Hardrock für Puristen

LONGTAIL Der 600LT Spider ist das extremste Modell der Sport Series von McLaren. Mit ihm lässt sich der zügellose V8 ungefiltert geniessen.

Diese Briten! Es gibt nichts, was sie wie alle anderen machen. Nein, es geht hier nicht um den Humor oder den Linksverkehr, wir sprechen von Autos. Nehmen Sie die Modellpalette von Land Rover und McLaren: Anstatt in das allgemeine Crescendo von Grösse, Leistung, Preis einzustimmen, entwickeln sie ihr Angebot völlig losgelöst vom Rest der grossen Autofamilie. Bei McLaren beispielsweise werden die Fahrzeuge in den Modellgruppen GT, Sport Series, Super Series und Ultimate Series zusammengefasst. Der 600LT Spider ist der extremste Vertreter der Sport Series, der Einstiegsklasse des Herstellers aus Woking.

Schon klar, dass «McLaren-Einstiegsmodell» ebenso falsch klingt wie «Discountmodell von Patek Philippe», aber so ist es. Man hat in Woking beschlossen, eine Reihe günstigere Einstiegsmodelle anzubieten. Jedoch hat das Wort günstig eine relative Bedeutung. Den 600LT Spider gibts ab 278 500 Franken.

Eine legendäre Karosserieform
LT verweist im McLaren-Jargon auf Longtail, jene Karosserieform, die einst die verlängerte Ver­sion des legendären F1 GTR von 1997 kennzeichnete. Heute ist LT für McLaren, was RS für Porsche ist, nämlich die Marke für Modelle, die leichter, stabiler und leistungsfähiger sind. Beim Bau des 600LT ist McLaren vom 570S ausgegangen (AR 42/2018), man stattete ihn mit 30 PS mehr aus und verringerte sein Gewicht um 100 Kilogramm. Dabei sind allerdings Klimaanlage (–12.6 kg) und Hifi-Anlage (–1 kg) eingerechnet, nur so sind 1360 Kilogramm Leergewicht zu erreichen. Wenn man beim Komfort auf ein akzeptables Niveau nicht verzichten will, beträgt die Einsparung 85 Kilogramm. McLaren erreichte dieses Ergebnis vor allem dank der Schalensitze aus Karbon (–21 kg) und der geschmiedeten Felgen (–17 kg).

Als extremere Version des 570S verfügt der 600LT über zahlreiche Carbonelemente und ein um acht Millimeter abgesenktes Chassis. Der optionale Karbonspoiler ist fest ­montiert. 100 Kilogramm Abtrieb werden bei 250 km/h erzeugt.

Der Kampf gegen überflüssige Pfunde geht aber selbst beim Umbau zum Spider nicht ganz verloren. In der Regel führt die Entfernung des Dachs durch die notwendige Versteifung der Karosserie zwangsläufig zu mehr Gewicht. Nicht so bei der Karbon-Monocoque-Karosserie des 600LT, die auch ohne zusätzliche Massnahmen genügend Steifigkeit aufweist. Das Mehrgewicht bleibt damit auf 48 Kilogramm für das einklappbare Hardtop beschränkt. Mit geschlossenem Dach – der Vorgang dauert nur 15 Sekunden – bewahrt der 600LT Spider die Optik des Coupés. Das Auge wird somit von den aerodynamischen Formen der englischen Schönheit gefesselt. An der Frontpartie finden sich mehrere Strömungsumlenker aus Karbon sowie ein Festival an Lufteinlässen, an der Heckpartie ein massiver Diffusor. Zu den markantesten Merkmalen dieses 600LT gehören jedoch die spektakulären, nach oben gerichteten Auslässe der Abgasanlage. Dabei geht es nicht nur darum, das Publikum zu beeindrucken, nein, auch hier wird Gewicht gespart: Die verkürzten Rohre und der verwendete Stahl bringen eine Reduktion um fast zwölf Kilogramm. Die Vorfreude steigt um eine weitere Stufe, wenn man die nach oben schwingenden Türen öffnet. Natürlich gibt es diese schon länger, aber der Wow-Effekt ist ungebrochen.

