Die Schweizer Automobilbranche im Ausnahmezustand

KRISE Die Massnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus treffen die Schweizer Automobilbranche mit voller Wucht. Man geht davon aus, dass die Auswirkungen dramatisch sein werden.

Ein toller Motor, der nun womöglich abgewürgt wird – nachdem die Schweizer Automobilbranche jahrelang wie ein Uhrwerk lief, wird sie im Jahr 2020 einige gros­se Rückschläge hinnehmen müssen. Gegen die zu erwartenden Strafen für die Überschreitung der CO2-Grenzwerte, die in diesem Jahr verschärft wurden, hatten sich die Importeure durch die Bildung von Reserven wappnen können, doch mit der Invasion des Corona-Virus hatten auch sie nicht gerechnet. Die wirtschaftlichen Folgen für die Branche werden wohl verheerend sein, da die Hersteller gezwungen sind, ihre Fabriken in fast ganz Europa zu schliessen. Der Verkauf von Neuwagen ist in der Europäischen Union mit einem Minus von 7.4 Prozent gegenüber Februar 2019 ohnehin rückläufig. Die tatsächlichen Auswirkungen diverser Restriktionen werden sich jedoch erst bei den Zahlen für März zeigen. Auch die Schweiz wird dabei nicht ungeschoren davonkommen.

Das schlechteste Jahr seit 2009?
Der Bundesrat, der am 16. März die «aussergewöhnliche Lage» erklärte, ordnete die Schliessung sämtlicher Geschäfte, Restaurants, Bars sowie aller Unterhaltungs- und Freizeiteinrichtungen an. In der Automobilbranche können die Werkstätten zwar unter Beachtung der Hygieneempfehlungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) weiterarbeiten, die Verkaufsräume müssen jedoch geschlossen bleiben. «Mit hoher Wahrscheinlichkeit bricht der Markt in den kommenden Monaten ein», befürchtet François Launaz, Präsident von Auto-Schweiz, dem Dachverband der Schweizer Auto­importeure. «Ich schätze, dass die Verkäufe im Gesamtjahr 2020 um 15 bis 25 Prozent zurückgehen werden.» Das könnte für das Geschäftsjahr 2020 bedeuten, dass es nur 230 000 Neuzulassungen gibt, das schlechteste Ergebnis seit 2009, dem Jahr der Finanzkrise.

Für das zweite Quartal 2020 erwartet Launaz keinen Aufholeffekt, auch wenn das Virus unter Kontrolle gebracht würde: «Das erste Halbjahr macht rund 60 Prozent des Umsatzes aus. Auch wenn es im Herbst zu einer Erholung kommt, wird diese nicht stark genug sein, um die Verluste auszugleichen. Für die Branche kommt dieses Virus zur schlechtestmöglichen Zeit. Jetzt wären alle Frühlngsausstellungen und Tage der offenen Tür.»

Die Parkplätze leer, die Lichter gelöscht, die Türen verschlossen: Die Autobranche läuft derzeit auf Minimalbetrieb.

Reihenweise Absagen
Vor allem in den betroffenen Werkstätten macht sich Verzweiflung breit. «Die Situation ist kata-strophal», meint Peter Forrer, Geschäftsführer der Renault-Werkstatt Müller in Baden AG, ohne Umschweife. «Wir können keine Autos verkaufen, unsere Verkäufer müssen zu Hause bleiben. Es gibt ohnehin keine Nachfrage, die Menschen denken im Moment an andere Dinge als an eine neues Auto.» 

Die Autowerkstätten stellen, auch wenn sie geöffnet bleiben können, keine grosse Hilfe dar. «Unsere Werkstätten arbeiten mit weniger Personal, wir mussten wegen der fehlenden Aufträge sogar einige Mechaniker nach Hause schicken», sagt Peter Forrer. «Die Kunden sagen reihenweise die Termine ab, weil sie lieber zu Hause bleiben. Sie sagen sich, dass sie die notwendigen Arbeiten auch noch im Mai oder Juni erledigen lassen können, wenn sich die Situation beruhigt hat.» Die Werkstatt mit ihren insgesamt 25 Mitarbeitern verliert täglich Geld. Forrer schätzt, dass er unter diesen Bedingungen nicht länger als «drei oder vier Monate» durchhält.

Bernard Thuner, Geschäftsführer der Werkstatt Autobritt in Genf, ist noch pessimistischer: «Was dramatisch sein wird, sind die Liquiditätsengpässe», sagt der Chef des Betriebes, der 115 Mitarbeiter beschäftigt. «Die Erb-Gruppe musste wegen einer viel harmloseren Krise aufgeben.»

Wie François Launaz macht sich auch Bernard Thuner keine Illusionen über einen möglichen Aufschwung des Marktes, wenn der Sturm vorüber ist: «Um den Konsum wieder anzukurbeln, müssen wir schauen, in welchem Zustand sich das Land und seine Bürger befinden. Das ist mein grösste Sorge.» Tatsächlich könnte die Krise in vielen Branchen zu Entlassungen führen, denn das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) prognostiziert für das Jahr 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 1.5 Prozent und ­einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 2.8 Prozent (statt der vorher erwarteten 2.4 %). Das verheisst zweifellos nichts Gutes für den Konsum.

