nimmt man oft jemanden mit, um ihm zu helfen. Auch ich nehme regelmässig Leute mit. Als ich kürzlich von meinem Chalet La Bergerie oberhalb von Martigny losgefahren bin, habe ich eine junge Frau mitgenommen und sie zum Bahnhof gefahren.

Und wen würden Sie nicht mitnehmen?
Es gibt niemanden, den ich nicht mitnehmen ­würde.

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