Mehrheitlich gelungenes Comeback

ANGEKURBELT Die Showrooms der ­Autohäuser und Garagen sind wieder offen. Die erste Woche in der neuen Realität verlief vielerorts tendenziell positiv.

Nach acht Wochen Lockdown sind die Showrooms der Garagen und Autohäuser wieder offen. Die Bilanz nach einer Woche fällt vielerorts positiv aus. Der Amag-Vertriebsverbund Bern-Jura mit Filialen in Bern, Biel, Solothurn und Thun verkauft jährlich mehrere Tausend Neuwagen. Chef Andreas Zuber spricht von «einer überdurchschnittlich guten ersten Woche» nach dem Restart. «Unsere Mitarbeiter sind topmotiviert, und die Kunden freuen sich, dass wieder normale Auslieferungen und ein realer Austausch möglich sind.» Allein, es bleibe abzuwarten, wie sich das Ganze entwickle. Noch sind derzeit nicht alle Mitarbeiter zurück aus der Kurzarbeit: «In einzelnen Bereichen warten wir noch zu.» Zur Lieferbarkeit verkaufter Fahrzeuge erklärt Zuber, dass «die Autos wieder gebaut und ausgeliefert werden». Freilich weiss hier niemand genau, was in unmittelbarer Zukunft gehen oder allenfalls nicht mehr gehen wird.

Bei vielen kontaktierten Betrieben waren die Werkstätten während des Lockdowns nicht nur gut, sondern oft sogar sehr gut ausgelastet. Offenbar wollen die Menschen in Krisenzeiten ein fittes Auto an ihrer Seite wissen. Thomas Witschi von der gleichnamigen Opel-Garage in Burgdorf BE sagt: «In der Werkstatt sind wir seit Wochen stark ausgelastet. Neuwagen haben wir allerdings seit März nur gerade zwei verkauft.» Jährlich seien es sonst zwischen 80 und 100 Autos. «Das entgangene Frühlingsgeschäft, das bis zu 30 Prozent der Abschlüsse ausmacht, tut weh». Witschi hofft, dass er im weiteren Jahresverlauf noch etwas aufholen kann. Aber: «Die Leute stehen vor unserem Showroom nicht Schlange wie bei Zara oder Ikea.» Zudem fehlten derzeit Vorführwagen – etwa der Corsa E oder der Zafire Life, beides potenzielle Kassenschlager. 

Bei BMW-Händler Vogelsang in Grenchen SO wurden alle Mechaniker aus der Kurzarbeit zurückgeholt. Die Werkstattauslastung sei sehr gut, heisst es. Jedoch sei von drei Verkäufern derzeit jeweils nur einer im Geschäft. Auch nicht in Euphorie ausbrechen mag Björn Meister, Geschäftsführer Verkauf bei Autoverkehr Zuchwil SO: «Die erste Woche war sehr verhalten. Normalerweise haben wir eine höhere Frequenz im Showroom», sagt er. Ob sich die Tendenz bessert? «Mal sehen», so Meister. Der Lockdown kam auch für die grosse BMW-Vertretung «im dümmsten Moment». Der Autosalon Genf und die Frühjahrs­ausstellungen brächten sonst auch hier guten Umsatz. Freilich gebe es wie bei vielen Marken noch fette Fragezeichen bezüglich der Liefertermine. Wenn man heute einen neuen Dreier bestelle, könne niemand genau sagen, wann das Auto wirklich da stehe. «Das ist auch nicht ideal für das Leasinggeschäft», so Meister. Ein Anschlussleasing – oft ideal für den Garagisten – verlangt garantiert verfügbare Autos.

Bei BMW in Zuchwil SO herrscht noch nicht der grosse Andrang. Dennoch ist man optimistisch.

500 Franken Welcome-Bonus
Die Garage Keigel ist Hauptvertreter für Renault, Dacia, Nissan und Jeep in der Nordwestschweiz und gehört zweifellos zu den innovativsten Autohäusern im Land. Zig Auszeichnungen in den letzten Jahren zeugen davon. Jährlich verkaufen die Nordwestschweizer rund 2000 Autos, davon drei Viertel Neuwagen. «Wir sind zufrieden mit der ersten Woche», sagt Christoph Keigel. Die Hochrechnungen versprächen per Ende Monat rund 200 Verträge. Bis Ende Mai offeriert Keigel 500 Franken Rabatt auf Neu- und Vorführwagen. «Das geht von unserer Marge ab und ist kein Geschenk des Importeurs», betont der Chef. Kunden entschieden sich derzeit eher für ein sofort verfügbares Lagerfahrzeug. Lieber verzichteten sie auf individuelle Konfigurationen, als nicht zu wissen, wann ihr Auto ausgeliefert werde.

