Die höhere Alternative

FRONTANTRIEB Die Ähnlichkeit mit seinem ­Bruder Scala kann der Kamiq nicht leugnen. Er bietet zahlreiche Vorzüge, hat aber auch Schwächen.

Der VW-Konzern liess sich Zeit, bis alle vier führenden Marken Volkswagen, Audi, Seat und Škoda über eine komplette SUV-Palette verfügten, mit der sie dann aber umso stärker auftrumpfen konnten. Jede Marke hat wenigstens drei Hochdach-Varianten (bei Audi sind es acht!), die alle mit überzeugenden Argumenten antreten. Zwei davon gehören übrigens zu den Top Ten der Bestseller in der Schweiz. An zweiter Stellen stand mit 1836 Einheiten von Januar bis Mai der Tiguan. Dahinter kommt an neunter Stelle (und noch vor dem Golf) mit 1138 Einheiten der Škoda Karoq. Seine Beliebheit fusst vor allem auf einem aussergewöhnlichen Preis-Leistungs-Verhältnis. Damit stellt sich erst einmal die berechtigte Frage: Ist sein kleiner Bruder Kamiq ebenso stark wie der grosse Karoq? Wir suchen die Antwort.

Trotz einer Bodenfreiheit von 188 Millimetern sitzt man im Škoda Kamiq nicht viel höher als im Scala.

Die neue Škoda-Nomenklatur will, dass der Name eines SUV mit K beginnt und auf Q endet. So stammt Kamiq aus der Sprache der Inuit und bedeutet «unbeschwert in allen Situationen und mit eigenem Charakter». Diese Beschreibung ist nicht ganz zutreffend, denn trotz einer grosszügiger Bodenfreiheit von 188 Millimetern, die für die meisten unbefestigten Wege ausreicht, fährt der Kamiq auf der MQB-A0-Plattform, die nicht allradtauglich ist. Da ist es mit der Unbeschwertheit für den Fahrer eines Kamiq rasch vorbei, wenn er sich auf eine verschneite Passstrasse wagt.


Kräftiger Vierzylinder
Kommen wir zum Motor: Mit 150 PS (zwischen 5000 und 6000 U/min) und 250 Nm (zwischen 1500 und 3500 U/min), Turbolader, Direkteinspritzung und Zylinderabschaltung (wenn zwischen 1350 und 3200 U/min nicht mehr als 85 Nm Drehmoment gebraucht werden) hat der 1.5-TSI-Vierzylinder viel zu bieten. Dabei bleibt der Verbrauch bei bescheidenen 5.6 l/100 km auf unserer Normrunde. Der getestete Kamiq bietet mit seinem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe guten Komfort, eine anständige Aufhängung und eine ausreichende Fahrdynamik. Auf den Strassen des Berner Oberlandes überzeugte das SUV in langen und engen Kurven mit ausgewogenen Eigenschaften bei nur geringen Wankbewegungen. Das kompakte SUV bringt vollgetankt lediglich 1310 Kilogramm auf die Waage. Wie die meisten anderen Modelle auf MQB-Plattform bietet es aber begrenzt Traktion, ein Nachteil, der durch das relativ unsanfte DKG verschärft wird, auch wenn diese Eigenart im Gegensatz etwa zum Scala oder dem Cousin Polo beim Kamiq weniger spürbar ist. Die Ingenieure aus Mladá Boleslav (CZ) haben das Chassis überarbeitet und mit spezifischen Dämpfern und einem steiferen Querstabilisator vorne ausgestattet. Die Karosseriesteifigkeit wurde dank 80 Prozent hochfester Stähle weiter optimiert. Das Ganze harmoniert sehr gut mit dem Antrieb, sieht man einmal vom hektischen Herunterschalten bei der Beschleunigung ab. Dies ist aber nicht dramatisch. 

