Ein cleverer Kauf?

VOLKSWAGEN Sauberer, vernetzter, grösser, agiler: Der neue Škoda Octavia entwickelt sich in vielerlei Hinsicht weiter. Ist er das perfekte Auto?

Der Škoda Octavia ist das meistverkaufte Auto in der Schweiz. Ganze 9280 Fahrzeuge wurden im Jahr 2019 neu eingelöst. Das sind deutlich mehr als beim Tiguan, der mit 7018 Fahrzeugen auf Platz zwei liegt, und beim Golf mit 6596 Exemplaren auf Platz drei. Natürlich ist dieser kommerzielle Erfolg nicht auf die Schweiz beschränkt. Der Octavia liegt in einer ganzen Reihe europäischer Länder an der Spitze der Rangliste der Verkaufszahlen, so in Tschechien, Öster­reich, Finnland, Ungarn, Polen, Serbien und Weiss­russland. In diversen anderen Ländern ist er immerhin weit vorne dabei. Dank starker Qualitäten wie seines attraktiven Preises, eines riesigen Platzangebots und sauberer Verarbeitung bietet der Octavia ein nahezu unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. Unser Test soll zeigen, ob Škoda diese Stärken auch in der vierten Genera­tion des beliebten Kombis nicht aufgegeben hat.

Evolution
Das neue Outfit des Tschechen kommt komplett überholt daher, die kontrovers beurteilten, vierteiligen Scheinwerfer des Vorgängers hat man aufgegeben, das Heck fällt deutlich runder aus. Nicht unverändert sind auch die Proportionen geblieben: 22 Millimeter ist er gegenüber der dritten Generation in der Länge gewachsen, 15 Millimeter in der Breite. Der Radstand von 2.68 Metern bleibt gleich gross wie beim Vorgänger. Der Octavia baut natürlich weiterhin auf der bewährten MQB-Plattform von Volkswagen auf, diese wurde aber punktuell weiterentwickelt und trägt jetzt die Bezeichnung MQB-Evo.

Der kleine Zusatz Evo findet sich auch beim Motor unseres Testwagens wieder, dem berühmtberüchtigten EA288. Der Zweiliter-Diesel soll dank des neu entwickelten Twin-Dosing-Systems, bei dem zwei SCR-Katalysatoren mit je einer eigenen Adblue-Einspritzung ausgestattet sind, noch sauberer werden und die NOX-Emissionen um mehr als 80 Prozent reduzieren. So kann der Motor «die Qualitäten der alten TDI-Motoren erhalten, jedoch ohne die schädlichen Emissionen», wie Makus Köhne, Leiter Dieselmotorenentwicklung beim Volkswagen-Konzern, erklärt. Dass die grosse Stärke des Selbstzünders, nämlich der niedrige Verbrauch, erhalten bleibt, bestätigt auch unser Test. Auf der «Automobil Revue»-Normrunde erreichte der Octavia einen Durchschnittsverbrauch von 5.0 l/100 km, was ein ganz passabler Wert ist für einen Mittelklassekombi mit 150 PS.

Kombiniert mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe überzeugt der Vierzylinder-Diesel vor allem mit seinem Drehmoment von 360 Nm, das bereits ab 1700 U/min anliegt. So zieht der Motor im unteren Drehzahlbereich kräftig an, dreht aber auch gleichmässig aus. Und ist ausserdem leise und laufruhig.

Als Alternative dazu bietet Škoda derzeit in der Schweiz einzig den EA211 Evo als 1.5 TSI an, ebenfalls mit einer Leistung von 150 PS. Diesen gibt es ausschliesslich mit einem Sechsgang-Handschaltgetriebe.

Auf der Strasse
Ruhig ist auch das Stichwort für das Fahrverhalten des Octavia. Ruhig, geschmeidig und bei wagemutigeren Kurventempi mit deutlicher Wankneigung – das 1540 Kilogramm schwere Auto weist die typischen Fahreigenschaften eines komfortablen Familienkombis auf. Ansonsten lenkt das Fahrzeug überraschend direkt ein und schafft es problemlos, das Drehmoment über die Vorderachse auf die Strasse zu bringen. Auf kurvenreichen Strassen ist eine gewisse Neigung zum Untersteuern zu beobachten. Typisches Fahrverhalten einer Familienkutsche eben.

Dass der Octavia zuverlässig der eingeschlagenen Fahrtrichtung folgt, dafür ist neben einer neuen Lenkung auch eine neu programmierte Servounterstützung verantwortlich. Das Ergebnis ist ein nahezu perfekter Geradeauslauf, sodass selbst auf langen Geraden auf der Autobahn wenig bis gar keine Kurskorrekturen nötig sind. In Kombina­tion mit dem sehr gut funktionierenden Spurassistenten kommt man schnell in Versuchung, das Lenkrad etwas lockerer zu halten. Was dann natürlich unweigerlich die elektronischen Warnsysteme des Autos auf den Plan ruft, die dazu auffordern, gefälligst sofort wieder die Kontrolle zu übernehmen.

