Verkehr auf das Nötigste reduziert

RÜCKGANG Wie zu erwarten war, haben die Massnahmen zur ­Eindämmung des ­Corona-Virus zu einem deutlichen Verkehrs­rückgang geführt.

Autofahren macht zurzeit wirklich Spass!» Jeder, der seit Beginn der Eindämmungsmassnahmen mit dem Auto unterwegs war, wird dem zustimmen. Selten Staus, fliessender Verkehr, ein Gefühl von Freiheit – die seit 16. März empfohlene Ausgangsbeschränkung hat sich zumindest auf den Strassenverkehr positiv ausgewirkt. «Wir beobachten einen Rückgang der Fahrgastzahlen im Bahnverkehr um 90 Prozent und einen Rückgang des Verkehrs auf den Autobahnen um zwei Drittel», erklärt Micaël Tille, Lehrbeauftragter für Verkehrswesen an der Eidgenössichen Technischen Hochschule Lausanne. «Schon ein Rückgang des Verkehrs um zehn bis 15 Prozent, wie er im Sommer üblich ist, vermittelt den Eindruck einer leeren Fahrbahn. Insofern ist der aktuelle Rückgang enorm!»

Isolierte Lage des Tessins
Die Zahlen des Bundesamtes für Strassen (Astra) bestätigen den starken Rückgang des Verkehrsaufkommens. Die automatischen Zählstellen an zehn Verkehrs-Hotspots haben im März eine Abnahme um 25 bis 65 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gezeigt (s. Karte). Die grössten Einbrüche wurden an den Zufahrten zum Tessin verzeichnet.

Im Gotthardtunnel wurde ein Rückgang um 61 Prozent, im San-Bernardino-Tunnel um 67 Prozent und am Grenzübergang Chiasso-Brogeda um 65 Prozent gemessen. Letzteres erklärt sich auch durch die vom Bundesrat angeordnete Grenzschliessung, während die Zählstelle Basel-Schwarzwaldbrücke (nahe der Grenze zu Deutschland)
einen Verkehrsrückgang von nur 36 Prozent
meldet.

Individualverkehr bietet Sicherheit
Die Zählstellen im Landesinneren verzeichneten dagegen einen geringeren Rückgang des Verkehrs, wie die Werte der Umfahrung von Bern (–26 %) und des Aeschertunnels bei Zürich (–28 %) belegen. Dieser zwar deutliche, aber im Vergleich zu anderen Zählstellen geringere Rückgang zeigt, dass die Schweizer für notwendige Fahrten nun eher das Auto nehmen. «Im Moment können wir froh sein um den Indivdualverkehr», erklärt Micaël Tille. «Er erlaubt es den Menschen, sich fortzubewegen und dennoch die Sicherheitsabstände einzuhalten.» Der Erfolg von Autoabos mit Laufzeiten von einem bis sechs Monaten ist ein weiterer Beleg für die Verlagerung des Verkehrs, denn viele Schweizer sehen sich veranlasst, jetzt vom Zug auf das Auto umzusteigen. Der Carsharingdienst Mobility hat angesichts des Rückgangs der Kurzzeitbuchungen (–50 %) 3120 Fahrzeuge, ein Viertel der Flotte, auf Langzeitvermietung umgestellt. 

Rückgang des Freizeitverkehrs
Interessant ist auch, dass die Zählstellen des ­Astra an den Wochenenden einen stärkeren Rückgang des Verkehrs zeigen als unter der Woche. Im Durchschnitt ging der Verkehr am Wochenende um etwa 70 Prozent zurück. Die Spitzenwerte wurden bei den Zufahrten ins Tessin verzeichnet: Der Gotthardtunnel verzeichnete am Sonntag, 29. März, insgesamt 91 Prozent weniger Durchfahrten, der Grosse-St.-Bernhard-Tunnel 93 Prozent und Chiasso 95 Prozent weniger. «Dies vor allem, weil zahlreiche Freizeitaktivitäten nicht mehr möglich sind», erklärt Micaël Tille. «Der Freizeitverkehr macht zwei Drittel der zurückgelegten
Kilometer aus und ist bei Weitem der bedeutendste Beweggrund für Fahrten.» Der Durchschnitt der täglichen Fahrstrecke ist seit dem 16. März von 40 auf 15 Kilometer zurückgegangen, was zeigt, dass die Schweizer den Empfehlungen des Bundesrates, zu Hause zu bleiben, so gut wie möglich Folge
leisten. 

