Im Dienste der Medizin

ATEMGERÄTE STATT AUTOS Autos werden derzeit fast keine mehr gebaut. Dafür produzieren Ferrari, Ford oder VW nun Teile für Beatmungsgeräte oder Atemschutzmasken.

Die Hersteller von Beatmungsgeräten haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Darum wird derzeit überall eifrig nach anderen Quellen gesucht. Zu den ersten Ansprechpartnern gehören die Autobauer. Nahezu alle Hersteller haben alle oder viele ihrer Werke abgestellt. Ford-Chef Jim Hackett und GM-
Chefin Mary Barra stehen in dem Sinn in Kontakt mit der US-Regierung. Gesucht wird eine Möglichkeit, statt Autos Beatmungsgeräte oder Teile davon zur Behandlung von Covid-19-Patienten herzustellen. Während des Zweiten Weltkriegs hatten Ford, GM und Chrysler schon einmal umgerüstet. Statt für den Bau von friedfertigen Autos wurden die Montagehallen damals auf den Bau von Flugzeugen, Panzern und anderen Waffen umgestellt. Der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten, Larry Kudlow, bestätigte gegenüber Fox News entsprechende Gespräche zwischen den Herstellern und der Regierung. Barra habe sogar gesagt, sie erwäge, die Menschen, die wegen des Corona-Virus zu Hause seien, zurück in die Werke zu rufen, um Beatmungsgeräte zu produzieren. «Sie machen es vielleicht sogar freiwillig aus zivilen und patriotischen Gründen. Das ist die Art des Can-do-Spirits», so Kudlow. Inzwischen arbeitet GM mit dem Medizinunternehmen Ventec Life Systems zusammen. Ventec will die Expertise von GM in den Bereichen Logistik, Einkauf und Produktion nutzen.

Fast alle Marken involviert
Schlimm ist es in Italien. In Brescia bekam man zum Beispiel Probleme mit kaputten Ventilen an Beatmungsmaschinen. Im Trubel waren Ersatzventile jedoch nur schwer zu kriegen. Ein Moment, in dem 3D-Drucker rettend einspringen können und es in dem Fall auch taten. Die 3D-Druckfirma Isinnova aus Brescia konnte die Ventile unbürokratisch nachbauen. Gianluca Preziosa, Chef von Sia­re Engineering, eines italienischen Herstellers von Beatmungs- und Wiederbelebungsgeräten, verhandelt so unter anderem mit Ferrari. In Maranello lies­sen sich auch Schläuche oder Gesichtsmasken aus Kunststoff herstellen. Als Optionen käme aus­serdem eine Unterstützung durch Ingenieure von Fiat Chrysler und Ferrari infrage. «Präzisionsfräsen und die 3D-Drucktechnik könnten bei der Herstellung komplexer Teile helfen», sagt René-Christopher Wollmann, Programm- und Plattformleiter beim Designer Pininfarina.

Auch in Deutschland will man helfen. Volkswagen spendet nicht nur wie Daimler Atemschutzmasken, sondern will auch bei der Herstellung von Beatmungsgeräten mithelfen. «Medizinisches Equipment ist natürlich neu für uns», sagt ein Sprecher. «Aber sobald wir die Anforderungen kennen, können wir starten.» Man habe bereits Anfragen von Behörden, Verbänden und Vereinen. Die VW-Gruppe verfügt über mehr als 125 industrielle 3D-Drucker. In Grossbritanien hat der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Meggitt, der Sauerstoffmasken für Flugzeugpiloten herstellt, den Lead eines Konsortiums übernommen. Ziel ist es, Beatmungsgeräte zu fertigen. Diesem Verbund gehören auch Nissan und McLaren an. Angefragt hat man auch Honda und Rolls-Royce. Angeblich soll es bereits einen Prototyp eines Beatumungsgerätes geben, dessen Qualität jetzt geprüft werde, sagt Gesundheitsminister Matt Hancock der BBC.

Auch Masken sind nötig
In China kehrt zusehends wieder Normalität ein. Freilich dürfen die Menschen nur mit einer Atemschutzmaske arbeiten, um ein Neuaufflammen der Krankheit zu verhindern. Insofern ist und bleibt der Bedarf an solchen Masken hoch. BYD, grösster Elektroautobauer im Land, hat in nur zwei Wochen die weltgrösste Fabrik für Atemschutzmasken aus dem Boden gestampft. Tagesproduktion: fünf Millionen Masken. Weil BYD auch Smartphones herstellt, bekam man eine Zulassung für die Herstellung der besonders vor Viren schützenden FFP3-Masken. Dafür ist eine absolut staubfreie Fabrikumgebung erforderlich. Die Chinesen schauen aber nicht nur für sich. So liefert der Volvo-Eigentümer und Daimler-Teilhaber Geely inzwischen Schutzausrüstung und Testkits nach Deutschland und Schweden. Auch Fiat-Chrysler-Konzernchef Mike Manley hat angekündigt, eines der Werke des italienisch-amerikanischen Konzerns in Asien fortan auf die Produk­tion von Gesichtsmasken für Beschäftigte im Gesundheitswesen umzustellen. 

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