Grösser ist besser

Sie sind Design-Legenden, die Cadillac des Baujahres 1959. Nie vorher und nie wieder gab es derart imposante Heckflossen.

Einen Cadillac konnte sich nicht jeder leisten, die Kundschaft bestand hauptsächlich aus Geschäftsleuten, Filmstars, sonstigen Künstlern und anderweitig zu Geld gekommenen Menschen. Im Jahr 1959 etwa kostete ein Cadillac in den USA ab 4900 US-Dollar, fast das Dreifache eines auch schon ziemlich eindrücklichen Chevrolet Impala.

Zwar verzichtete die Premiummarke Cadillac, die sich auch gerne als «Standard of the world» bezeichnete, in den 1950er-Jahren auf 16-Zylindermotoren, die noch vor dem Krieg im Programm gewesen waren, aber bezüglich Design und Ausstattung zog sie alle Register. Die Cadillac-Modelle der 50er-Jahre folgten fast alle derselben Grundkonzeption, also deutlich über drei Meter Radstand, über 5.5 Meter Länge und zwei Meter Breite, mindestens zwei Tonnen Leergewicht und ein V8 unter der Haube, der die an einer Starrachse aufgehängten Hinterräder antrieb. Die ersten Series 62, gezeichnet von Harley Earl, entstanden noch vor dem Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg (1940, um genau zu sein). Schnell entwickelten sie sich zum Brot-und-Butter-Modell unter den Cadillac.

Der Höhepunkt Der Jahrgang 1959 war bei allen GM-Produkten wirklich aussergewöhnlich, bei den Cadillac wuchsen die Tail Fins in die Höhe, die Chevrolet waren so breit wie nie. Damals wurde das Design noch jedes Jahr geändert.

Mehr Flossen
Die ersten Andeutungen von Tail Fins, also Heckflossen, erhielten die Cadillac 1949. Seither wurden sie nur noch grösser – und Harley Earl setzte sich 1959 mit dem letzten Modelljahrgang, für den er noch verantwortlich zeichnete, ein ewiges Denkmal. Er trieb die Flossen-Hysterie der Amerikaner endgültig auf den Höhepunkt – und unterstrich sie noch durch zwei integrierte, horizontal angeordnete Leuchten, die ähnlich einer Kanonenkugel eingefasst waren.

Das deutsche Magazin «Auto Motor und Sport» kommentierte die amerikanischen Designtendenzen im Dezember 1958: «Andere (Autos), wie der Cadillac und Oldsmobile sehen aus, als ob sie in Cap Canaveral von Raketenspezialisten entworfen worden wären. Der Cadillac hat eine ganze Garnitur von Raketen-Verzierungen im Heck. Hinterkotflügel von Buick, Cadillac und Chevrolet sind geradezu furchterregend.»

Ein Auto wie ein Schiff Mit über 5.7 Metern Länge ragt das Cabrio heute über sämtliche Schweizer Parkplätze ­hinaus. Die Heckflossen waren fast einen Meter hoch – und in Sachen Fussgängerschutz alles andere als vorbildlich.

Die «Automobil Revue» drückte sich anlässlich einer ersten Sichtung der neuen Modelle am Pariser Autosalon 1958 etwas diplomatischer aus: «Die neue Variante der GM-Serienkarosserie mit hinten rundherum geführten Fenstern, fast horizontalem Dach mit kleinem hinteren Vorsprung und der bei allen Modellen vorhandenen hohen Windschutzscheibe, die bis ins Dach hinein verlängert ist, bildet eine bedeutende Etappe im Karosseriebau und wird ohne Zweifel in Zukunft manchen Konstrukteur, der um eine neue Form ringt, zu ähnlichen Lösungen anregen. Ob das gleiche auch für die waagrecht verlaufenden hinteren Kotflügelflossen gilt, mit denen GM der heutigen Mode ohne direkte Kopie der Konkurrenz eine Reverenz erweisen konnte, darf man dagegen bezweifeln.»

