Wenn Piraten die ­Bremse ausbremsen

PLAGIATE Wenig bekannt, dabei gar nicht selten: Produktepiraterie. Gefälschte Markenprodukte ­verhelfen dubiosen Herstellern zu satten Gewinnen, beeinträchtigen die Fahrzeugsicherheit aber massiv. Besonders davon betroffen ist Brembo.

0riginale Ersatzteile sind optimal auf das Fahrzeug abgestimmt. Sie sind in der Regel von guter Qualität und daher oft auch nicht ganz billig. Kein Wunder also, dass es zwielichtige Unternehmen gibt, die versuchen, sich mit kostengünstigeren, aber oft qualitativ ungenügenden Produkten Marktanteile zu ergaunern.

Wenn «Made in Taiwan» draufsteht, stammen die Teile nicht aus Curno.

Brembo, der italienische Spezialist für Bremsanlagen sportlicher Autos, scheint diesbezüglich ­eine ganz besondere Faszination auszuüben. Als Symbolmarke auf dem Gebiet von Motorsport und Performance auf hohem Niveau zieht das Unternehmen mit Hauptsitz im norditalienischen Curno bei Bergamo das Interesse sowohl der Konsumenten als auch krimineller Organisationen der Produktpiraterie auf sich.

Sicherheitsrelevante Bauteile
Zwar verursachen viele Fälschungen von Auto­ersatzteilen keine schwerwiegenden Folgen. Sie werden mit grösseren Toleranzbereichen hergestellt und passen vielleicht weniger gut, oder sie verschleissen vorzeitig. Allerdings gibt es auch schlechte Nachbildungen, durch die die Gesundheit und Unversehrtheit von Menschen wesentlich beeinträchtigt werden können. Bei Bremsenteilen etwa kann ungenügende Qualität schlimme Folgen haben.

Die klassische Art gefälschter Brembo-Produkte stellen Bremssättel, Bremsscheiben und Bremsbeläge dar, die mehr oder weniger originalgetreu nachgebaut werden. Solche Kopien sind oft so schlecht gemacht, dass sie für das geschulte Auge leicht als Fälschungen zu erkennen sind. Andere Komponenten, die äusserlich sehr exakt kopiert und nicht sofort als Fälschungen identifizierbar sind, weisen oft trotzdem nicht eine adäquate Fertigungstechnologie und Funktionalität auf. So kann man beim Kauf von nicht-originalen Bau­teilen nie wissen, ob diese annähernd an die Leistung eines Brembo-Produkts herankommen und ob sie eine ebenso lange Lebensdauer gewährleisten. Auch wenn Nachbauteile bei einer einzigen Bremsung ähnliche Leistungen zeigen wie Originalkomponenten, kann sich bei mehreren, kurz aufeinanderfolgenden kräftigen Bremsmanövern schnell die Spreu vom Weizen trennen.

Beispiele gefälschter Bremsenkomponenten von Motorrädern.

Nagelprobe im Labor
Auf den Brembo-Prüfständen wurden einige gefälschte Produkte vergleichend auf Herz und Nieren geprüft. Dabei entdeckten die Ingenieure nicht nur Probleme beim Komfort und bei der Performance der Bremssysteme, sondern es kam sogar zum Bruch von Komponenten. Der Vermeidung von Geräuschen und Vibrationen etwa wird von den dubiosen Markenpiraten offenbar nur geringe Bedeutung beigemessen, wo hingegen Originalkomponenten nach den höchsten Qualitätsstandards der Fahrzeughersteller entwickelt und produziert werden.

Neben den vollständig gefälschten Produkten werden auch nur teilweise falsche Brembo-Bremsanlagen angeboten. In solchen Systemen stammen dann entweder die Scheiben oder die Sättel oder die Beläge aus einer anderen Quelle. Nicht selten werden beispielsweise Originalbremssättel mit Komponenten kombiniert, die nicht von Brembo stammen. Das ist nicht unproblematisch, da die Leistung eines Bremssystems nicht allein durch die Qualität der einzelnen Komponenten bestimmt wird, sondern auch durch deren perfekte Integration ins Gesamtsystem.

Plakette mit QR-Code zur Prüfung der Echtheit.

Oft werden die Sättel, die meistens das Logo ­einer Automarke tragen, frisch lackiert, mit einem Brembo-Markenzeichen versehen und mit Bremsscheiben und Belägen zweifelhafter Herkunft gemeinsam als Umrüstsatz auf den Markt gebracht. Es gibt jedoch gute Gründe, solche willkürlich zusammengesetzte Bremsensätze zu meiden. Zum ­einen ist es unwahrscheinlich, dass ein Bremssattel, der für ein bestimmtes Fahrzeugmodell entwickelt wurde, in einem anderen Fahrzeug ohne Probleme funktioniert. Auch ist die Annahme falsch, dass ein Upgrade-Bremssystem auf jeden Fall besser ist als ein serienmässig eingebautes. Zum anderen ist auch der Lackiervorgang nicht ganz unproblematisch. Dabei ist es nicht der Lack selbst, der die Sättel beschädigen kann, sondern es können Fehler bei den Vorbereitungsarbeiten an der Hydraulik passieren. Bei fehlerhaftem Aus- und Einbau der Kolben können die Dichtungsringe bei der Lackierung des Sattels beschädigt werden.

Ausserdem ist es möglich, dass durch die schlechte Qualität einer einzigen fremden Komponente, die mit dem Brembo-Bremssattel zu einem Umrüstsatz zusammengestellt wird, die perfekte Funktion des gesamten Bremssystems beeinträchtigt wird. Falsch und gefährlich ist in solchen ­Fällen der unsachgemässe Mix der Systemkomponenten.

Gefälschte Cover
Meistens ist ein gefälschtes Produkt die Kopie ­eines Produktes, das weit verbreitet und beim Publikum beliebt ist. Es gibt jedoch auch Plagiate, die kein existierendes Produkt kopieren, sondern nur den Markennamen und das Logo eines bekannten Herstellers verwenden. Bei dieser Art von Fälschungen geht es oft um die sogenannten Covers, Plastik- oder Aluminiumabdeckungen für Bremssättel, die gemäss Angaben der Anbieter die Ästhetik verbessern sollen. Brembo will jedoch festgehalten haben, dass das Unternehmen nie solche Covers hergestellt hat – und auch nie solche herstellen wird. Es ist also quasi eine Fälschung im Quadrat, wenn das Markenzeichen unrechtmässig auf einem Teil angebracht wird, das von Brembo gar nie auf den Markt gebracht wurde. Problematisch wird es nämlich, wenn sich die Hitze hinter einem solchen Cover staut und die Kunststoffabdeckungen den Abkühlvorgang bei den Bremssätteln verzögern.

Um ein echtes Brembo-Produkt beim Kauf klar erkennbar zu machen, werden alle Komponenten mit einem Kärtchen, einem Hologramm oder einem QR-Code gekennzeichnet. Mithilfe ­einer Seriennummer kann der Käufer im Internet einfach und schnell die Authentizität überprüfen. Je nach Produkt gibt es verschiedene Kontrollsysteme gegen Produktpiraterie: Bei den High-Performance-Produkten eine Rubbelkarte, die sich in der Verpackung befindet, und bei Bremsbelägen sowie -scheiben aus dem Ersatzteilsortiment ein Hologramm des Markenzeichens Brembo respektive ­einen QR-Code zur Kontrolle der Authentizitität der Produkte. 

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