Gerettet und angekommen

50 JAHRE SAUBER (5) Im fünften Jahrzehnt von Sauber Motorsport tritt Firmengründen Peter Sauber kürzer. Aber erst muss das Team mit Monisha Kaltenborn an der Spitze gerettet werden, ehe die Zukunft gesichert wird.

Mitte 1998 kam es zum ersten Zusammentreffen zwischen Moni­sha Kaltenborn und Peter Sauber. Kaltenborn war zu jener Zeit bei der Fritz Kaiser Group (FKG) in Liechtenstein tätig. Zusammen mit Dietrich Mateschitz (Red Bull) und Peter Sauber war Fritz Kaiser Anteils­eigner der Firma Sauber Motorsport. «Ich kam damals als junge Juristin mit relativ wenig Berufserfahrung zu Kaiser, um mich um die rechtlichen Belange der FKG zu kümmern. Eines meiner Projekte war seine Beteiligung in der Formel 1. Schon in meiner zweiten Arbeitswoche stand der Motorenvertrag mit Ferrari zur Verlängerung an. Fritz hat mir kurz ein paar Informationen gegeben und fuhr dann weg in die Sommerferien. Für mich war ein Motorenvertrag Neuland. Deshalb wollte ich die ganze Abmachung im Detail verstehen. Es ging darum, wohin welches Teil gehört, wofür wie viel gezahlt wird und was überhaupt Teil der Lieferung ist. Es war ein ziemlich komplexes Thema. Deshalb wollte ich mir das Formel-1-Auto genau ansehen und verstehen, welche Bereiche da explizit genannt wurden. So kam ich im Sommer 1998 das erste Mal nach Hinwil und habe Herrn Sauber kennengelernt. Es war eine interessante und lehrreiche Begegnung. Ich weiss noch genau, auf welchem Stuhl ich am Besprechungstisch gesessen bin. Diese Sitzordnung hat sich dann über all die Jahre hinweg gehalten.»

Firmengründer Peter Sauber hält sich im Hintergrund und macht Monisha Kaltenborn zur ersten Teamchefin der Formel 1.

Zwei Jahre nach diesem ersten Treffen wechselte Monisha Kaltenborn von der FKG in Liechtenstein zu Sauber Motorsport nach Hinwil. Sie brauchte nicht lange, um sich in der neuen Firma zurechtzufinden. «Schon bei der FKG hatte ich als Juristin Einblick in sämtliche Geschäftsfelder des Formel-1-Projekts. Ich habe damals schon die Fahrerverträge gemacht. Ich habe die Sponsorenverträge gemacht, und ich habe die gesamte Korrespondenz mit dem Internationalen Automobilverband erledigt. Und die technischen Zusammenarbeitsverträge gehörten ebenfalls zu meinem Dossier. In Hinwil musste ich die juristische Infrastruktur komplett neu aufbauen, weil es die ja vorher innerhalb der Firma nicht gegeben hatte.» Die Zusammenarbeit mit Chef Peter Sauber klappte auf Anhieb reibungslos. «Er hat mir vertraut. Ich habe viele Freiheiten bekommen und bin schnell in die Geschäftsleitung aufgenommen worden. Dann haben wir die Firma zusammen neu strukturiert.»

Sauber wie im luftleeren Raum
Auf Anfang 2010 – BMW hatte sich Ende 2009 ja verabschiedet – wurde Kaltenborn vom Geschäftsleitungsmitglied zum CEO von Sauber Motorsport. Als im Herbst 2009 die Verhandlungen zum Thema BMW-Ausstieg liefen, stellte der Chef die versierte Juristin eines Tages vor vollendete Tatsachen: «Falls wir das Team von BMW zurücknehmen, wirst du die Firma leiten.» Kaltenborn erinnert sich, dass Sauber nie gefragt hatte, ob sie sich diese Funktion auch vorstellen könne: «Aber ich habe nicht lange überlegt, sondern ganz einfach ja gesagt. Wir durften keine Zeit verlieren. Sauber Motorsport steckte zu diesem Zeitpunkt in einer ganz heiklen Situation.» Kaltenborn weiter: «Die Formel-1-Teams wurden in dieser Zeit immer mehr zu Unternehmen. Das Kommerzielle stand immer stärker im Vordergrund. Als klar wurde, dass BMW aussteigt – und das kam Ende Juli 2009 für uns alle ohne Vorwarnung aus dem Nichts –, mussten wir sehr schnell reagieren. Das Wichtigste war, die BMW-Entscheidungsträger davon zu überzeugen, einen Verkaufsprozess einzuleiten. Wir standen damals im luftleeren Raum. Aber wir haben alles Mögliche versucht, um das Team am Leben zu erhalten. Das Schwierige an der damaligen Situation: BMW hatte den Lead, wir waren lediglich das Produkt. Letzten Endes hat dann für uns aber ein sehr guter Deal herausgeschaut.»