Viele Occasionen
Sogar von einer «brutalen Woche» aufgrund der vielen Arbeit spricht Oliver Blaser von der Garage Blaser in Emmen LU (Seat, Suzuki und Cupra). Statt zwei bis vier Neuwagen waren es in der letzten Woche zwischen 20 und 30. «Und dabei haben wir den Verkauf während des Stillstands nicht forciert», so Blaser. «Wir dachten, dass die Leute zurückhaltender sind.» Jährlich verkauft der 1991 gegründete Betrieb zwischen 250 und 300 Neuwagen und ähnlich viele Occasionen. Und auch bei Blasers lief und läuft die Werkstatt prima. Genau wie in der Thal-Garage Aedermannsdorf SO, da, wo Audi-Werksfahrerin Rahel Frey zu Hause ist. Freilich werden in der Thal-Garage keine Audi, sondern Volvo angeboten. «Wir haben während des Lockdowns Occasionen verkauft wie noch nie», sagt Jenny Frey. Sie hätten bemerkt, dass die Leute Zeit gehabt hätten, um im Internet zu surfen. Allein, auch in normalen Zeiten verkauft die Thal-
Garage mehr Gebrauchte als Neue. «Das Verhältnis ist etwas 70:30», so Enzo Frey. Der Showroom werde deshalb auch jetzt nicht gestürmt.

Die Jura-Garage Peter in Büren a. d. Aare BE die seit 1. April von Antonio De Salvatore und Philipp Ulrich geführt wird, hat heuer bislang zehn Autos ausgeliefert, zwei sind bestellt. «Wir sind 70 Prozent unter Vorjahresnvieau», sagt De Salvatore. Trotzdem hält er fest: «Die erste Woche nach der Öffnung war gut. Es gab viele gute Kontakte, wir bleiben zuversichtlich.» Denn wie andere Marken komme Ford seinen Händlern bezüglich Zahlungsfristen, Prämienauszahlung oder Anpassung von Zielwerten entgegen. Ford bietet denn auch ein attraktives Angebot, das die Händler spürbar unterstützen könnte. Im Rahmen der Aktion Sorgenfrei Leasen übernimmt Ford drei Monatsraten (egal wie hoch), weitere drei Raten werden zurückgestellt. Also wird die erste Rate für das neue Auto erst im siebten Monat fällig. Zudem folgen für Geschäftskunden im Rahmen der Business Weeks bald attraktive Angebote für Lagerfahrzeuge. «Insofern glauben wir, dass wir noch gute Geschäfte machen», so De Salvatore. Ebenfalls ein Kleinbetrieb ist die Wyland-Garage in Wilchingen SH (Peugeot). Hier ist es egal, ob Corona-Lockdown herrscht oder nicht. «Wenn bei uns jemand im Showroom sitzt, trinkt er einen Kaffee und wartet darauf, dass sein Auto aus der Werkstatt kommt», sagt Geschäftsführer Adrian Stadelmann. Wenn er ein Auto verkaufe, hänge das nicht von offenen oder geschlossenen Showräumen ab, sondern vor allem von sehr viel persönlichem Engagement und Herzblut «in diesem knallharten Verdrängungswettbewerb». Für Garagisten wie ihn gehört der Acht-Stunden-Tag ins Reich der Märchen.

Aufschwung in der Westschweiz
Unabhängig von ihrer Grösse sehen die Garagen die Garagen auch in der Westschweiz Licht nach der Krise. Ein Aufschwung ist vor allem bei den Verkäufen zu spüren. «Wir spüren, dass eine gewisse Frustration da war und dass unsere Kunden – Angestellte mehr als Geschäftsführer und -inhaber – ein neues Auto kaufen wollen», sagt Ambroise Zegrir, Verkäufer im Centre Audi Collonge-Bellerive bei Genf. 

Bereits während der Zeit des Lockdowns
hätten diverse Telefon- und Onlinekontakte stattgefunden, und bei vereinbarten Besuchen sei es immerhin zu fünfzehn Verkäufe gekommen. Wie
viele neue Verkäufe seit 11. Mai hinzugekommen seien, lasse sich noch nicht sagen. Die Werkstatt mit ihren 35 Mitarbeitern hat inzwischen einen Teil der Tätigkeit wieder aufgenommen. Nach fast zwei Monaten Wartezeit – seit Mitte April konnte nur noch ein Drittel der Angestellten beschäftigt werden – seien die Kunden froh, ihre Autos jetzt vor allem wieder zum Reifenwechsel bringen zu können.