Um die Situation mit möglichst geringem Schaden zu bewältigen, bitten Forrer und Thuner den Bund und die von ihnen vertretenen Marken inständig um Unterstützung. Während der Bundesrat ein Paket von 42 Milliarden Franken an Hilfen für die Wirtschaft zugesagt hat, hängt die Unterstützung durch die Automobilhersteller vom Einzelfall ab. «Sie könnten mit den Boni, die sie uns für das Erreichen bestimmter Verkaufsziele gewähren, entgegenkommender sein», erklärt Peter Forrer. «Viele Händler leben nur von den Prämien, denn die Margen bei Neuwagen sind sehr gering. Wenn diese Ziele nicht zu erreichen sind, werden viele Werkstätten pleitegehen.» Auch Bernard Thuner bedauert den Druck auf die Händler: «Ich bin nicht sicher, ob wir auf absehbare Zeit das gewohnte Konsumtempo erleben werden. Das System der Aktiengesellschaften hat alle, die Wirtschaft, die Industrie, unter Druck gesetzt und uns einen Rhythmus aufgezwungen, der auf einem übermässigen Konsum basiert. Die Hersteller setzen auf Wachstum oder auf bestimmte Stückzahlen, um rentabel zu wirtschaften, was zu einer Überproduktion geführt hat. Uns Händlern bleibt nichts anderes übrig, als die Vorgaben der Hersteller umzusetzen. Das zwingt uns jedoch zu Entscheidungen, die nicht unbedingt unserem Denken als Unternehmer entsprechen.»

In diesem Zusammenhang könnte der Autoverkauf übers Internet eine Möglichkeit sein, die Händler zu retten. Seco-Sprecher Fabian Maienfisch präzisiert: «Auslieferungen an die Kunden dürfen weiterhin erfolgen, solange der vom BAG geforderte Mindestabstand von zwei Metern zwischen zwei Personen eingehalten wird.» Für die Amag, die vor kurzem ihre Plattform für den Online-Autokauf inklusive Heimlieferung hochgefahren hat, könnte dies eine gute Gelegenheit darstellen, die Attraktivität eines solchen Angebotes zu testen und sich so einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen.

Mitarbeiter machen sich Sorgen
Angesichts der zahlreichen Sorgen der Branche, steht der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) an vorderster Front. «Im Moment haben wir unzählige Anfragen zum Thema Kurzarbeit», sagt Olivia Solari, Juristin, Verantwortliche für Recht und Politik beim AGVS. «Unsere Mitglieder müssen diese Möglichkeit nutzen. Wir möchten, wo immer möglich, Entlassungen vermeiden. Dafür muss aber jeder Betroffene, so auch der Mitarbeiter, gewisse Zugeständnisse machen.» So haben die Werkstätten beispielsweise ihre Mitarbeiter gebeten, ihren Urlaub in den nächsten Wochen zu nehmen oder Überstunden abzubauen. Eine Massnahme, die von den Mitarbeitern nicht einhellig unterstützt wird, ebenso wenig wie die Aufrechterhaltung der Werkstattaktivität: «Meine Werkstatt ist immer noch geöffnet, und ich mache mir wegen des Virus grosse Sorgen», meint Kevin, ein Mechaniker aus dem Kanton Waadt. «Ich fühle mich an meinem Arbeitsplatz nicht mehr sicher.» Diese Sorge wird von vielen geteilt, wie ein Blick in die Kommentare auf der AGVS-Website zeigt. Sogar einige Geschäftsleiter melden sich zu Wort, so zum Beispiel Claude Schorderet, Geschäftsführer von S. R. Automobiles in Romont FR. «Die derzeitige Situation ist unmöglich. Es ist doch nicht konsequent, den Verkauf zu schliessen, aber die Werkstätten geöffnet zu lassen, oder? (…) Ich denke, eine komplette Schliessung von zwei Wochen wäre besser gewesen.» Er weist auch darauf hin, dass die Verantwortung jeweils beim Chef liege. Nur will halt niemand der Konkurrenz das Feld überlassen – jetzt da die Existenz vieler Betriebe bedroht ist. 

Hygiene im Servicebereich

Während die Verkaufsräume geschlossen sind, können die Werkstätten ihre Tätigkeit – im Moment noch – fortsetzen, sofern die Mitarbeiter die vom BAG festgelegten Gesundheitsmassnahmen einhalten. Die Situation führt dazu, dass viele Kunden zum Bedauern des AGVS ihre Termine absagen. «Unsere Mitglieder versichern den Kunden, die Angst vor einer Übertragung der Krankheit haben, dass die Autos nach Beendigung der Arbeiten desinfiziert und gereinigt werden und die Schlüssel mittels einer Codebox oder ähnlichem übergeben werden», erklärt Olivia Solari, Juristin, Verantwortliche für Recht und Politik beim AGVS. «Kunden sollten ihr Fahrzeug unbedingt weiterhin in die Werkstatt bringen, um die Sicherheit im Strassenverkehr zu gewährleisten.» Tatsächlich heisst es auf der Amag-Website, dass das Lenkrad, die Sitze und der Schalthebel mit einem «angemessenen Schutz» versehen würden. Die Empfehlung des AGVS geht sogar noch weiter, der Verband empfiehlt den Werkstätten «die Desinfektion des Lenkrads, der Türgriffe, des Schalthebels, der Touchscreens und der Tankklappe vor der Übergabe des Fahrzeugs». Für Menschen, die sich panisch mit Toilettenpapier eindecken, dürften aber auch diese Massnahmen nicht weit genug gehen. LQ

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