Grosse Aufgabe für den Kleinen

ZUKUNFT Die vierte Generation des Fiat 500 wird elektrisch. Damit meistert Fiat eine wichtige Hürde in der Elektrostategie, denn der Kleine wird der Vorläufer für alle kommenden E-Autos.

Verwechseln Sie ihn nicht mit dem amerikanischen Fiat 500E! Die elektrische Variante des italienischen Kleinwagens, die seit 2012 in den USA angeboten wird, wurde extra auf die strengen Umweltnormen Kaliforniens ausgelegt. Der Aufbruch des Cinque­cento ins elektrische Zeitalter kommt jetzt, mit der vierten Generation der italienischen Ikone. Die technischen Daten des Neulings, der auf einer komplett neu entwickelten Plattform der FCA-­Gruppe aufbaut, überzeugen. Seine 42-kWh-Batterie bietet eine Reichweite von 320 Kilometern (oder sogar 400 km im Stadtverkehr), und auch leistungsmässig ist er mit 87 kW (118 PS) gut gerüstet. Für den Sprint von 0 bis 100 km/h gibt ­Fiat neun Sekunden an, aber es ist vor allem der Wert für 0 bis 50 km/h, der in diesem Segment spannend ist – 3.1 Sekunden seien möglich, so Fiat. Schliesslich weisen die Turiner darauf hin, dass der 500E alle Assistenzsysteme bietet, um autonomes Fahren auf Level 2 zu ermöglichen, was im Kleinstwagensegment alles andere als selbstverständlich ist. 

Sein Preis gibt zu reden
Für die Lancierung des neuen 500E sollte in Genf eigentlich mit der grossen Kelle angerührt werden, sogar eine eigene Teststrecke auf dem Stand von Fiat war geplant. In Turin hofft man, die Corona-bedingte Zwangspause nutzen zu können, um die Auftragsbücher der limitierten Erstauflage La Prima füllen zu können, die ab Herbst ausgeliefert werden soll. Jeder Markt hat Anrecht auf 500 Exemplare des Fiat 500E, was ein erreichbares Verkaufsziel zu sein scheint. Die Modelle mit Verbrennungsmotor verkaufen sich bisher mit rund 170 000 abgesetzten Einheiten pro Jahr sehr gut. Es gilt aber noch den Preis des La Prima im Hinterkopf zu behalten: 37 900 Euro wird die Sonderedition kosten. «Dies ist der Preis für die Einführungsserie La Prima, bei der bereits die komplette Sonderausstattung inklusive ist», erklärt Luca Napolitano, Fiat-Direktor für die Region Europa, Naher Osten und Afrika. «Ausserdem ist es die Cabrioletversion, die sowieso teurer ist. Günstigere Versionen werden später kommen, wenn wir die gesamte Modellpalette vorstellen.»

Das Fiat-Werk in Tychy (Polen) hat seit 1971 zwölf Millionen Fahrzeuge produziert. Der Fiat 500 ist 2.3 Millionen Mal vom Band gelaufen. Luca Napolitano (r.) gratuliert.

Der einzige wahre Gegner: Der Honda E
Bis aber die Preise der günstigeren Varianten bekanntgegeben werden, versucht Luca Napolitano vor allem den Preis des La Prima einzuordnen: «Ein elektrischer Mini kostet 34 000 Euro, ein Zoe 32 000 Euro und ein E-Corsa 31 000 Euro. So viel teurer sind wir also nicht.» Was er jedoch geschickt verschweigt, ist die Tatsache, dass alle diese Modelle zum B-Segment gehören und nicht ins A-Segment wie der Fiat 500E. Dort gibt es nämlich das Trio VW E-Up, Škoda Citigo E iV und Seat Mii Electric, deren Basispreis bereits unter 20 000 Franken beginnt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Drillinge des VW-Konzerns nicht mehr ganz taufrisch sind und mit relativ schlechter Ausstattung und einer kleineren Batterie (36.9 kWh) dem Fiat 500E hinterherhinken. Der einzige echte Konkurrent des 500E – ein dreitüriger Kleinstwagen mit kultigen Ahnen – ist der Honda E. Und auch beim Japaner ist der Preis mit 43 100 Franken sehr hoch angesetzt. Ganz im Gegensatz zur Reichweite, die mit 220 Kilometern angegeben wird. 

Fiat 500 weiterhin als Verbrenner
Luca Napolitano gesteht ein, dass der Preis des ­Fiat 500E mehr als doppelt so hoch ist, wie der ­eines 500 mit Verbrennungsmotor, wiegelt aber ab: «Der 500E wird den aktuellen 500 nicht ersetzen, sondern parallel dazu verkauft. Wir wollen unseren Kunden eine weitere Auswahlmöglichkeit anbieten.» Ein 24-Volt-Mildhybrid wurde gerade erst lanciert, und es scheint klar, dass Fiat seinen bewährten Goldesel nicht einfach fallen lassen wird. Seit Produktionsstart 2007 sind bereits 2.3 Millionen Fahrzeuge verkauft worden, mit einem Spitzenwert von 195 000 allein im Jahr 2018. Solche Zahlen wird der 500E nicht erreichen, schon deshalb nicht, weil das Werk Mirafiori in Turin gar nicht in der Lage ist, mehr als 80 000 Einheiten pro Jahr zu produzieren.

Voller Einsatz mit dem 500E
Bleibt abzuwarten, wie lange die beiden Varianten nebeneinander existieren werden, aber eines ist sicher: Wenn dereinst die Produktion des konven­tionellen Fiat 500 ausläuft, wird das auch das Ende der Verbrennungsmotoren im Kleinstwagen bedeuten. Die Architektur des 500E kann keinen Verbrennungsmotor aufnehmen, da die neue Plattform ausschliesslich für den Elektroantrieb ausgelegt ist. «Der Fiat 500 ist das meistverkaufte Auto von FCA in Europa. Die Entscheidung, den neuen 500 nur mit Elektromotor zu bauen, ist eine einschneidende und auch riskante Entscheidung», sagt Luca Napolitano. «Wir setzen bei unserem bekanntesten Modell komplett auf den Elektroantrieb. Der 500E ist somit für uns ein ‹All in›.» In einer Zeit, in der die elektrische Revolution die Karten neu mischt, hat Fiat beschlossen, seinen Trumpf auszuspielen – in der Hoffnung, damit in der nächsten Runde gewinnen zu können. 

Der Fiat 500E La Prima ist eine limitierten Auflage von 500 Stück pro Markt. Im Preis von 37 900 Euro sind bereits alle Optionen enthalten.

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