Diese ungeheure Kraft

ALLESKÖNNER Der Audi SQ8 ist ein auffälliger Machotyp mit mächtig Power unter der Haube. Freilich geht es auch sittsam, nobel und züchtig.

Um es in Friedrich Nietzsches Worten zu beschreiben: «Ein Ungeheuer von Kraft, welche nicht grösser, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich gross.» Er entfaltet schon eine erdverbundene, gefühlt nicht enden wollende Bärenkraft, dieser Audi SQ8 mit seinem Vierliter-V8-Turbodiesel, bekannt aus dem SQ7. 435 PS und 900 Nm Drehmoment zwischen 1250 und 3250 Umdrehungen beschleunigen den 2.5-Tonnen-Audi-Karat in weniger als fünf Sekunden von 0 auf 100 km/h. Dafür, dass die Triebwerksleistung nahezu verzögerungsfrei anliegt, sorgt ein hinter dem Ladeluftkühler angebrachter E-Lader. Das Teil unterstützt die Turbotwins beim Anfahren und Beschleunigen aus dem Drehzahlkeller. Bevor Turbo eins und zwei auch nur den Ansatz einens Abgasstroms fühlen, presst der Verdichter Luft in die Brennräume, um dem Turboloch den Garaus zu machen. Das gelingt zwar nicht vollends, aber schon ordentlich. Wer sportlich unterwegs ist, wird sich über die kolossale Schubentwicklung beim Überholen und die impulsive Kraftentfaltung am Kurvenausgang freuen. Bei bequemer Fahrt hält der E-Lader Drehzahlniveau und Verbrauch niedrig und vermeidet so unnötiges Zurückschalten. Seine Energie bezieht der Verdichter aus einem 48-Volt-Bordnetz, das die Basis des Mild-Hybrid-Systems bildet. Als Energiespeicher dient eine kompakte Lithium-­Ionen-Batterie mit 0.5 kWh Energiekapazität, die über den Riemen-Startergenerator mit bis zu acht Kilowatt rekuperierter Leistung gespiesen wird. Dadurch ist Segeln angesagt. Geht man im Bereich von 55 bis 160 km/h vom Gas, fährt der SUV-Titan bis zu 40 Sekunden lang mit ausgeschaltetem Motor. Beim Rollen beginnt die Start-Stopp-Phase bei 22 km/h. Das Antriebsmanagement nutzt die Informationen des Navigationssystems und der Onboard-Sensoren, um situativ zu entscheiden, ob Segeln oder Rekuperieren effizienter ist. Simply clever – auch wenn dieser Spruch von einer anderen Marke aus dem Hause Volkswagen stammt. Der Verbrauch optimiert sich so jedefalls um bis zu einem halben Liter pro 100 Kilometer. Allein bleibt bei so einem Kraftwerk die Person am Gaspedal und Lenkrad immer der matchentscheidende Faktor hinsichtlich Verbrauch. Von rund acht Litern im sehr züchtigen und gesitteten Bereich bis zu über 15 Liter im Kampfmodus geht alles.

Fahrwerkspaket ist Pflicht
Die immense Power des SQ8 bringen eine smart werkelnde Achtstufen-Tiptronic – für die allermeisten mit absolut ausreichender Reaktionszeit – und der permanente Quattro-Allradantrieb auf die Strasse. Für diejenigen freilich, die selbst schalten wollen, werden die verstümmelten Paddles zur Krux. Diese sind für dieses Auto schon genierlich klein, frugal und zudem im Kontest mit der Grenzerfahrung nur strapaziös mit den Fingern zu treffen. Warum man hier nicht gröbere und edlere Teile, etwa wie im RS6, montiert hat, wissen die Götter. So hat das etwas von einem Typ, der sich von Kopf bis Fuss in Armani hüllt und die Schuhe mit Paketschnur bindet.

Serienmässig hat der Bulle mit den vier Nasenringen eine Luftfederung. Zwischen Höchst und Tiefst liegen 90 Millimeter, man könnte mit ihm also auch im Sand spielen. Allein gedenken wohl die wenigsten, mit dieser mindestens 130 000 Franken teuren Prachtkutsche (Testwagen 176 000 Fr.) auf Grosswildjagd zu gehen. Dann schon eher auf Fishing-for-compliments-Tour bei Freunden und Bekannten. Man erntet definitiv viele Blicke, Likes und Worte des Lobes am Volant dieses Autos.

Im SQ8 gibt es auf jeder Position viel Platz. Der Kofferraum lässt sich von 605 auf 1755 Liter erweitern. Als Hauptbedien­elemente dienen zwei grosse Touchscreens. Auf dem Instrumenten-Display gibt es eine spezifische S-Anzeige mit grossem, mittigem Drehzahlmesser. Wer die Pakete Stadt (1430 Fr.) und Tour (2070 Fr.) ordert, hat alle wichtigen Helferlein mit an Bord.