Auch bei der Amag in Crissier VD, mit 86 Mitarbeitern ein grosser Betrieb, stellt man ein vermehrtes Interesse an Autokäufen fest. In der Werkstatt habe man die ganze Zeit über gearbeitet, erklärt Ivo Farias, der die Spenglerei leitet. Zuerst seien es bloss 20 Prozent gewesen, im April habe man bereits wieder zu 50 Prozent gearbeitet, und seit Anfang Mai sei man wieder auf 80 Prozent. Da die Werkstatt gross genug sei, habe man auch keine Probleme damit, die Abstandsregeln einzuhalten. Weniger gut sehe es aber auf der finanziellen Seite aus. Die Einnahmen seien im März 60 bis 80 Prozent tiefer gewesen als üblich, im April lägen sie bei rund der Hälfte.

Rückkehr auch bei den Kleinen
Die vier Mitarbeiter der kleinen Garage Unissa in Genf konnten am 11. Mai ihre Arbeit wieder aufnehmen. Nur der Inhaber sei die ganze Zeit über für Notfälle erreichbar gewesen, erklärt Nadia Boumediene vom Empfang. «Nach dem Durchhänger kommen die Kunden jetzt zurück und halten sich an die Hygienevorschriften, die für sie gelten.» Luis Freire, Werkstattleiter bei Auto Passion in Neuenburg, erzählt, dass seine fünf Mitarbeiter, die seit dem 16. März nicht mehr gearbeitet hatten, jetzt gestaffelt wieder zurückkehren würden. Seiner Meinung nach ist es noch zu früh, um den finanziellen Verlust abzuschätzen. Ohnehin schaue er lieber nach vorne und konzentriere sich auf das, was komme. Wie viele Verkäufe Stop + go gemacht habe, mit dem Freire zusammenarbeitet, sei ihm nicht bekannt.

Der Kleinbetrieb Garage César-Roux in Lausanne hatte seine Tore für drei Wochen geschlossen, wie Inhaber Georges Roulin erklärt. Da er kurz davor ist, sein Geschäft aufzulösen, habe die Pandemie auch keine merklichen Auswirkungen gehabt. «Vielleicht 10 000 Franken» habe er ver-
loren. 

Verkehr auf Autobahnen nimmt nur langsam zu

VERKEHR Sind mit der schrittweisen Lockerung des Lockdowns auch die Staus zurückgekehrt?

Der Verkehr auf den Autobahnen nimmt langsam wieder zu – die Zahlen liegen aber immer noch klar unter denen des Vorjahres.

Gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Strassen (Astra) geht die Rückkehr zur Normalität auf den Strassen langsam vonstatten. Die Verkehrszahlen, die das Astra an zehn automatischen Messstationen an neuralgischen Punkten erhebt, weisen darauf hin, dass die Gesellschaft immer noch grösstenteils im Homeoffice arbeitet. Zu Beginn der Krise hatte der Verkehr auf den Strassen um 25 bis 65 Prozent abgenommen, im April lag er sogar 35 bis 75 Prozent unter dem Normalniveau. Auch die Verkehrsmeldungen am vergangenen Wochenende, dem ersten nach der Lockerung von 11. Mai, berichteten von keinen grösseren Störungen auf den Hauptachsen. 

Auf der A2 am Gotthard lagen die Verkehrszahlen in beiden Richtungen in der Periode von 1. bis 17. Mai durchschnittlich um 63 Prozent unter denjenigen vom Vorjahr. Aufgeteilt in die Perioden vor und nach der Lockerung bedeutet das: In der Periode von 1. bis 10. Mai waren es minus 66.2 Prozent, von 11. bis 17. Mai waren es minus 59.3 Prozent. Die meisten Fahrten durch den Gotthardtunnel fanden am 15. Mai mit 8519 statt, rund einen Monat zuvor, am 12. April hatte diese Zahl mit gerade einmal 748 ihren Tiefststand erreicht. Das waren 21 226 Fahrten weniger als ein Jahr zuvor, was einem Rückgang von 97 Prozent entspricht. 

Ein weiterer Hotspot ist die Umfahrung von Bern auf der A6. Im Durchschnitt wurden im Mai dieses Jahres 18 Prozent weniger Fahrten registriert als in der Vorjahresperiode. Die Differenz ist seit 11. Mai auf 12.6 Prozent gesunken, was eine langsame Rückkehr zur Normalität signalisiert.

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