Deutsche Logik

IM SCHATTEN Auch wenn man es ihm nicht sofort ansieht: der Corsa überzeugt. Und braucht sich vor seinem Bruder nicht zu verstecken.

Geschichten über den neuen Opel Corsa gibt es viele zu erzählen. Jene, dass dem Corsa F der Wechsel von der GM- auf die PSA-Plattform (CMP) gutgetan hat. Das van-artige Design wurde ad acta gelegt, die Dachlinie verläuft jetzt 48 Millimeter niedriger, der Fahrer sitzt um 28 Millimeter tiefer, der Radstand hat um 28 Millimeter (2.54 m) zugenommen, der vordere Überhang ist um 50 Millimeter kürzer. Oder jene Erzählung, dass der Corsa F vor der Übernahme durch PSA eigentlich fertig entwickelt und auch so präsentiert worden war – inklusive noch höher stehender Dachlinie. So gesehen ist der Corsa designtechnisch eine echte Revolution, auch wenn er sich nach wie vor in Zurückhaltung übt.

Umso auffälliger ist die Chronik, dass der 30 810 Franken teure Testwagen mit einer Fülle von Assistenz- und Komfortsystemen daherkommt, die ihren Dienst grösstenteils vorzüglich verrichten. So erledigen beispielsweise die Verkehrszeichenerkennung oder die adaptive Fernlichtautomatik ihre Aufgaben mit allergrösster Gewissenhaftigkeit. Dank schlüssellosen Zugangs schliessen und öffnen sich die Türen, sobald man sich dem Corsa nähert oder sich von ihm entfernt (390 Fr.). Nur der Spurhalteassistent blieb während des Tests vorwiegend deaktiviert, weil er voreilig hineinfunkt – oder dann im Extremfall zu behäbig reagiert. Starker Regen ist auch nicht Seins. Und die 500 Franken Aufpreis für den Einparkassistenten kann man sich getrost sparen, da er entweder die Parklücke nicht erkennt oder aber sich selbst zuparkiert. Die hochauflösende 180-Grad-Rückfahrkamera ist im Basispaket (390 Fr.) enthalten.

Bleibt das Märchen, dass der Opel etwas im Schatten seines Zwillingsbruders, des kürzlich zum Auto des Jahres gewählten Peugeot 208, steht. Das stimmt, aber nur bedingt. Als etabliertes Volumenmodell und wichtige Stütze innerhalb der Marke kann man dann auch mit anderen Qualitäten als mit jugendlichem Temperament punkten. Ganz klar: Während der Peugeot mit seiner extravaganten Art auf Kundenfang geht, sich dabei aber in vielerlei Hinsicht auch etwas verliert, bleibt der Corsa seiner doch eher nüchternen Art treu: funktional, übersichtlich und geradlinig. Manche mögen gar behaupten: langweilig. Im Vergleich zum Vorgänger hat sich das Aussendesign stark verbessert, wie wir finden. Schluss mit der hochgebockten Optik, die Front blickt nun deutlich stimmiger in den Gegenverkehr. Der verbreiterte, durchgängige und nach unten gewanderte Lufteinlass sorgt für einen geradlinigen und modernen Auftritt. Die grimmig dreinblickenden Matrix-Voll-LED-Scheinwerfer wirken nicht mehr wie bei einem Frosch aufgesetzt, sondern harmonieren mit dem mittigen Falz der Motorhaube. Auch im Profil wirkt der Rüsselsheimer nun wieder stimmig. Für die gewisse Prise Sportlichkeit sorgen der Dachkantenspoiler und die abfallende Dachlinie, auch wenn Letztere klar zulasten der Rundumsicht und des nicht übermässigen Platzangebots im Fond geht. Das Heck wiederum verändert sich nicht gross. Die Rückleuchten sind nun kleiner, der Fokus wird hier auf eine klare und horizontale Linienführung gelegt. Kleiner Wink an den Peugeot: Der Franzose zelebriert – deutlich vor allem im Innern zu sehen – Haute Couture. Der Corsa hingegen trägt einen Massanzug ab der Stange. 

Opel-DNA
Womit man sich wohler fühlt, sei dahingestellt. Aber es stimmt, dass der Corsa in etwa so viele Emotionen weckt wie eine Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Handkehrum bekommt man mit der hervorgehobenen Raute – oder in diesem Fall dem Blitz – auch Beständigkeit und Ausdauer. Klar, dass da nicht alles hellerleuchtet sein kann. Beim Peugeot 208 sieht alles viel verspielter, aufregender und deshalb auch exklusiver aus. Die Opel-DNA hingegen ist trotz der PSA-Übernahme vor drei Jahren erhalten geblieben.

