Weniger ist manchmal mehr

RAUBKATZE AUF RÄDERN Mit dem neuen F-Type, der nun auch in einer ausgezeichneten Vierzylinder-Version erhältlich ist, beweist Jaguar, wie gut Downsizing sein kann.

Der Jaguar F-Type war 2012 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt worden. Das Fahrzeug wurde zunächst als Cabriolet angeboten, bevor es ein Jahr später als Coupé auf den Markt kam. Als würdiger Erbe des E-Type, einer Legende, die Enzo Ferrari einst als «das schönste Auto der Welt» bezeichnet hatte, entstand der F-Type unter Ägide des brillanten schottischen Designers Ian Callum, der von 1999 bis 2019 für Jaguar Land Rover gearbeitet hatte. Obschon er nicht mehr mit an Bord ist (s. Kasten), geht der Entwurf des neuen Modells auf ihn zurück, wie Adam Atton, Director of Exterior Design bei Jaguar, erklärt: «Normalerweise dauert es vier Jahre, um ein Fahrzeug von Grund auf neu zu entwickeln. Das Design dagegen wird in den ersten zwei Jahren festgelegt. Bei einem einfachen Facelift geht es natürlich schneller. Für den neuen F-Type haben wir die Neugestaltung vor über einem Jahr abgeschlossen. Da Ian Jaguar Land Rover vor knapp sechs Monaten verliess, war er also noch massgeblich an der Entwicklung des neuen Autos beteiligt.» Natürlich war Ian Callum nicht allein, sondern wurde von Julian Thomson, Jaguars derzeitigem Designchef, Adam Atton sowie 50 weiteren Designern unterstützt.

Obwohl das dritte Facelift des F-Type – das Coupé war bereits 2017 neu gestaltet worden – im Grunde von jenen Leuten entworfen wurde, die auch schon das 2012er-Modell konzipiert hatten, bricht die jüngste Version des Modells dennoch mit dem Stil der beiden Vorgängerversionen: «Wenn man an einem Facelift arbeitet, trifft man sich mit den anderen Designern und setzt sich kritisch mit dem Vorgängermodell auseinander. Nach reiflicher Überlegung wurde beschlossen, den neuen F-­Type nicht so schmal, sondern breiter und niedriger zu gestalten. Die Scheinwerfer wurden horizontal statt wie bisher vertikal angeordnet. Ausserdem bestand der Wunsch nach einem markanteren Auftritt auf der Strasse. Dazu wurde der Kühlergrill vergrössert.» Die Frontscheinwerfer, die sich früher in Längsrichtung auf beiden Seiten der Motorhaube direkt über den Radkästen befanden, wurden neu positioniert und liegen jetzt oberhalb des vorderen Stossfängers.

Weitere Änderungen sind eher technologischer Art: Das 12.3 Zoll grosse Digitalcockpit ist jetzt konfigurierbar, bietet also eine Auswahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Anzeigen.

Unter der Haube
Bei den Antrieben bleibt eigentlich alles wie gehabt. Zwar sind die feinen V6 in Zukunft nur noch auf bestimmten Märkten erhältlich (zu denen die Schweiz nicht gehört), doch der Reihenvierzylinder und zwei Versionen des Fünfliter-V8, die Ja­guar im eigenen Werk baut, sorgen weiterhin für eine breite Auswahl. Die Bezeichnungen machen auch die Hierarchie deutlich: die Vierzylinder-Standardversion P300 schafft 300 PS, das neue Modell P450 kommt logischerweise auf 450 PS, und beim Spitzenmodell P575 R sind es 575 PS.

Während Jaguar schon zuvor das Schaltgetriebe nur für die V6-Version angeboten hatte, wird es künftig nur noch das Achtgang-Automatikgetriebe mit Drehmomentwandler geben. Trotz des Namens hat das Quickshift-Getriebe nichts Englisches an sich, da es sich um ein Produkt des deutschen Ausrüsters ZF handelt. Je nach gewählter Version überträgt der neue F-Type seine Leistung und sein Drehmoment wie auch schon seine Vorgänger entweder auf die Hinterachse oder auf alle vier Räder.

Die Raubkatze kann auch schnurren
Der Quiet-Start-Modus ist die Standardeinstellung und wird bei beiden V8-Versionen des F-Type (P450 und P575 R) serienmässig eingebaut. Dadurch kann der Motor des Jaguars diskret in Gang gesetzt werden. Zumindest so lange, bis sich die aktiven Auslassklappen beim ersten beherzten Tritt aufs Gaspedal zwangsweise öffnen. Der Jaguar kann aber auch anders, denn wenn der Fahrer will, kann er den Quiet-Start-Modus deaktivieren. Dazu braucht man nur den Dynamic-Modus auszuwählen – oder man betätigt die Auspuff-Taste, bevor man den Motor startet.