Natürlich ist der Spurassistent bei Weitem nicht das einzige Fahrassistenzsystem im neuen Octavia. Ganz im Gegenteil, der Tscheche verfügt über eine ganze Armada aktiver und passiver Sicherheitssysteme, die den Fahrer in allen Situationen unterstützen. Dazu gehören der Notbrems­assistent, der aktive Insassenschutz, aber auch ein adaptiver Tempomat.

Die gleiche technologische Raffinesse zeigt sich auch im Innenraum, wo bloss noch eine einzige Reihe physischer Knöpfe verbleibt, während die meisten Funktionen über den Zehn-Zoll-Touchscreen des Infotainments oder über die verchromten Drehregler am neuen Zweispeichenlenkrad bedient werden. Ausserdem sind ein 10.25-Zoll-­Bildschirm für das volldigitale Kombiinstrument, ein Head-up-Display, induktive Lademöglichkeit fürs Smartphone, fünf USB-C-Anschlüsse sowie Sprachsteuerung und Gestensteuerung für das Infotainment mit an Bord.

Mit seinen neuen Linien beweist der Octavia, dass er sich weiterenwickelt hat. Die Getriebesteuerung geschieht via Shift-by-wire über einen Schalter in der Mittelkonsole. Das Platzangebot ist vorne und hinten ausgezeichnet.

Hochwertig
Und wie sieht es mit Materialwahl und Verarbeitung aus? Nun, es gibt wenig zu kritisieren. Mit dem modern gestalteten Armaturenbrett und den elegant gestalteten Türgriffen, die als fliessende Fortsetzung der Zierleisten in der Türverkleidung ausgeführt sind, hebt der Octavia die Messlatte für die Mittelklasse mit Sicherheit an. Der Wählhebel des Doppelkupplungsgetriebes wurde durch einen kleinen Wahlschalter ersetzt, die Getriebesteuerung funktioniert jetzt by wire. Ausserdem findet sich im ganzen Innenraum so gut wie gar kein Hartplastik mehr, und auch die Verarbeitungsqualität des Tschechen gibt keinen Grund zur Beanstandung.

In der Schweiz ist der Octavia auch in der vierten Generation nur in der Kombiversion erhältlich, bei der man sich zuweilen fragt, wie sie es bewerkstelligt, so viel Platz zu schaffen. Die Entwickler in Mladá Boleslav haben das Kofferraumvolumen noch einmal vergrössert, sodass das Raumwunder nun mindestens 640 Liter anstelle der 610 Liter des Vorgängers fasst. Unter dem bündig mit der Ladekante abschliessenden Kofferraumboden gibt es weiteren Stauraum, ausserdem können bei heruntergeklappter Rückbank bis zu 183 Zentimeter lange Gegenstände eingeladen werden. Auch was den Rest des Innenraumes angeht, geizt der Octavia nicht mit Platz. Die Innenbreite für Fahrer und Beifahrer beträgt 148 Zentimeter, auf der Rückbank sind es immerhin noch 145 Zentimeter. Mit bis zu einem Meter Kopffreiheit auf den vorderen und 92 Zentimetern auf den hinteren Sitzen brauchen auch Grossgewachsene keine Angst zu haben, sich den Kopf anzustossen. Der Octavia hat also beste Chancen, wieder zum Lieblingsauto der Taxifahrer zu mutieren.

Dass auch der neue Octavia kein echter Škoda wäre ohne die üblichen «Simply clever»-Gadgets wie den Regenschirm in der Fahrertür oder den Eiskratzer unter dem Tankdeckel, versteht sich wohl von selbst. 

FAZIT
In der Redaktion hat man krampfhaft versucht, Negativpunkte für das Auto zu finden. Irgendwie hat es Škoda geschafft, die Qualitäten des Octavia weiterzuentwickeln, ohne dabei grössere Schnitzer zu begehen. Ja, was das Fahrverhalten angeht, ist er immer noch sehr Škoda, also nüchtern, unaufgeregt, wenig emotional. Details wie die geschwungenen Türgriffe, das Zweispeichenlenkrad oder der neue Wählhebel zeugen davon, dass sich Škoda optisch stark entwickelt hat. Treue Kunden deutscher Premiummarken wären übrigens gut beraten, einmal einen verstohlenen Blick in einen Showroom der Tschechen zu werfen, denn bei einem Grundpreis von 30 940 Franken kann man sich durchaus Gedanken machen, wie viel einem das Logo auf der Haube wert ist.

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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