Schön entspannt

ERFOLGREICH Der Mercedes-Benz GLC ist ­zurzeit das meistverkaufte SUV der Schweiz. Welche Schwächen kann man so einem Auto ankreiden?

Als Mercedes im Jahr 2015 den Nachfolger des überaus erfolgreichen SUV GLK enthüllte, präsentierten die Stuttgarter nicht nur eine neue Modellgeneration, sondern auch eine neue Bezeichnung. Der GLK wurde zum GLC, um die Nähe zur C-Klasse zu signalisieren, mit dem sich das SUV die Basis teilt. Nicht nur Namen und Basis, auch Marktposition teilen sich die Brüder und stellen im Line-up die vernünftige Mittelklasse dar. Das sehen auch die Kunden so, der GLC gehörte 2019 zu den meistverkauften Modellen in der Schweiz, war das meistverkaufte SUV und das meistverkaufte Modell von Mercedes noch knapp vor der A-Klasse.

Mit der Modellpflege 2019 wurde der GLC dezent überarbeitet, an der Front gab es unter anderem einen neuen Grill und – wie am Heck – eine andere Lichtsignatur, optional mit den Multibeam-LED-Matrixlichtern.

Viel Technologie
Im Innenraum hat sich auf den ersten Blick nicht viel getan, neu kommt das MBUX-Infotainmentsystem zum Einsatz, die Bedienung geschieht über ein Touchpad anstelle des alten Dreh-Drück-Knopfes. Oder über den Touchscreen (wahlweise 7 oder 10.25 Zoll). Oder natürlich via Sprachbedienung, die mit «Hey, Mercedes!» zum Leben erweckt wird. Oder am Lenkrad. Auch beim GLC zeigt sich somit die Schwäche des MBUX, das zwar alles kann, dessen Bedienung aber auch nach langer Eingewöhnungszeit noch nicht intuitiv von der Hand geht. Immerhin wurden für die Klimaanlage die physischen Knöpfe beibehalten, sodass wenigstens deren Bedienung keine Aufmerksamkeit erfordert und diese weiterhin beim Verkehrsgeschehen bleiben kann. Wobei das auch nicht mehr so zwingend nötig ist, denn im Hintergrund bringt der GLC eine ganze Reihe Fahr­assistenten mit, die dem guten Ruf der Stuttgarter alle Ehre machen. Der adaptive Tempomat regelt die Geschwindigkeit selbständig über Verkehrszeichenerkennung und Navidaten, der Spurassistent erfordert nur wenige, korrigierende Eingriffe (auf der Autobahn werden beim Antippen des Blinkers Spurwechsel selbständig ausgeführt, sofern die Spur nebenan frei ist), der Stauassistent soll in der Lage sein, auf der Autobahn selbständig eine Rettungsgasse zu bilden, indem er die Spurlinien und den Verkehr beobachtet. Letztere Funktion konnten wir leider nicht testen, da – und das wird wohl das einzige Mal in der Geschichte dieser Zeitung bleiben, dass wir uns über fehlende Staus beklagen – zurzeit auf unseren Autobahnen fast überall freie Fahrt herrscht. Ergänzt wurde das Technologiepaket in unserem Testwagen mit der Möglichkeit für den digitalen Fahrzeugschlüssel, bei dem das Handy den Handsender ersetzt, sowie mit einem Soundsystem von Burmester.

Während auf den Vordersitzen Personen jeglicher Statur bequem und edel sitzen (bezüglich Materialwahl und Verarbeitung bleibt Mercedes weiterhin ungeschlagen), bieten die Rücksitze nicht mehr als zwei Personen bequem Platz. Der hohe Mitteltunnel macht den fünften Platz zum Notsitz. Mit 580 bis 1600 Litern Ladevolumen ist der GLC kein Riese und bietet ähnlich viel Ladevolumen wie die Konkurrenz, etwa BMW X3 oder ein Volvo XC60. Dank der im Verhältnis 40:20:40 abklappbaren Rückbank lässt sich der Mittelsitz wenigstens zu Transportzwecken nutzen, auch bei vier Insassen, etwa für die Skiausrüstung.

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

Seitenkräfte mag er weniger
Unter der Haube hat die Modellpflege auch ­eine wichtige Neuerung mit sich gebracht. Der längsverbaute Zweiliter-Turbo M264 ist an sich nicht neu, wurde jedoch mildhybridisiert. Ein 48-Volt-System und ein riemengetriebener Startergenerator liefern bei Bedarf zusätzliche 10 kW. Die sehr fein arbeitende Stopp-Start-Automatik und der Segelmodus helfen, den Verbrauch zu senken. 8.1 Liter wären das gemäss offiziellen Herstellerangaben, auf unserer Normrunde konnten wir den Verbrauch sogar auf 7.6 l/100 km drücken. Nicht schlecht für ein Auto, das leer knapp zwei Tonnen wiegt und in 6.2 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Auch hier greift der Startergenerator mit 150 Nm Extra-Drehmoment unterstützend ein. Trotzdem wird der GLC 300 nicht zum Sportler, daran ändern auch die Fahrmodi Sport und Sport+ nichts. Ob diese in einem luxuriösen Mittelklasse-SUV überhaupt angebracht sind, ist wieder eine andere Frage.

Das Powerteam mit dem Neunstufen-Wandlerautomaten arbeitet Hand in Hand, die Gangwechsel kommen zwar nicht ganz so blitzschnell wie bei einem Doppelkupplungsgetriebe, aber stets zur richtigen Zeit. Überhaupt zählt das 9G-Tronic nach wie vor zu den besten Automaten auf dem Markt. Einzig auf sehr steilen, kurvigen Bergsträsschen bekundete es hin und wieder Mühe, den richtigen Gang zu finden. Im manuellen Modus lassen sich die Gänge über die Schaltwippen wählen, und das Auto hält sie tatsächlich auch – anders als bei vielen Konkurrenten.

Auf eng gewundenen Strassen und unebenen Passagen zeigt sich schnell, dass der GLC300 – trotz genügend Leistung – eher Babybomber als Sport-SUV ist. Sobald die Querkräfte zunehmen, zeigt die Karosserie durch auf Komfort abgestimmte Dämpfer eine Tendenz zur Seitenneigung. Das liesse sich mit dem optionalen Dynamic-Body-Control oder Air-Body-Control vermutlich reduzieren, diese waren in unserem Testwagen aber nicht verbaut. Bei deaktivierten Stabilitätskontrollen scheint das Fahrzeug schnell einmal den direkten Kontakt zur Fahrbahn zu verlieren, die Lenkung wird wenig kommunikativ, und das Auto beginnt nervös über die Vorderachse zu rutschen.

Erfolgreiches Gesamtpaket
Wenn ein Modell in den Top Fünf der meistverkauften Autos der Schweiz liegt, kann am Gesamtpaket wohl nicht viel kritisiert werden – ausser die Preispolitik, die sich in den Verkaufszahlen nicht widerspiegelt. Die Basisvariante GLC 200 lässt sich Mercedes mit 59 700 Franken bezahlen, den GLC 300 gibt es ab 67 500 Franken. Für unseren Testwagen mit Optionen müssten bereits über 90 000 Franken abgedrückt werden. Dank tiefer Leasingraten mit langen Laufzeiten gibt es offenbar genügend Kunden, die sich das leisten wollen. Immerhin ist Allradantrieb bei allen Motorisierungen Serie. 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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