Punkte für den Innenraum
Mit seinen Abmessungen (4241 mm lang, 1793 mm breit, 1553 mm hoch) fährt der Kamiq mitten in das B-SUV-Segment, wobei ihn seine inneren Werte zum Raumwunder machen. Hier hat der Škoda extrem viel vorzuweisen, alle fünf Plätze bieten viel Platz: bis zu 104 Zentimeter Kopffreiheit vorne und 96 Zentimeter hinten. Dazu kommen 147 Zentimeter Innenbreite vorne und 143 Zentimeter hinten, wobei die Rücksitze bis zu 47 Zentimeter Kniefreiheit erlauben. Das Gepäckabteil mit 400 Litern Fassungsvermögen lässt sich durch die asymmetrisch abklappbare Sitzbank (60:40) auf 1395 Liter vergrössern. Das ist etwas weniger als im Kofferraum des Scala mit seinen 467 Litern. Das Besondere bei Škoda: bei umgeklappter Beifahrerrücklehne können Gegenstände von bis zu 2.5 Metern Länge befördert werden. Die 68 Zentimeter hohe Ladekante schliesst bündig an den Gepäckraumboden an und erleichtert das Be- und Entladen schwerer Gegenstände. Gut gemacht: Die umgeklappten Sitze bilden eine durchgehend glatte Fläche mit dem Gepäckraumboden. Škoda hat im Innenraum zahlreiche Ablagen und Fächer vorgesehen, die ein Volumen von insgesamt 26 Litern ausmachen. Die Sitzposition unseres Kamiq ist nur leicht höher als die der Limousine: bis zu 58 Zentimeter (in der höchsten Position und vom Boden) im Vergleich zu 55 Zentimetern im Scala.

Sehr gute Verarbeitung …
Die Verarbeitung des Kamiq – der bekanntlich keinen Premiumanspruch erhebt – ist für das Segment  und die Preisklasse des Kamiq ausgezeichnet. Das Armaturenbrett, das offensichtlich direkt inspiriert ist vom Scala, besteht aus geschäumtem Kunststoff, die Materialien sind für das Segment relativ elegant und die Verarbeitung ist absolut tadellos.

… mit einigen Schwächen
Trotzdem gibt es ein paar Wermutstropfen. Erstens sind einige Ablagen und die Unterseite des Armaturenbretts aus Hartplastik und somit nicht sehr angenehm anzufassen. Dies ist ein gängiger Nachteil der MQB-Autos, an dem sogar der Audi A1 leidet. Zweitens ist der Innenraum sehr fantasielos gestaltet. Fast ausschliesslich in dunklen Tönen gehalten, ist er zu düster und wenig erfrischend, ein paar farbige Akzente stünden ihm gut an. Ansonsten hat die tschechische Marke bei den Detail­lösungen und beim Nutzwert noch einmal nachgebessert. So passen in die vorderen Türen 1.5-Liter-Getränkeflaschen. Im Gepäckabteil befinden sich eine herausnehmbare LED-Lampe, eine 12-Volt-Steckdose und ein Einkaufsnetz unter der Gepäckabdeckung. Schon länger mit dabei sind die Türschutzleisten. Beim Öffnen der Türen fährt eine rund 20 Zentimeter lange, weiche Kunststoffleiste aus und legt sich auf die Türkante. Das Ziel? Kratzer am eigenen Auto oder dem daneben stehenden Fahrzeug zu vermeiden. Ja, Škoda scheint an seinem Kamiq nichts vergessen zu haben. 

Der Türkantenschutz erweist sich als clevere Detaillösung, gerade wenn Kinder mitfahren.

FAZIT
Mit einem Basispreis ab 27 690 Franken für den 1.0 TSI mit 115 PS und Sechsgang–Schaltgetriebe ist das tschechische SUV nicht gerade billig. Vor allem ist es 2250 Franken teurer als der Scala, eine Limousine, die in Bezug auf Ästhetik, Technik und Philosophie dem kleinen SUV sehr nahe kommt. Aber wie sieht es sonst mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis aus? Es ist immer noch ausgezeichnet – aus dem einfachen Grund, dass der Kamiq auch sehr viel bietet. Der Kamiq ist auf jeden Fall ein echter Škoda. Ein gutes, vernünftiges, kompaktes Auto, das sich durchaus als eine clevere Anschaffung erweisen kann. Vorausgesetzt natürlich, dass man auf den Allradantrieb verzichten kann. Wer eine solchen sucht, muss sich für einen Škoda aus einem oberen Segment (oder sogar für eine andere Marke) entscheiden. 

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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