Völlig losgelöst, aber mit Mass

FACELIFT Bei der Auffrischung des RS4 war Audi nicht auf extreme Leistungsspitzen aus. Doch der Faktor «Haben wollen» bleibt konstant hoch.

Eine bestimmte Gruppe von Autofans schaut ganz verklärt, wenn man ihnen die Zauberformel RS4 ins Ohr flüstert. Der legendäre Audi ist der lebende Beweis dafür, dass sich eine mächtige Pferdeherde, Sportwagen-Fahrleistungen, vernünftiger Komfort, beste Verarbeitung und ein annehmbares Platzangebot auf einen Nenner bringen lassen. Die Jungen, die mit dem Golf GTI gross geworden sind, brauchen die Familiengründung nicht mehr zu fürchten, sie können sich auf noch mehr Fahrspass einstellen. Mit seinem Gepäckraum von 505 Litern schluckt der Audi RS4 jeden Kinderwagen und einiges an Babyausrüstung. Der Kofferraum ist praktisch geformt, hat aber doch seine Limiten: Peugeot 508 SW (530 l), Škoda Superb Combi (660 l) und VW Passat Variant (650 l) können es besser. Die vier sind aber keine Premiummodelle und haben auch nicht das Ansehen des Volkshelden aus Ingolstadt. Der RS4 hat mit seinem einfachen Rezept die Herzen der Autobegeisterten für sich gewonnen: Pferdestärken, und mit jeder neuen Generation immer mehr davon. Eine Ausnahme stellt dabei die aktuelle, 2017 lancierte und im vergangenen Jahr aufgefrischte Auflage dar. Sie bleibt bei den 450 PS, die bereits seit 2012 unter der Motorhaube wiehern. Wegen der strengeren Abgasnormen muss der RS4 seit 2017 sogar mit zwei Zylindern weniger auskommen, mit einem aufgeladenen V6 statt des einstigen V8. Muss sich der junge Wilde also zum Bünzli degradieren lassen?

Brutal, aber geordnet
Zum Glück: nein. Den Beweis erbringt schon der Paradesprint auf 100 km/h, den wir mit 4.2 Sekunden gemessen haben; das entspricht fast genau der Werksangabe (4.1 s). Im täglichen Umgang wird man immer wieder vom mächtigen Antritt begeistert. Es geht brutal, aber doch geordnet voran. Dank Launch-Control und Allradantrieb schiesst der Wagen los, die Reifen pressen die 600 Nm förmlich in den Asphalt. Die Drehmomentlawine macht sich auf kurvigen Strecken noch eindrücklicher bemerkbar: Der Drehmoment-Höchstwert ist von 1900 bis 5000/min abrufbar, der RS4 rennt auf Teufel komm raus. Die deutsche Rakete beschleunigt ungehemmt aus den Biegungen, die Geraden verfliegen augenblicklich. Die ausgezeichnete Achtstufen-Automatik von ZF gibt den perfekten Partner für den Motor ab, ein Doppelkupplungsgetriebe vermisst man so gut wie nie. Ausser vielleicht beim Herunterschalten, das nicht ganz so blitzschnell erfolgt wie mit einem DSG. 

Die Neugestaltung betrifft vor allem die Frontpartie, die neue Scheinwerfereinheiten und einen neu gestalteten Kühlergrill erhält. Im Innern gibt es neue Performance-Anzeigen im MMI wie hier im Bild die Temperaturanzeigen.

Zahm im oberen Tourenbereich
Der Vorwärtsdrang des V6-Biturbo ist bis
5000/min berauschend, aber im obersten Viertel des Drehzalbandes lässt der Sturmwind etwas nach. Ganz oben legt der Motor gleichmässig zu und gibt sich nicht mehr so explosiv. Mit diesem Charakter lässt der Sechszylinder eine leichte Enttäuschung aufkommen, es fehlt ihm an diesem begeisternden Irrsinn, wie man ihn etwa beim V6 des Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio liebt. Und auch das Klangbild, welches einem die Bässe eines V8 vortäuschen soll, hat etwas Gekünsteltes. Das ändert aber nichts daran, mit welcher Vehemenz das Powerteam die 1900 Kilogramm des Kombi vorantreibt. Das Fahrwerk spielt natürlich mit, einzig in ganz engen Haarnadelkurven oder während sehr schneller Kurvenkombinationen wird der RS4 leicht und lässt die perfekte Stabilität vermissen.