Genauigkeit… und Quietschen
Die geöffnete Tür gibt den Blick frei, um den Innenraum zu bestaunen, der an Stellen, die nicht mit Alcantara verkleidet sind, das blanke Karbon des Monocoque-Chassis offenbart. Durch den Verzicht auf Matten und Bodenverkleidungen werden laut McLaren weitere 7.2 Kilogramm eingespart. Die Verarbeitung ist bemerkenswert, das Erscheinungsbild der Materialien, die Präzision der Ziernähte und die saubere Verarbeitung fordern Respekt. Zumindest im Stand, denn wenn man den 600 PS starken V8 weckt, versetzen die Vibrationen, die der monströse Mittelmotor verursacht, diverse Komponenten im Innenraum in Schwingung, während die Lüftung ein leichtes Quietschen von sich gibt. Kein Wunder, denn der 3.8-Liter-Motor ist beim Start ungehalten und lässt das mit einem lauten und tiefen Grummeln wissen, wobei der Effekt bei geöffnetem Dach noch um den Faktor zehn stärker ist. Die gefühlte Wut des Motors wird durch den Blick in den Rückspiegel verstärkt, wenn das Monster aus beiden Endrohren dicke Wolken ausbläst, während es auf Betriebstemperatur kommt. Wir sitzen perfekt in den Schalensitzen, die Fahrposition könnte besser nicht sein. Bemerkenswert und in dieser Form selten ist der gros­se Einstellbereich für das Lenkrad.

Die Unmittelbarkeit und das Feedback der Lenkung sind verblüffend. Ein solches Feeling hatten wir schon länger nicht mehr. McLaren ist schliesslich einer der allerletzten Hersteller, die bei der Lenkunterstützung weiterhin einer Hydraulikpumpe die Treue halten, anstatt ein elektrisches System einzusetzen.

Endlich liegt eine kurvenreiche Strecke vor uns. Der McLaren 600LT Spider wirft sich auf jedes Lenkkommando hin mit ungeheurer Geschwindigkeit und ebensolcher Präzision in den Wendepunkt der Kurve, als sei er in ständiger Alarmbereitschaft. Das Feedback ist kristallklar, so gut arbeiten das Fahrwerk, die adaptive Dämpfung (steifer als beim 570S) und die Doppelquerlenker der Vorder- und Hinterradaufhängung im Gleichklang zusammen. Einfach ausgedrückt: Der 600LT führt die Absichten des Fahrers mit derselben Selbstverständlichkeit aus wie ein Körperteil, das den Impulsen des Gehirns gehorcht.

Während sich das Fahrwerk durch höchste Präzision auszeichnet, geht der Twinturbo-V8-Motor gewohnt brachial zu Werke. Der 3.8-Liter-Motor leistet 600 PS und 620 Nm maximales Drehmoment, was in der Tat an einen Turbomotor der 80er-Jahre erinnert. Das heisst, dass bei niedrigen Drehzahlen, also unter 3000 U/min, nicht viel passiert, während die Turbolader Druck aufbauen. Sobald aber der Orkan bläst, wirkt das Triebwerk völlig entfesselt und treibt das Fahrzeug brachial an. Durch die Kraft des Heckantriebs wird der Engländer mit einem kolossalen Satz nach vorne katapultiert. Die frenetische Kraftentfaltung lässt erst bei etwa 8500 U/min kurz nach, um zwischen den Gangwechseln für einige Sekundenbruchteile Luft zu holen. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe gönnt dem Motor (und dem Fahrer) nur wenig Ruhe, weil es blitzschnell arbeitet. Das bestätigen auch die Zahlen, der Spurt von 0 auf 100 km/h dauert nur 2.9 Sekunden, und nach 8.2 Sekunden ist die Marke von 200 km/h erreicht!

Die aerodynamischen Details zwingen zur genauen Betrachtung, zum Beispiel die Luftauslässe, die Vertiefungen in den Radkästen erzeugen.

Der Sound wiederum, den der Motor abgibt, ist nicht wirklich überwältigend. Anstelle eines Riffs mit schrillem Crescendo bewegt er sich im Hardrock-Genre mit vollem E-Gitarrensound. Sicher, das Bellen des V8 passt gut zum Charakter des Motors, aber es hinterlässt keinen wirklich nachhaltigen Eindruck. Allerdings trübt das den Eindruck keineswegs: Der McLaren 600LT Spider ist eines der lebenslustigsten Supercars, ein limitiertes Muss für alle Fahrpuristen.

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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