Hühnerhaut statt Chicken-Tax

RÜCKWÄRTSGEWANDT Der Subaru Brat war die in Amerika erhältliche Pick-up-Version des Subaru 1600. Als japanischer Truck war er ein echter Exot: Seine Geschichte ist eng mit dem Steuerrecht verbunden.

Subaru hat den Brat in verschiedenen Versionen von 1978 bis 1994 hergestellt. Er hiess nicht etwa Brat, weil er keine adäquaten Manieren aufwies. Brat – das englische Wort für ein unerzogenes Kind – steht hier für Bi-drive Recreational All-terrain Transporter. Bi-drive? Das bedeutet Allradantrieb. Das Besondere aber war, dass der Brat auf der Pritsche über zwei der Fahrtrichtung entgegengesetzte Plastiksitze verfügte – unter offenem Himmel, mit Haltegriffen wie auf einer Achterbahn.

Die Hühner sind schuld
Wer kommt auf eine so durchgeknallte Idee? Es waren nicht die Designer oder Ingenieure, sondern die Steuerrechtler. Amerika erhebt schon seit 1964 einen Zoll von 25 Prozent auf Kleintransporter und Pick-up-Trucks aus dem Ausland, nicht aber auf Passagierwagen. Es ging um eine Reaktion auf die Zölle, mit denen Europa Importe von Hühnerfleisch aus Amerika belegt hatte. Daher der Name: Es ist die Chicken-Tax, die auch heute noch gilt.  Obwohl der Grund für die Sitze auf der Hand lag und der Subaru in anderen Märkten über keine Sitze auf der Pritsche verfügte, bekam Subaru keinen Ärger mit dem Zoll oder den Steuerbehörden. Unglaublichen Ärger gab es vielmehr mit den Passagieren auf den Sitzen, die bei Unfällen haarsträubende Verletzungen erlitten und diese auf die unsichere Konstruktion zurückführten. Aus diesem Grund verlangen die meisten Versicherungen beim Brat nun eine eidesstattliche Erklärung des Fahrzeughalters, dass niemand auf den windigen Rücksitzen mitfährt.

Windige Angelegenheit: So richtig zivilisiert war die Fahrt auf der Pritsche kaum.

Die Chicken-Tax beschäftigt Autobauer auch heute noch. Ford hat über viele Jahre den Kleintransporter Ford Transit Connect aus der Türkei mit einer Heckbank in die USA importiert, nur um diese noch auf dem Hafengelände herauszureissen und wegzuwerfen. Ford sparte durch die Klassifizierung als Passagierwagen total 250 Millionen Dollar an Steuerzahlungen. Der Konzern optimierte die Kostenstruktur zusätzlich mit einer Heckbank aus noch billigeren Materialien. Dies rief die Behörden auf den Plan, die den Transit der Chicken-Tax unterwerfen wollten. Ford machte nie ein Hehl daraus, dass die Heckbank im Transit nur eingebaut war, um sie in Amerika wieder zu entfernen – es gehe hier um erlaubtes Tariff-Engineering, so der Standpunkt von Ford.

Durch den nach­träglichen Ausbau der Rückbank kann Ford die Chicken-Tax um­gehen. 

Die Chicken-Tax gibts auch heute noch
Das US-Appellationsgericht hielt im Juni 2019 aber klar fest, dass dem nicht so sei. Es komme nicht auf den Zustand im Zeitpunkt des Imports an, sondern auf den beabsichtigten Gebrauch des Fahrzeugs. Dieser weise klar auf den Gütertransport hin, weswegen beim Ford Transit Connect die Chicken-Tax Anwendung finden müsse. 

Donald Trump sprach sich kürzlich gar für die Ausweitung der Chicken-Tax auf ausländische Passagierwagen aus, um den amerikanischen Produktionsstandort zu stärken. Damit dürfte der aktuelle Präsident sich zumindest von seinem früheren Präsidentenkollegen Ronald Reagan abgrenzen: Dieser war nämlich ein grosser Fan des Brat und besass heimlich einen auf seiner kalifornischen Farm. Heimlich, weil sein Volk es nicht gerne gesehen hätte, dass der Präsident einen ausländischen Wagen fährt – und dann noch einen mit dem Namen Brat.

In der Schweiz konnte man den Brat nie kaufen. Hierzulande gab es nur die Kombiversion, den bei Landwirten beliebten Subaru 1600. Das ist eigentlich schade, denn sonst hätten wir sicher mit dem legendären Subaru-Botschafter Bernhard Russi ein Fährtchen mit dem Brat gemacht – selbstverständlich auf der Pritsche. 

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