Ein weiterer positiver Effekt besteht darin, dass dieser starke Rückgang des Verkehrsaufkommens auch mit einem Rückgang der Verkehrsunfälle einhergeht. Die Polizeistellen in Solothurn, Zürich und im Aargau haben eine Halbierung der Unfallzahlen im Zeitraum von 15. bis 25. März gemeldet. Für Micaël Tille, der gleichzeitig als technischer Berater in der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) arbeitet, ist es allerdings noch «zu früh» für eine abschliessende Bewertung.

Rückkehr zu alten Gewohnheiten
Wird die aktuelle Krise bei den Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel und der Strasse zu einem veränderten Verhalten führen, wenn sie vorüber ist? Tille hat seine Zweifel: «Ich denke, dass die Mehrzahl der Personen, die jetzt aufs Auto umgestiegen sind, wieder zu den öffentlichen Verkehrsmitteln zurückkehren werden. Nur eine Minderheit wird es vorziehen, auch künftig beim Auto zu bleiben. Meine Menschenkenntnis sagt mir, dass die Krise das Verhalten der Menschen nicht ändern wird.» 

«Der Mensch verfällt in alte Verhaltensmuster»

Jürgen Margraf gehört zu den führenden Angstforschern.

WAS DANN? Jürgen Margraf von der Uni Bochum spricht über psychologische Auswirkungen im Verkehr durch Corona. 

Der renommierte Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Angstforscher Jürgen Margarf von der deutschen Universität Bochum äussert sich zum Mobilitätsverhalten und zum Wechsel vom öffentlichen Verkehr zum eigenen Auto während und nach der Corona-Pandemie. Bevor ­Margraf nach Bochum kam, war der Humboldt-Professor von 1999 bis 2010 Ordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Dekan der Fakultät für Psychologie an der Universität Basel.

Automobil Revue: Was bleibt von der Angst, sich im öffentlichen Verkehr zu bewegen oder gar zu infizieren, in den Köpfen der Menschen übrig, wenn Corona einmal vorbei ist? 
Jürgen Margraf:Es hat ja nicht nur mit Angst, sondern auch Vernunft zu tun, sich derzeit nicht im ÖV zu bewegen. Solange es kein Gegenmittel gibt, bleibt uns nur unser Verhalten zu verändern.

Dann werden die Züge und Busse nach Corona wieder genau so überfüllt sein wie vorher?
Gewiss entwickeln sich Ängste. Allerdings verfällt der Mensch immer wieder in alte Verhaltensmuster – wir nennen das die hedonistische Tretmühle. Wenn wir in einer Corona-Welle durchkommen, dann wird sich vieles innert einiger Wochen wieder normalisieren. Auch der Stau auf der Autobahn zum Beispiel, der dann wieder stärker für die Nutzung des ÖV als dagegen sprechen wird. Heisst: Die Angst vor dem Zuspätkommen wird dann wieder höher gewichtet als die Furcht, sich im Zug eventuell noch anzustecken.

Und wenn die Corona-Geschichte länger dauert als erwartet und es mehrere Wellen gibt?
Dann reden wir von einer intermediären Verstärkung. Das heisst, dass die Menschen viel länger aus einer Erfahrung lernen können. Dementsprechend wird auch der Nachhaltigkeitseffekt viel stärker ausfallen. 

Das heisst, die Menschen können länger lernen, Angst vor dem ÖV zu entwickeln respektive die Vorteile des eigenen Autos zu erkennen?
Ja. Viele Menschen, die vor Corona unschlüssig waren, ob sie ein Auto kaufen wollen, werden das aufgrund der Erfahrung jetzt tun. Oder sie werden fortan nicht, wie sie das vielleicht geplant hatten, auf ein eigenes Auto verzichten. Eine markante Veränderung vom ÖV hin zum Auto wird es geben, wenn autonomes Fahren voll funktioniert. Auch aus der jetzigen Erfahrung und dem Wissen, dass weitere, schlimme Pandemien garantiert folgen.

Können Sie abschätzen, welche Art Auto sich coronamotivierte Käufer anschaffen werden? Eher grosse für die ganze Familie mit Platz für die nötigsten Dinge des Lebens oder eher kleine für die tägliche Mobilität bei Arbeit und Einkauf?
Interessante Frage. Was würden Sie sagen? Sie sind der Automobilfachmann.

Aus einer gewissen empirischen Angst und Prävention vor eine Wiederholung eines solcher Situation eher ein grosses Auto für die Familie.
Geht mir auch so. Sicher aber wird man sich eher ein eigenes Auto anschaffen, als auf ein Sharing­angebot zurückzugreifen, bei dem ich nicht sicher weiss, wer mit wem damit schon alles herumgefahren ist. Interview: Michael Schenk

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