Der Series-62-Cadillac des Baujahres 1959 war deutlich kantiger als seine Vorgänger, verfügte über grössere Fensterflächen und auffällige Panoramascheiben, je nach Modell vorne und auch hinten. An Chrom mangelte es genauso wenig wie an auffälligen Details, neben den bereits erwähnten Heckleuchten fanden sich auch vorne nicht weniger als acht Lampen, die dem Cadillac in der Nacht einen besonders eindrucksvollen Auftritt bescherten.

Viele Varianten
Die Übersicht über die verschiedenen Serien ist bei Cadillac immer etwas schwierig. Gab es im Modelljahrgang 1958 noch die 60S, 62, 70 und 75, so wurden 1959 daraus dann 60S, 62, 63, 64, 67 und 69. Bezüglich Komfort wurde in allen Modellen alles angeboten, was zu jener Zeit machbar war, zum Beispiel Servobremsen, Servolenkung, Getriebeautomatik, elektrische Fensterheber sowie Dach­betätigung (beim Cabrio), elektrische Türverriegelung und elektrisch verstellbare Sitze. Zudem blendete der Cadillac selber ab und hielt auch die Geschwindigkeit konstant. Die Einrichtung wurde in der Ankündigung der «Automobil Revue» besonders hervorgehoben: «Neu ist der Cruise Control, eine am Armaturenbrett angebrachte Vorrichtung zum Fixieren des Gaspedals entsprechend der gewünschten Geschwindigkeit. Beim Betupfen des Bremspedals und beim Anhalten wird sie ausgeschaltet.»

Der V8-Motor war von 6.0 auf 6.4 Liter Hubraum angewachsen und leistete nun 325 PS. Mit exakt 3.302 Metern Radstand und 5.715 Metern Länge überragte der 59er seine Vorgänger knapp. Dies alles wollte bezahlt werden, in der Schweiz stand der Cadillac als Cabriolet für 39 700 Franken auf der Preisliste, etwa gleich teuer wie ein Mercedes-Benz 300 SL Sport-Roadster.

Nur ein Jahr lang wurden die Cadillac mit ihren auffälligen Rückleuchten gebaut, dann wurde die Karosserielinie vom neuen Designchef Bill Mitchell geglättet. Die Flossen verblieben zwar in kaum veränderter Grösse, aber auch sie mussten in den Folgejahren schrumpfen, bis sie schliesslich komplett verschwanden. Überhaupt wurden alle amerikanischen Fahrzeuge ab 1961 wieder (ein bisschen) kleiner.

Mehr als 120 000 Fahrzeuge baute Cadillac im Rahmen des Modelljahres 1959, eine eigentlich schier unglaubliche Grössenordnung, wenn man die Produktionszahlen der europäischen Luxusfahrzeughersteller mit meist drei- oder maximal vierstelligen Produktionsziffern zum Vergleich heranzieht. Ein nicht unerheblicher Teil der Produktion ging auf die auch heute noch sehr beliebten Cabrioletausführungen zurück, von denen doch einige ihren Weg auch nach Europa fanden.

Unterwegs im Luxusschlitten 
Es ist auf jeden Fall ein besonderes Gefühl, sich in den 5.7 Meter langen Cruiser zu setzen. Der offene Cadillac ist ein typischer Amerikaner mit weicher Federung und einer heftig unterstützenden Servolenkung, die den Fahrer kaum erahnen lässt, wie stark die Räder gerade arbeiten müssen. Die 325 PS nutzt man im Alltag kaum je, denn sanftes Gleiten liegt dem riesigen Auto deutlich besser als schnelle Richtungswechsel und scharfe Beschleunigungs- oder Bremsmanöver. In einem rosafarbenen Cabriolet mit ausladenden Flossen fällt man aber auch ohne Quietschen und Dröhnen auf – und der Ausblick durch die riesige (Vista-)Panoramascheibe oder über das akzentuierte Heck hinweg ist schlicht atemberaubend.

Kaum weniger eindrücklich ist der Blick über das Armaturenbrett mit dem riesigen Breitband-Tacho und der herausquellenden Zeituhr zur Mitte hin. Das Automatikgetriebe wird per Lenkrad­hebel in die gewünschte Schaltstufe gebracht, alle Funktionsschalter sind beschriftet und geben kaum Rätsel auf. Als die Autos nicht mehr in den Händen von Filmschauspielern waren, sondern von Studenten oder Touristen gefahren wurden, zeigten sie sich auch als fahrende Hotels geeignet. Schliesslich konnte man locker eine Nacht schlafend auf der vorderen Sitzbank verbringen, die dank üppiger Innenbreite sicherlich gross genug dafür war.