Von dieser Schwäche einmal abgesehen, ist es einfach verblüffend, wie der Quattro-Allradantrieb das Untersteuern auszumerzen versteht, das Torque-Vectoring wirkt Wunder. Das System leitet mehr Antriebsdrehmoment an das kurvenäussere Hinterrad und hilft dem Wagen, entschiedener in die Kurve einzulenken. Das fühlt sich zwar am Lenkrad etwas künstlich an, aber die Kurvengeschwindigkeiten sind einfach abgehoben, der RS4 wirkt ungemein handlich. Absolut gelungen ist die Kraftverteilung, im Normalfall 40 bis 60 Prozent zugunsten der Hinterachse, von der Elektronik variierbar bis 85 Prozent. Mit etwas Provokation ist sogar ein leichtes Ausstellen des Hecks möglich. 

Wenig Rückmeldung von der Lenkung
Die Auslegung als Hecktriebler wird auch von der Lenkung unterstützt. Das Lenkrad ist leicht und lässt deftige Einschläge zu, ganz wie bei einem Fahrzeug mit Hinterradantrieb. Die variable Lenkunterstützung trifft genau den richtigen Kompromiss beim Einlenken, fühlt sich aber wenig natürlich an und bietet kaum Rückmeldung. Das ist aber nicht so störend, dass es von den tollen dynamischen Eigenschaften des Audi RS4 ablenken würde. Diese profitieren auch von den spontan ansprechenden, kräftigen und fadingfreien Bremsen (Karbon-Keramik-Scheiben 7800 Fr.). Verblüffend ist auch der Verbrauch, der auf unserer Normrunde bei 8.9 Litern lag; da wird aber nicht die ganze Kavallerie eingesetzt. Lässt man diese hingegen galoppieren, dann werden daraus auch 20 Liter.

Schmuckkasten
Wenn sich der Fahrer nach Lust und Laune auf den Kurvenstrecken ausgelassen hat und den RS-Modus (straffere Kennlinien, schnelles Ansprechen des Gaspedals, aggressivere Schaltprogramme) verlässt, kann er sich im Comfort-Modus verwöhnen lassen. Die Seitenpolster der Halb­schalensitze entspannen sich von selber, alles wirkt sanfter. Zu einer Sänfte wird der RS4 nicht, aber der schnelle Kombi wandelt sich doch zum ­ruhigen Reisegefährten. Die Insassen können den Luxus geniessen. Verarbeitung und Materialwahl sind vom Feinsten, Patzer sind kaum auszumachen. Ein Kritikpunkt betrifft die Gewöhnungszeit, bis der Besitzer die vielen Feinheiten des digitalen Armaturenbretts gemeistert hat (Virtual Cockpit Plus für 460 Fr.). 

Spart man sich diese Ausgabe, kann man die hervorragende Ergonomie schätzen lernen, die Kombination von virtuellen und physischen Knöpfen ist bestens gelungen. Das modernisierte Infotainment MMI (2950 Fr.) gehört zu den wenigen Innovationen des jüngsten Faceliftings. Die Audi-Verantwortlichen haben das Touchpad auf dem Mitteltunnel für die MMI-Bedienung gestrichen, alle Funktionen werden über den 10.1-Zoll-Touchscreen angesteuert. Eine Verbesserung ist das nicht. Das Infotainment verfügt neu auch über RS-eigene Anzeigen, etwa die Temperaturüberwachung der verschiedenen technischen Systeme, oder die Angabe der Längs- und Seitenkräfte. 

Teure Optionen
Das Studium der Preisliste bestätigt leider, dass man in Ingolstadt der Tradition der gegen Gold aufgewogenen Extras treu geblieben ist. Das hervorragende Head-up-Display lässt sich Audi etwa mit 1280 Franken entgelten, das adaptive Fahrwerk mit 2540 Franken. Die Optionen liessen den Testwagenpreis auf 142 665 Franken klettern, der Basispreis liegt bei 105 590 Franken. Das macht dieses Modell natürlich sehr exklusiv, was vielen Interessenten nur recht ist. Aber junge Familien­väter müssen wohl doch eher mit einem SUV oder Grossraumkombi vorlieb nehmen. Nur im Traum darf es dann der RS sein. 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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