Die mit der Entwicklung des neuen F-Type beauftragten Ingenieure mussten die neusten Schadstoffnormen einhalten, deshalb haben sie die verschiedenen Motoren mit Hochleistungspartikelfiltern ausgestattet. Leider ist das, was dem Planeten gut tut (und der Gesundheit, da die Filter vor allem die feinen Partikel zurückhalten), nicht so schön für die Ohren. In diesem Fall ist das Brüllen, das die Katze bei einem dynamischen Fahrstil von sich gibt, nicht ganz so tierisch wie früher. Besonders auffällig ist das beim V8. Dennoch wäre es weit verfehlt zu glauben, dass die Katze träge geworden wäre. Beide Motoren schnurren zwar bei niedrigen Geschwindigkeiten vor sich hin, geben jedoch mit steigender Drehzahl einen kehligen Sound von sich. Auch die Knalleffekte, die auftreten, sobald man vom Gas geht, sind geblieben.

Mit dem Kompressor-V8-Motor ist der Jaguar F-Type eher ein grosser GT als ein Supersportler. Das liegt einerseits daran, dass der V8 mehr von geschmeidiger als wütender Natur ist. Zudem hat der V8-Jaguar ein relativ hohes Fahrzeug­gewicht von über 1600 Kilogramm.

Ein V8 plus GT
Beide V8 sind mit einem Kompressor ausgestattet und besitzen ein sehr amerikanisches Temperament, das heisst, sie erweisen sich im unteren Drehzahlbereich bereits als sehr drehmomentstark. Der rote Bereich beginnt schon weit vor 7000 U/min (maximale Leistung bei 6500 U/min). Obwohl beide Achtzylindermotoren nun wirklich ausreichend potent sind, scheint ihnen ein entspannter Fahrstil eher zu gefallen als die wilde Hatz. Man kann also durchaus behaupten, dass die beiden leistungsstärksten Versionen des F-Type klassischen GT (Gran Turismo) entsprechen. Ein Temperament, das sich auch im dynamischen Fahrverhalten des F-Type-V8 zeigt, insbesondere in Kombination mit dem Allradantrieb. Mit einem Gewicht von über 1740 Kilogramm konnte der F-Type P575 R auf Strecken mit engen Kurven nicht wirklich glänzen. Das liegt zum einen an der Vorderachse, der es etwas an Präzision mangelt – die Lenkung war nicht sonderlich knackig –, und an dem zu hohen Gewicht. Auf längeren Reisen hingegen wird man die Souveränität der V8 zu schätzen wissen.

Die Vierzylinder-Version mit Heckantrieb des F-Type (1520 kg) bereitete dagegen bei flotter Fahrt deutlich mehr Spass – obwohl er praktisch nur halb so viel Leistung hat! Der kleine Motor dreht munter hoch, wobei der R4 mit seinem Turbo natürlich nicht so berauschend klingt wie ein V8. Und es fehlt ihm auch nicht an Kraftreserven, denn der rote Drehzahlbereich beginnt später als beim V8!

Die Vierzylinder-Version des F-Type kann in der Schweiz ab sofort für 73 500 Franken bestellt werden. Sie bietet Luxus – und reichlich Sport – zu einem alles in allem günstigen Preis. Dagegen sind mehrere Zehntausend Franken mehr zu bezahlen, damit man den Sound des – schweren und auch deshalb nicht zwangsläufig dynamischeren – V8 geniessen darf. 

Schottisches Design-Talent

1999 war Jaguar mit dem plötzlichen Tod seines Design-Chefs Geoff Lawson konfrontiert. Um ihn zu ersetzen und der Firma neues Leben einzuhauchen, wandte sich Jaguar an den schottischen Designer Ian Callum (Bild). Nach zwölf Jahren bei Ford, wo er unter anderem den RS200 Rally (1984), den Escort Cosworth (1989) und den Aston Martin DB7 (1993) entwickelt hatte, machte sich Callum daran, den Stil der britischen Marke zu verändern. Er schuf die XE-, XF- und XJ-Limousinen, den F-Type, die ersten SUVs der Marke, den F-Pace und E-Pace, und den vollelektrischen I-Pace. Im vergangenen Juli verliess Callum Jaguar, um sein eigenes Designbüro zu eröffnen (nicht nur für Autos). Sein Nachfolger ist Julian Thomson.

Die technischen Daten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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