«Wir wollen kein Geld, nur mehr Zeit»

INTERVIEW Die Fahrzeug-impor­teure wollen die Verschärfung des CO2-Flottengrenzwerts für 2020 ­aussetzen. Grund: ­Corona. Donato Bochicchio, Managing Director von Ford Schweiz, spricht zu den Hinter­gründen.

Bisher galt für PW ein Flottendurchschnitt von 130 g CO2/km. Die genaue Zahl für 2019 fehlt noch, aber es werden mehr als die 137.8 Gramm von 2018 sein, womit die Sanktionszahlungen für die Importeure gut 100 Millionen Franken betragen werden. 2020 gelten 95 g/km, hochgerechnet ergibt das Abgaben von mehreren Hundert Millionen Franken. Wie geht die Branche mit den drohenden Sanktionen um?

Automobil Revue: Donato Bochicchio, mit der Verschärfung auf 95 g CO2/km werden die Sanktionen für 2020 mehrere Hundert Millionen betragen. Sie wollen die Verschärfung um ein Jahr aussetzen. Wie zuversichtlich sind Sie?
Donato Bochicchio: Eines will ich vorneweg klarstellen: Die gesamte Branche steht hinter dem Ziel 95 g CO2/km und tut alles Machbare, um diesen Wert schnellstmöglich zu erreichen. Aufgrund von Corona haben wir vom Vorstand von Auto-Schweiz im März bei der Regierung den Antrag gestellt, 2020 punkto Grenzwert noch einmal so zu bewerten wie 2019. Bisher wurden wir leider weder eingeladen noch wurde etwas entschieden.

Das tönt nicht sehr optimistisch.
Ich würde sagen: Wir sind verhalten optimistisch. Wir wünschen uns natürlich, dass etwas passiert und der Bundesrat auf die besonderen Umstände, unter der auch unsere Branche gelitten hat, Rücksicht nimmt. Und uns entgegenkommt.

Das Image der Branche in der Schweiz ist nicht zu vergleichen mit dem in Deutschland, Frankreich oder Italien.
Das ist schade und etwas frustrierend zugleich, weil unsere Branche, auch wenn wir kein Produktionsland sind, ein wichtiger Teil der Schweizer Wirtschaft darstellt. Mehr als 200 000 Arbeitnehmer sind in der Schweiz in unserer Branche tätig.

Wie hat Corona die Branche getroffen?
Der Verkauf war zwei Monate ausgesetzt, was natürlich massive Umsatzeinbussen zur Folge hat. Die Produktion inklusive Zulieferketten stand still. Man kann sich vorstellen, wie komplex es ist, das alles wieder hochzufahren. Das bedeutet, dass wir die sauberen und notwendigen Steckerautos mit Verspätung bekommen und verkaufen können. Die Konsumentenstimmung ist auch nicht auf dem Level des letzten Jahres sprich von Anfang Jahr, deshalb unterstützen wir den Handel unsererseits, so gut es geht. Das alles macht es extrem schwierig und gibt uns für 2020 keine Planungssicherheit.

Selbst wenn jetzt alle Kunden E-Autos bestellen würden, wären diese nicht rechtzeitig lieferbar?
Ja. Und diejenigen Autos, die produziert werden, gehen zuerst dahin, wo jetzt konjunkturelle Förderprogamme für E-Autos lanciert werden wie in Deutschland, Frankeich oder Spanien. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen dass wir kein Geld vom Staat wollen, wir wollen nur mehr Zeit.

Welche Autos fehlen Ihnen bei Ford Schweiz?
Wir haben die glückliche Situation, dass wir bei Ford die Hausaufgaben bezüglich Elektrifizierung gemacht haben. Den vollelektrischen Mustang Mach-E können wir 2020 dennoch nicht mehr lancieren. Die Einführung des Ford Kuga PHEV und die des Ford Puma Ecoboost Hybrid hätten wir im März/April vorgesehen. Nun finden diese erst diesen Monat statt. Auch bei den Nutzfahrzeugen gibt es Verzögerungen. Ich hoffe, dass sich die Situa­tion schnell normalisiert, sodass wir bis Ende 2021 die 18 elektrifizierten Modelle anbieten können, die wir angekündigt haben und benötigen.

Letztes Jahr wurden in der Schweiz 301 000 PW neu zugelassen. Derzeit hinken wir diesem Wert wegen Corona um rund 50 Prozent hinterher. Was ist für Ford 2020 noch möglich?
Den Verlust, den wir in zwei Monaten eingefahren haben, werden wir nicht mehr kompensieren. Bei den PW rechnen wir mit einem Minus von 20 bis 25 Prozent. Bei den Nutzfahrzeugen könnten wir allenfalls mit ­einem blauen Auge davonkommen.

