«Bis im Sommer rechne ich mit einer Normalisierung»

MARKT Als Direktor von FCA Schweiz erlebte Sébastien Perrais die Auswirkungen von Corona auf den Verkauf aus erster Hand. Er hofft auf Nachsicht bei den CO2-Strafzahlungen.

Mit 240 000 erwarteten Neuzulassungen entwickelt sich das Jahr 2020 zu einem der schlechtesten in der Geschichte, ein Rückgang von 20 Prozent gegenüber den 300 000 Neuzulassungen im Vorjahr wird prognostiziert. Die Marken von FCA haben besonders gelitten und lagen in den vergangenen Wochen klar unter dem Marktdurchschnitt. Die FCA-Gruppe bezahlt jetzt den Preis für ihren Rückstand bei den alternativen Antrieben, dem einzigen Segment, das es geschafft hat, sich über Wasser zu halten (+25 % von Januar bis Mai). Dringend benötigte Hybridmodelle finden erst jetzt allmählich Eingang in die verschiedenen Marken der Gruppe. Wir haben uns mit Sébastien Perrais, Direktor von FCA Schweiz, unterhalten.

Automobil Revue: Wie hat sich die Corona-Krise für FCA Schweiz ausgewirkt?
Sébastien Perrais: Der Einfluss auf die Neuzulassungen war heftig, aber immerhin konnten wir den After-Sales-Bereich geöffnet halten. Das war eine wichtige Entscheidung der Regierung, da dies immerhin die Hälfte der Einnahmen unserer Händler ausmacht. Es ist schwierig, und wir haben in dieser Zeit viel Geld verloren, aber es ist keine totale Katastrophe. FCA Schweiz hat für einige Mitarbeiter auch auf Kurzarbeit zurückgegriffen, so mussten wir niemanden entlassen.

Wie ist die Stimmung seit der Wiedereröffnung der Showrooms am 11. Mai?
Die Zeichen sind positiv. Der After-Sales hat sich wieder normalisiert, und auch der Handel mit Gebrauchtwagen hat einen guten Start hingelegt. Was wir aus der Krise mitnehmen können ist, dass der Stellenwert des Autos wieder gestiegen ist, die Leute haben die Vorteile der individuellen Mobilität erkannt. Wir stellen fest, dass das Interesse an Gebrauchtwagen, die zwischen drei und fünf Jahren alt sind, stark zugenommen hat. Was die Neuwagen angeht, so werden die Verkaufszahlen von Tag zu Tag besser, aber wir sind noch weit von einer Normalisierung entfernt. Ich rechne damit, dass es während der Sommermonate so weit sein wird.

Welche anderen Signale haben Sie beobachtet?
Auf der einen Seite steht die Nachfrage nach kostengünstigen Fahrzeugen, um günstig Mobilität zu erhalten. Auf der anderen Seite sind es aber auch die spassorientierten Autos wie Abarth oder Jeep Wrangler, die im Moment sehr gut laufen.

Welche Marke von FCA hat Ihrer Meinung nach das grösste Wachstumspotenzial?
Gemäss den Zulassungszahlen ist der stärkste Zuwachs im Segment der grünen Autos zu finden. ­Fiat hat jetzt gerade zwei neue Hybridmodelle auf den Markt gebracht, somit ist dies die Marke, die am besten dasteht. Wir haben auch den neuen elektrischen Fiat 500E, für den wir bereits mehr als 200 Vorbestellungen haben, was auch ein gutes Zeichen ist. Auch mit Jeep werden wir diesen Sommer eine PHEV-Offensive fahren.

Was für Fahrzeuge benötigen Sie als Schweizer Importeur am dringendsten?
In Anbetracht der CO2-Abgaben brauchen wir am ehesten grüne Autos. Vorrangig geht es darum, die Entwicklung und Markteinführung dieser Autos zu beschleunigen. Ich hoffe, dass wir schon bald möglichst viele elektrifizierte Modelle haben werden. Aber ich muss nehmen, was ich bekomme.

Die FCA-Gruppe ist bei der Elektrifizierung im Rückstand. Ist es für Sie in der Schweiz nicht schwierig, die Strafzahlungen zu bewältigen?
Schwierig schon nicht, aber sicher auch nicht einfach. Es ist Teil meiner Aufgabe, den besten Modellmix zu finden, damit wir unsere Ziele erreichen. Aber die ganze Branche ist von den Verzögerungen bei der Einführung elektrischer oder elektrifizierter Autos betroffen, und damit müssen wir uns jetzt auch irgendwie befassen. Über den Verband Auto-Schweiz fordern wir von der Regierung, dass die Vorschriften gelockert werden.

Ist es besser, die CO2-Vorschriften zu lockern oder eher grüne Autos zu subventionieren, wie dies in Deutschland oder Frankreich getan wird?
Das Problem ist, dass es eine Verspätung gibt, die nun einmal da ist. Die Autos werden kommen, halt einfach später. Die Zeit, die wir verloren haben durch die Schliessung der Werke, können wir nicht einfach so wieder aufholen. Subventionen könnten darüber hinaus einen absurden Effekt haben, weil sie die Leute dazu bringen würden, früher als geplant ein neues Auto zu kaufen. Das heilt die Probleme nicht grundsätzlich, sondern lindert sie bloss kurzfristig. Ich fände es bereits eine gute Nachricht, wenn die CO2-Vorschriften auf pragmatische Weise angepasst werden könnten, um den Produktionsverzögerungen Rechnung zu tragen. Wie immer hat der Gesetzgeber viel mehr Einfluss auf das Verhalten der Konsumenten als der Verkäufer. Wir werden uns, so gut es geht, anpassen.

Welche Auswirkungen wird die Fusion zwischen PSA und FCA für die Schweizer Kunden haben?
Die Fusion wird derzeit überprüft, und wenn alles gut geht, sollte sie bis Ende 2020 oder Anfang 2021 abgeschlossen sein. Für die Kunden können mögliche Synergien beispielsweise die Aussicht auf neue Modelle im B-Segment bedeuten. Der Zusammenschluss wird uns neue Schlagkraft verleihen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir einige sehr schöne Marken haben, die alle die Inte­gration in die PSA-Gruppe überleben werden.

Der Fiat 500E wird zu einem sehr gehobenen Preis verkauft. Wer ist die Zielgruppe dafür?
Ich möchte beim Ausdruck des «gehobenen Preises» einhaken und etwas relativieren. Elektrofahrzeuge haben wesentliche höhere Restwerte als Autos mit Verbrennungsmotor. Der 500E ist fürs Leasing vorgesehen, sodass der Unterschied bei den monatlichen Kosten nicht sehr gross sein wird für die Kunden. Man darf auch nicht vergessen, dass der Fiat 500E ein komplett neues Auto ist, das hinsichtlich der verwendeten Materialien und Technologien zur Spitze gehört. Die Kunden dafür sind urban und verfügen über eine gewisse Kaufkraft. Sie nutzen den Fiat 500E als Zweitwagen für den Stadtverkehr, auch in Innenstädten mit Zufahrtsbeschränkungen. 

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