Der Innenraum verändert sich dann gar nicht so sehr. Natürlich verfügt der Corsa über ein Touchdisplay, das mit maximal zehn Zoll Diagonale nun grösser und moderner ist. Von unübersichtlichen Untermenüs wird man weitestgehend verschont. Dreh- und Angelpunkt sind die permanent eingeblendeten Shortcuts an den Seiten, der Rest folgt deutscher Logik – was nicht heisst, dass der Corsa nicht allumfassend vernetzt ist. Darunter gibt es eine gut erreichbare Anordnung für die Bedienung der Klimaanlage. Die optionalen Ledersitze mit Heizung und Massagefunktion gehören zu den bequemsten in dieser Klasse. Einzig die Hebel für Blinker und Scheibenwischer sind im Corsa zu weit hinten platziert.

Designtechnisch hat der neue Corsa durch den PSA-Einfluss einen klaren Schritt nach vorne gemacht. Die Kopffreiheit hingegen leidet deutlich darunter. Im Innern
bleibt vieles beim Alten, wurde aber konsequent weiterentwickelt. Im nüchternen Hartplastik-Ambiente findet man eine Fülle an Komfort- und Assistenzsystemen.

Flipperpartie
Alles paletti also? Nicht ganz. Denn nüchtern sein macht dann und wann halt eben doch keinen Spass. Hinsichtlich der bescheidenen Materialauswahl im Innenraum können wir ein Auge zudrücken, zumal alles der Qualität entsprechend gut verarbeitet ist. Das Ensemble an Hartplastik gibt aber klar den Ton an. Die wenigen Lederelemente der Ausstattungslinie Elegance (ab 23 990 Fr.) können darüber nicht hinwegtäuschen. Beim höhenverstellbare Ladeboden im um 28 Liter gewachsenen Kofferraum (309–1081 l) setzte PSA übrigens gleich ganz den Rotstift an. Die Mittelarmlehne wirkt aufgesetzt, und trotzdem passen keine zwei Halbliterflaschen darunter. Und weil in die Aussparung unter der Mittelkonsole keine Gummimatte gezogen wurde – sofern man die induktive Ladeschale (190 Fr.) nicht wählt –, fliegt das Smartphone oder ähnliches in Kurven wild herum.

Wenn wir schon beim Thema sind: Kurven meistert der kleine Rüsselsheimer durchaus souverän, selbst wenn das ESP doch etwas mehr Spielraum bieten dürfte. Zumal das Fahrwerk des Corsa einen Tick härter abgestimmt ist als beim Peugeot 208. Für dieses Segment gibt es punkto Fahrverhalten trotzdem nur wenig auszusetzten. Zu Linienkorrekturen wird man dann auch nicht vom Fahrwerk, sondern von der äusserst schwammigen Lenkung gezwungen. Es scheint, als hätten die PSA-Ingenieure diese für das kleine GT-Lenkrad des Peugeot abgestimmt, nicht aber für den grösseren, multifunktionalen Opel-Kranz adaptiert. Mehr noch als beim 208 fühlt sich jedes Lenkmanöver synthetisch und unberechenbar an. Während die Leichtgängigkeit in der Stadt durchaus berechtigt ist, ähnelt das Fahrverhalten auf der Autobahn einer Flipperpartie. Zudem ist das Rückstellmoment um die Mittellage derart stark, dass kleine Lenkwinkel noch ungenauer auszuführen sind.

Klein, aber oho
Lob hingegen verdient sich die Bedienung von Kupplung und Getriebe des manuellen Sechsgang-Getriebes – auf Wunsch gibt es eine Achtgang-Automatik (2000 Fr.). Das Kupplungspedal verfügt über eine angenehm harte Abstimmung bezüglich Widerstand, der Schleifpunkt ist weder zu früh oder zu spät noch zu kurz oder zu lang. Gleiches gilt für den optimal positionierten Schaltknauf. Natürlich dürften die Gassen noch enger geführt sein, für diese Klasse fühlen sich die Schaltvorgänge im Corsa F aber erfrischend erwachsen an.

Zu einiger Überraschung gelingt dies auch dem 1.2-Liter-Motor mit 100 PS und 205 Nm. Nach Abschluss des Tests sind wir nicht mehr sicher, ob es tatsächlich die um 30 PS stärkere Topmotorisierung braucht. Mit einem Gesamtverbrauch von 6.1 Litern gibt sich der Dreizylinder einerseits angemessen sparsam. Andererseits entwickelt der Turbobenziner im unteren Drehzahlbereich ordentlich Druck, sodass im primären Einsatzgebiet bei niedrigeren Geschwindigkeiten nur selten der Wunsch nach mehr Leistung aufkommt. Aber auch auf der Autobahn reicht die Kraft, um flott im Verkehr mitschwimmen zu können. Einzig, und nicht sonderlich überraschend, will plötzliches Herausstechen ab Tempo 80 km/h im sechsten Gang wohlüberlegt sein. Da murrt und stottert der Corsa F und erzählt seine ganz eigene Geschichte. 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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