Während übrigens heutige europäische Autos bezüglich Aussenbreite (Cadillac 2.037 m) locker mitgezogen haben, sind die 5.715 Meter Länge auch aus heutiger Sicht riesig. Ganz klar, für enge Schweizer Passstrassen wurde der Cadillac nicht gebaut, aber in der Zürcher Langstrasse konnte man ihn des Öfteren beobachten. 

Der Traum vom Fliegen Die 50er-Jahre waren die Zeit des Aufbruchs, Raumfahrt sollte nicht mehr nur ein Traum bleiben. Und genau das sollten die Cadillac-Heckflügel ausdrücken.

Blick in die Zukunft – Cadillac Cyclone
Cadillac konnte visionär sein. Mit dem Experimentalwagen Cyclone wurden neue Technologien und sportliches Düsenjet-Design demonstriert. Gemäss damaliger Pressemeldung waren in den kegelförmigen Nasen Radar-Spüraggregate eingebaut, die den Fahrer elektronisch auf einen nahenden Gegenstand aufmerksam machen sollten. Das Klappdach, das volle Rundumsicht ermöglichte, bestand aus laminiertem Plastik, es hob sich automatisch, wenn man eine Türe betätigte. Ein Druck auf den Türknopf liess die Türe automatisch rückwärts aus der Öffnung gleiten. Über eine Sprechanlage konnten die Insassen mit der Aussenwelt sprechen, ohne das Dach öffnen zu müssen.

Cadillac-Design-Entwicklung 1958 bis 1960
Beim Übergang vom Baujahr 1958 zum Baujahr 1959 änderte sich die Designsprache komplett. Hatte sich das alte Modell noch an den schwülstigen Formen der Nachkriegsmodelle orientiert, wirkte der 1959er-Jahrgang fast wie mit dem Lineal gezogen. Mächtige Flossen gab es allerdings bereits 1958, und diese blieben auch beim Übergang vom Baujahr 1959 auf 1960 bestehen. Erst in der Folge wurden diese typisch amerikanisch anmutenden Stylingelemente wieder zunehmend kleiner, bis sie gegen Mitte 60er-Jahre fast komplett verschwanden.

59er-Cadillac im Film
Der 59er-Cadillac Series 62 kann nicht zuletzt wegen seines spektakulären Aussehens auf zahlreiche Filmauftritte zurückschauen, so etwa in «Wise Guys», «Heartbreak Hotel», «The Deer Hunter», «Fandango» oder im sogar nach dem Auto benannten Streifen «Pink Cadillac» mit Clint Eastwood am Lenkrad. Der in diesem Film benutzte Cadillac Series 62 von 1959 befindet sich sogar in der Schweiz!

Die Alternativen von Pininfarina

Pininfarina zeigte an den Autosalons zwischen 1958 und 1961 mehrere Entwürfe auf Cadillac-Basis. Während die früheren Designs nach amerikanischen Gepflogenheiten noch über Flossen und viel Chrom verfügten, wirkten die späteren Versionen (ab Starlight), insbesondere der Entwurf Jacqueline von 1961, deutlich geglättet und sahen mehr nach Pinin­farina als nach Cadillac aus. In den Jahren 1959 und 1960 entstand bei Pininfarina auch eine jeweils kleine Serie von Cadillac-Topmodellen, die Eldorado Brougham.

Die komplette CLASSICS-Beilage, mit allen Themen, finden Sie in der aktuellen gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

2 Kommentare

  1. Liebe AR Redaktion

    Mit grösster Freude beobachte ich, dass die AR nach schlimmem grünlichem Schlingerkurs wieder zu echten Automobilen Werten zurückfindet. Wunderbar!

    Das ist wie ein Hauch frischer Luft in der zunehmend politisch von rot-grüner Intoleranz vergifteten Atmosphäre!

    Ganz herzlichen Dank, bleiben Sie gesund und bitte, bitte den Stil hochhalten!

    Reto Bon, St.Gallen

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