Schönheit ist überall willkommen

STERNENGLANZ Der Mercedes CLA 220 4Matic besticht in erster Linie durch sein adrettes Äusseres. Freilich bietet der generationen­verbindende Benz auch starke innere Werte.

Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Das hat schon der grosse griechische Historiker Thukydides Hunderte von Jahren vor der Geburt Jesu gesagt. Allein, dieses Mercedes-CLA-220-4Matic-­Coupé, gewandet im Farbton Mountaingrau und auf schwarzen 19-Zoll-Felgen anrollend, ist eine Herrlichkeit für manch Glubscher. In seiner Statur hat sich der CLA entfaltet: Drei Zentimeter mehr Radstand, 4.8 Zentimeter länger und 5.3 Zentimeter breiter. 4.69 Meter ist der Beau lang. Auffallend: Hinten hängen die Leuchten nicht mehr wie fette Ohren an der Heckklappe, sondern ziehen sich jetzt geteilt in diese hinein. Chefgestalter Gorden Wagener hat sich für das Coke-Bottle-Design entschieden. Ein Design, welches die Automobilindustrie vor allem auch in den 60er-Jahren prägte. Prominente Vertreter dieser Gestaltungsrichtung sind etwa der Studebaker Avanti von Raymond Loewy (1961) oder die C2-Corvette von Bill Mitchell (1962). Bei der C3-Corvette war es am heftigsten ausgeprägt. Die Bezeichnung Cola-Flasche rührt von den breiten Kotflügeln, der schmalen Taille und der lang gestreckten Haube. Vorne ist die Spur gegenüber dem Vorgänger um 63, hinten um 55 Millimeter gewachsen. Das Auto hat per se keine Linien – eine Reduktion, die die Sexiness verschärft. Skulpturiert wird der CLA, abgesehen von den Powerdoms, primär mit Licht und Schatten. Anspruchsvoll, in diesem Fall aber tipptop gelungen. Aufgebaut ist das fein proportionierte Coupé auf der Frontantriebsplattform MFA2, auf der auch die B-Klasse und der neue GLA laufen. Die flachen LED-Scheinwerfer, die tief heruntergezogene Motorhaube, die Sharknose (wie beim CLS und AMG GT) sowie der Diamant-Kühlergrill beweisen Selbstbewusstsein und Eleganz. Kernig steht er da, der CLA. Angespannt wie die Raubkatze kurz vor dem Sprung.

Leise, aber souverän
Optisch in der höchsten Liga mitspielend bleibt die Fahrdynamik angesichts des Zweiliter-Vierzylinders mit 190 PS und variabler Ventilsteuerung durchaus berechenbar. Allein, für den Alltagsgebrauch steckt immer noch ausreichend Ekstase drin, um nicht nur die Vernunft, sondern auch die Freude zu beglücken. Den Sprint von 0 auf 100 km/h erledigt der Allradler in 7.5 Sekunden. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe schaltet fix durchs Repetoire. Das maximale Drehmoment von 300 Nm liegt ab 1600 U/min an. Allein, das Ansprechverhalten am Gas dürfte eine Nuance spontaner sein. Freilich würde der Tiroler sagen: «Passt scho!» Mit diesem Benz lässt sich gut um und durch Kurven räubern. Weil die Spur hinten breiter ist als vorne und der Schwerpunkt tief liegt, optimiert sich die Strassenlage. Das Auto stemmt sich auf der Ideallinie quasi in den Asphalt. Der Grenzbereich erfährt so eine attraktive Verzögerung. Der Allradantrieb mit variabler Momentverteilung sorgt für permanente Traktion. Im Normalfall liegt das Antriebsmoment ausschliesslich auf der Vorderachse. Für die Momentverteilung sorgt eine in das Hinterachsgetriebe integrierte, elektrohydraulische Lamellenkupplung. Im Sport- oder Manuell-Modus ist die Aktivierungszeit der Hinterläufe spürbar kürzer als im Eco-Modus. Doch weil es zwar dynamisch rüberkommt, aber trotzdem nicht mit Lewis-Hamilton-Genen editiert wurde, ist das viertürige Coupé auch nicht zu sportiv abgestimmt. Das Setup von Dämpfern und Federn ist straff bis knackig, aber nie unkomfortabel. Eine Verstelldämpfung ist optional. Auf die Lenksignale reagiert der Schönling fein und akkurat. Wer es aggressiver will und in Bezug auf den Klang mehr fortefortissimo, entscheidet sich am besten für ein AMG-Derivat. Punkto Sound spielt der Normal-CLA eher die Panflöte von Leo Rojas denn die Heavy-Metal-Gitarre von Tony Iommi von Black Sabbath. Schon mehr Trash- denn Heavy Metal dagegen ist der aktive Spurthalteassistent. Dieser kann nicht nur selbstständig die Spur wechseln, er kann einem auch das Blut in den Adern gefrieren lassen. Wer erstmals unvorbereitet von diesem Teil gewarnt wird, kann froh sein, wenn er sich nicht in die Hosen macht. Das Ganze fühlt sich an, als ob die Karosserie vom Chassis weggesprengt würde. Sanfter verhält es sich mit dem Verbrauch. Im Test lagen die Werte zwischen sieben und neun Litern, der Durchschnitt bei 8.4 l/100 km. Nicht wirklich ein dunkelgrüner Sparfuchs, aber na ja.