Die dynamische Hilfsarmee
Auf jeden Fall empfehlenswert ist die dynamische Hilfsarmee namens Fahrwerkspaket Advanced. Inhalt: Hinterachslenkung, aktive Wankstabilisierung und Sportdifferenzial an der Hinterachse. Kostenpunkt: 7800 Franken. Für alle, die S vor dem Q8 sagen, absolut Pflicht. Insofern gehörte dieses Package eigentlich in die Basisversion, selbst wenn der Grundpreis dadurch an Sexappeal einbüsst. Andererseits kauft ja auch niemand einen Formel-1-Wagen und verzichtet auf den Heckflügel. Wo schon SQ8 draufsteht, soll bitte auch maximale fahrdynamische Sportlichkeit drinstecken. Dazu dient dieses Fahrwerkspaket, indem es hilft, die gefühlte Gleichung Masse × Beschleunigung × Fliehkräfte = Abflug repetitiv auszuhebeln. In schnellen Kurven verteilt das Sportdifferenzial die Antriebsmomente zwischen den Hinterrädern und schärft damit den Quattro-Antrieb. Beim Einlenken wird das Antriebsmoment spürbar zum kurvenäusseren, beim Herausbeschleunigen zum kurveninneren Rad verteilt. Summa summarum sorgt das System dafür, dass ein Über- oder Untersteuern im Alltag praktisch unmöglich wird. Selbst wenn das Tempo zu hoch ist. Apropos: Am Gas indes dürfte der Grosse noch einen Tick reaktiver sein. Die Progressivlenkung erfüllt ihren Job proper und pingelig, im Dynamic-Modus vielleicht sogar etwas übereifrig, was dann bisweilen eckig und kantig herüberkommt. Im Normal-Modus fühlt sich das Ganze symbiotischer und natürlicher an. Empfehlenswert ist, wie gesagt, die optionale Allradlenkung. Bei tiefem Tempo schlägt diese die Hinterräder bis zu fünf Grad gegensinnig zu den Vorderädern ein. Das macht den Brocken just in urbanem Terrain markant wendiger. Wobei enge Parkhäuser und Strässchen nie Spezi eines SQ8 sein werden. Ab 60 km/h lenken die Räder gleichsinnig, was die Stabilität erhöht. Die elektromechanische Wankstabilisierung ihrerseits erlaubt eine Querbeschleunigung, die das Auto rennstreckentauglich macht. Zudem optimiert sie das Handling. Willens, allen Lastanforderungen stets adrett und penibel zu genügen, geht der SQ8, ohne an Durchzug einzubüssen, mit einer Kultiviertheit durch die Kurven, die verblüfft. Und dabei kommt der Komfort dank der Luftfederung selbst auf den optionalen 22-Zöllern nie zu kurz. O. k., es ist jetzt nicht die ganz grosse Emotionalität, die bei dieser quasi wissenschaftlich orchestrierten Super-Diesel-Performance aufkommt, aber was solls? Wer mehr Gefühlsduselei will, kann sich einen Italiener kaufen.

Klar, dass der SQ8 auch innen, was Technik Verarbeitung, Optik, Konnektivität und Raumangebot angeht, überaus überzeugt. Bedienlogik und Grafiken sind auf Topniveau. Sportsitze sind Serie, und wer mag, kann S-Sportsitze plus mit integrierten Kopfstützen und hohen Wangen ordern, optional auch mit Klima- und Massagefunktionen. Die 2000 Franken tun Seele und Muskeln echt gut und sind es darum absolut wert. Die Sprachsteuerung beherrscht die deutsche Sprache und greift zur Beantwortung von Fragen auf onboard abgelegte Informationen und auf das Know-how der Cloud zu. Neu ist der integrierte Amazon-­Sprachdienst Alexa. Das heisst: Mit diesem Auto kannst du reden – es versteht dich! 

FAZIT
Der Audi SQ8 ist ein Mix aus Luxus, Komfort, Technik, viel Raum und Sicherheit, Wucht und Eleganz. Und das bei einem moderaten Verbrauch. Auf den Dieselmotor bezogen ist er ausserdem Träger aussterbender, feinster deutscher Ingenieurskunst. Aufmunitioniert mit allen Optionen – was seinen Preis hat –, ist der SQ8 ein technisch beeindruckendes Edel-SUV mit echt tollen fahrdynamischen Qualitäten. Klar, man kann sich fragen, ob ein mit Technik vollgestopftes, 2.5 Tonnen schweres Fünf-Meter-SUV-Coupé beschleunigen und durch die Kurve rasen können muss wie ein Sportwagen. Aber warum nicht, wenn es funktioniert. Auch als rollender Laptop sprich punkto Konnektivität ist der SQ8 State of the Art. Was bei aller Perfektion etwas fehlt, sind Emotionen. Freilich ist das sehr subjektiv!

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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