Und dabei ist Corona noch nicht ausgestanden?
Genau. Wir wissen nicht, was in dem Zusammenhang noch auf uns zukommt. Rundum müssen die eingefahrenen Schulden als Folge der diversen Krisenpakte jetzt vorerst zurückbezahlt werden. Niemand kann sich darum in diesem Jahr noch zusätzliche Kosten leisten. Das gilt nicht nur für unsere Branche, sondern für die gesamte Wirtschaft.

Was passiert, wenn Sie nicht durchkommen mit Ihrem Anliegen?
Dann geht die Rechnung für uns und unsere Händler irgendwann nicht mehr auf. Zudem könnte dies der Entwicklung der E-Mobilität schaden.

Warum wollten Sie keine Kaufprämien wie in Deutschland oder Frankreich?
Solche Anreize machen die Fahrzeuge kurzfristig attraktiver. Längerfristig besteht jedoch das Risiko, dass solche Prämien den Markt durcheinanderbringen, Stichwort Occassionshandel. Das ganze Preisgefüge wird so zusätzlich belastet. Darum wollen wir – noch einmal – kein zusätzliches Geld oder neue Investitionen, sondern nur mehr Zeit.

Der durchschnittliche CO2-Ausstoss neuer PW lag in der Schweiz 2017 bei 134, 2018 bei 137.8 g/km. 2019 werden es wohl nicht weniger sein. Sie stehen vor einer Monsteraufgabe.
Das ist so, und darum tun wir alles, um den CO2-Ausstoss unserer Fahrzeuge zu senken. Wir machen uns aber auch nichts vor, wir werden die Vorgabe auch 2021 nicht einhalten können. Und 2020 aufgrund von Corona erst recht nicht. Bis Ende nächsten Jahres jedoch kommen viele attraktive, elektrifizierte Modelle auf den Markt. Nicht nur bei uns. Topprodukte, die uns sehr dabei helfen werden, die Ziele zu erreichen. Eine attraktive Produktepalette hilft enorm. Dazu bedarf es dann einer gewissen Balance, das anzubieten, was der Kunde wünscht – und gleichzeitig das, was uns beim Erreichen des CO2-Ziels hilft.

Müssen Sie die Kunden fortan so erziehen, dass sie den perfekten CO2-Mix bei Ihnen posten?
Wie gesagt, was sehr hilft, sind die für eine breite Zielgruppe interessanten Neuheiten. Die letzten vier Werbekampagnen, die wir von Ford Schweiz kommuniziert haben, haben elektrifizierte Fahrzeuge beworben. Das wird so bleiben. Die Elektrifizierung ist bei Ford in vollem Gang. Unser Portfolio entspricht dem Zeit- und Politgeist.

Können Sie ihren Handel entsprechend briefen?
Wir versuchen preislich möglichst attraktiv zu sein. Aber natürlich muss auch der Handel als Ambassador dieser Entwicklung und Fahrzeuge mitmachen. Wir versuchen wirklich alles, was in unserer Macht steht. Insofern würde es uns sehr helfen, wenn die Regierung auf unseren Vorschlag eingeht.  

Wie sieht es denn mit Verkäufen und Bestellungen punkto E und Hybrid derzeit aus?
Die zunehmenden Anfragen und Verkaufszahlen zeigen, dass die Kunden wachsendes Interesse an diesen Fahrzeugen haben. Ich bin fest überzeugt, dass der Verkauf von Steckerfahrzeugen mit den neuen Produkten massiv anziehen wird. Daneben braucht es selbstverständlich noch förderliche Rahmenbedingungen.

Zum Beispiel?
Die Ladeinfrastruktur muss noch flächendeckender werden. Und ganz generell gilt es, Vorurteile gegenüber der E-Mobilität abzubauen. Ein E-Auto muss im Alltag absolut convenient sein.

Unsere Politik will nicht wahrhaben, dass die Schweiz einen anderen Autogeschmack hat als Europa. Ist sich Ford dessen bewusst?
Definitiv. Im Vergleich zu Rest-Europa sind wir mit dem hohen Allradanteil, den tendenziell stärkeren Motorisierungen, mit den Automatikversionen oder bezüglich Sicherheits- und Komfortausstattungen ein Exot. Das können wir bei Ford aber immer wieder auf verschiedener Ebene und bei verschiedenen Gremien einbringen.

Die Ausnahmesituation deutet andererseits auch auf eine höhere Kaufkraft hin?
Ja, und genau das könnte ein wichtiger Treiber für die Elektromobilität werden. Aber nur, wenn wir Autos nicht via Lenkungsabgaben verteuern.

Ab wann sind 95 g CO2/km realistisch?
Als Gesamtbranche sind wir der Ansicht, dass wir diesen Wert erst ab 2024 erreichen. Dem ist auch so, wenn dem Gesuch um Aufschub der verschärften CO2-­Grenzwerte entsprochen wird. 

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