Eine Turbiene von einem Golf

RENNWAGEN-PORTRÄT Der Golf II Turbo 4×4 von Simon Wüthrich fährt wieder – schneller als je zuvor, sagt der Berner.

Den 30. Juni 2019 wird Simon Wüthrich nie mehr vergessen. Beim Bergrennen Reitnau AG rutschte der 39-jährige Berner auf der Ölspur eines Konkurrenten aus, worauf sein Golf II, Spitzname Turbiene, unkontrollierbar mehrmals einschlug. «Zum Schluss krachte ich frontal in einen Heuballen. Das Ding wurde wegkatapultiert, obwohl es 800 Kilogramm schwer ist!», erinnert sich Wüthrich. Entsprechend sah sein Golf II aus: «Ich bin heil geblieben. Aber das Auto war von der Karosserie bis hin zum Motor arg beschädigt, vor allem die Kühlung und die Ansaugerei im Motorraum.» Sehr viele Arbeitsstunden und fast ein Jahr später sieht der Golf II wieder wie neu aus – und er sei schneller als zuvor. «Die Karosserie ist nun aus Faserverbundwerkstoff statt aus Stahl. Wir haben sie selber modelliert und entsprechende Formen für den Bau gefertigt», erklärt Wüthrich. Und spricht an, was seit dem Jahr 2000 für die fünfköpfige Clique von Turbiene Motorsport gilt: «Das Auto schneller und leichter bauen, das ist unsere Devise.»

Platz nehmen im Golf II, in dem vieles wie der Motor (M.) und die Öl- wanne (u.) das Werk der fünfköpfigen Turbiene- Truppe ist.

Erst haben alle gelacht
Federführend bei der verschworenen Truppe ist nebst Simon Wüthrich auch Namensvetter Beat – «aber wir sind nicht verwandt.» Der Golf II gehört eigentlich Beat Wüthrich, «ich habe einfach das meiste Geld beigesteuert», sagt Simon Wüthrich lachend. Erst schraubte und feilte die Bande an Mopeds und Rollern, später kamen Autos dazu. «Dieses Auto hatte schon 2000 einen Turbomotor mit frei programmierbarem Steuergerät. Als wir damit im selben Jahr in Reitnau erstmals am Start eines Bergrennens standen, haben alle gelacht. Wir waren Exoten.» Den Golf II Turbo 4×4, so wie er heute dasteht, den gibt es seit 2003. «Wir hatten in den Jahren zuvor viel Lehrgeld bezahlt. Wir haben die eine oder andere Antriebswelle zerstört. Aber wir haben auch öfter in Technikbüchern nachgeschlagen, uns schlau gemacht, die Karosserie schrittweise angepasst und das Auto von Frontantrieb auf Allrad umgebaut – und die Leistung von 380 auf 600 PS verbessert», erinnert sich Wüthrich.

Das Motorengenie
Der Golf II verfügt immer noch über viel VW-Technik, versichert Wüthrich. «Das Chassis ist original, so wie der Motorblock und der Zylinderkopf, aber der Rest ist Eigenbau. Das Getriebegehäuse und das Differenzial sind vom Golf, die Zahnräder darin sind von uns.» Ausgedacht hat sich diese Finessen in der Regel Beat Wüthrich. «Er ist diesbezüglich ein Genie!», lobt der Namensvetter. «Er ist unser Mario Illien.» Hoppla! Der heute 70-jährige Churer ist längst eine Schweizer Motorsport-Ikone, nicht nur, weil er 1998 und 1999 für McLaren-Mercedes die Motoren baute, mit denen Mika Häkkinen Formel-1-Weltmeister wurde.

Für die Aerodynamik des Golf II ist Simon Wüth­rich zuständig – und er verzichtet mehrheitlich darauf. «Jedes Auto erzeugt Anpressdruck. Natürlich hat der Golf noch einen Unterboden und einen Diffusor, welche mehr Anpressdruck erzeugen. Die Frontsscheibe ist sehr steil, was nochmals zwei Quadratmeter Fläche für Anpressdruck ergibt. Aber auf Flügel verzichte ich. Die bringen auf der Rundstrecke etwas, aber nicht am Berg», ist Simon Wüthrich überzeugt.

«Wir sind stolz auf unsere Arbeit, selbst wenn uns die Konkurrenz bei einem Bergrennen schlägt. Das Auto heil ins Ziel zu bringen, hat Priorität.» Das ist in zehn Jahren immer gelungen – bis zum schwarzen 30. Juni 2019. «Dieser Tag hatte auch Gutes: An unserer Radaufhängung ist trotz des Aufpralls keine einzige Schweissnaht gerissen, obwohl der Querlenker um 180 Grad verbogen war. Das ist geil!», sagt Wüthrich. Genauso wie die finanzielle Unterstützung von Fans und Sponsoren, die den Wiederaufbau ermöglichten.

Simon Wüthrich: «Das Auto verbessern wir bei Turbiene Motorsport gemeinsam. Ich darf es fahren.»

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