Mit dem Zielpublikum vernetzt
Was das Raumangebot betrifft, gibt es Abstriche, klar. Einsteigen durch rahmenlose Türen war auch schon mit weniger Verrenkungen möglich. Allein, wer schön sein will, muss leiden. Einmal drin, herrscht vorne indessen nichts von Konservendosen-Ambiente, da gibt es reichlich Platz. Und auch die Sitze sind ideal verstellbar. Hinten dagegen wird es nach oben hin kurzum knapp. Entweder also nicht zu lang hinten hocken – oder dann den Nackenspray nicht vergessen! 460 Liter passen in den Kofferraum. Im Cockpit dominiert die A-Klasse: Türverkleidungen und Armaturenbrett mit haptisch und optisch gefälligen Kunststoffen, die aparten Lüftungsdüsen in Turbinenoptik und ein MBUX-Widescreen-Konzept zusammengesetzt aus zwei 10.25-Zoll-Displays. Apropos MBUX – Mercedes-Benz User Experience also: Der revolutionäre Sprachassistent «Hey, Mercedes» kann in seiner letzten Version jetzt noch komplexere Anfragen erkennen und beantworten. Fragen zum Fettgehalt von Lebensmitteln oder spezifischen Restaurants etwa. Zudem erkennt er nicht mehr nur verbale Ansprachen, sondern auch Bewegungen, Gestensteuerung also. Und er kann zunehmend unterscheiden, wer mit ihm parliert, und sich präferierte Einstellung und Vorlieben merken. Es lebe die Digitalisierung, die in künftigen Automobilen für viele Menschen weit zentraler sein wird als der Antriebsstrang.

Im Cockpit herrscht die A-Klasse und sehr viel Konnektivität. Optisch macht dem CLA 220 4Matic so schnell niemand etwas vor. Was den Raum im Fond angeht, freilich schon.

Smartphone und CLA bilden in dem Sinn eine Symbiose. Wichtig natürlich, um gerade jüngere Kundschaft zu verführen und mitzureissen. Dank Near-Field-Communication verbindet sich das Hosensacktelefon sofort mit dem Auto. Mit berührungsintensiven Flächen am Lenkrad lassen sich dann auf dem Mediadisplay Apps und Funktionen aktivieren. Alles so, wie es sich die Vertreter der Generationen Y und Z – absolut eine Zielgruppe dieses Autos – wünschen. Viele dieser bis 40-Jährigen fahren denn auch auf die 64 Farben der Ambientebeleuchtung ab. Oder darauf, dass bei Dunkelheit der Beifahrersitz automatisch beleuchtet wird, sobald der Fahrer hinlangt. Oder auf das
Vitalisierungsprogramm oder darauf, dass man, wenn man mit den Fingern das Victory-Zeichen bildet, neue Sprachbefehle hinterlegen kann. Und so weiter und so fort. Die Update-Liste kann je nach Budget nahezu beliebig erweitert werden. 

5-Sterne-Sicherheit
Seit eh und je hoch im Kurs steht Mercedes, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Auch der CLA erreicht im Crashtest des Europ-NCAP locker fünf Sterne. Dafür sorgen Gurtkraftbegrenzer, Gurtstraffer, Kopfairbags sowie optische und akustische Gurtwarner in beiden Sitzreihen. Vorne gibts zudem Seitenairbags, der Fahrer wird mit einem Knieairbag geschützt. Der Insassenschutz ist also prima.

Kostenmässig geht es bei 52 000 Franken los, den top ausgerüsteten Testwagen, in den eingangs erwähnten, noblen Farbton gehüllt und auf grossem 19-Zoll-Fuss durchs Leben rollend, gibt es für 69 849 Franken. Nicht billig – allein, für einen Anblick, der nie langweilt und immer wieder aufs Neue erfreut, schon o.k.! 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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