Nach dem Rückkauf blieb fast keine Zeit, um das Team für 2010 auf die Beine zu bringen. «Es fühlte sich an wie 15 Sekunden vor zwölf», erinnert sich Kaltenborn. «Wir hatten ja nichts. Es war Dezember 2009, und wir hatten keine Sponsoren. Wir hatten nicht genügend finanzielle Mittel, und im Februar musste ein Auto für die ersten Testfahrten bereit sein. Diese Belastung war extrem. Es ging tagtäglich um existenzielle Dinge, bei denen kein Aufschub möglich war.»

2012 überschreibt Peter Sauber CEO Monisha Kaltenborn 30 Prozent der Anteile am Rennstall und macht sie im Herbst zur ersten Formel-1-Teamchefin. Die zusätzliche Funktion als Teamchefin hat Kaltenborn nie als Belastung empfunden. «Die Funktion des Teamchefs hat sich in diesen Jahren stark verändert. Den klassischen Teamchef gab es zu dieser Zeit ohnehin nicht mehr. Weil sich die Teams immer mehr zu klassischen Unternehmen transformiert haben, war meine Doppelfunktion logisch. Meine Hauptaufgabe bestand immer darin, das Unternehmen zusammenzuhalten und sicher durch eine Krise zu führen.»

Mit Mercedes und BMW hatte Sauber Motorsport in seinen 50 Jahren gleich zweimal namhafte Unternehmen aus der Autoindustrie als Businesspartner. Nach anfänglich grossem Enthusiasmus folgte Jahre später die Ernüchterung, verbunden mit finanziellen Engpässen. Wäre es für die Motorsportfirma aus dem Zürcher Oberland insgesamt zielführender gewesen, als privates Mittelfeldteam über die Jahre ständig weiter zu wachsen und sich so zu konsolidieren? «Nein, das wäre mit Sicherheit nicht die bessere Strategie gewesen», ist Kaltenborn überzeugt. «Ich glaube, dass das Team nach diesem Szenario gar nicht mehr existieren würde. Die Beteiligung von BMW hat uns in Bezug auf die Infrastruktur und die Arbeitsprozesse einen ziemlichen grossen Schritt nach vorn gebracht. Wir haben in dieser Zeit den Anschluss an die modernen Formel-1-Teams geschafft.»

Auch was die persönliche Bilanz ihrer knapp 20 Jahre bei Sauber Motorsport betrifft, ist Monisha Kaltenborn zufrieden: «Mein Leitsatz lautet immer: Wenn ich etwas annehme, dann führe ich es zu Ende! Da gehe ich meinen Weg immer sehr konsequent. Ich wollte dieses Unternehmen, das zu ­einem Drittel ja auch mein Unternehmen war, unbedingt retten. Ich habe damals wirklich alles in Bewegung gesetzt, um zu verhindern, dass das Team untergeht. Und es ist auch nicht untergegangen!»

Die Zukunft ist aufgegleist
Für Monisha Kaltenborn, die 2010 in Hinwil als CEO die Gesamtverantwortung übernommen hat, schliesst sich der Kreis sieben Jahre später. Wieder steht Sauber Motorsport kurz vor dem Aus. Doch Kaltenborn gelingt es nach monatelangen Verhandlungen, eine neue Investorengruppe um den Schweden Finn Rausing an Bord zu holen. Im Sommer 2016 übernimmt Longbow Finance mit Sitz in Lutry bei Lausanne die Sauber Motorsport AG. Rund ein Jahr später trennen sich Kaltenborn und die neuen Besitzer in gegenseitigem Einvernehmen. Kaltenborn hat in den E-Sport gewechselt und ist heute Geschäftsführerin von Racing Un­leashed in Cham ZG.

2017 hat Frédéric Vasseur in Hinwil das Kommando übernommen. Der Motorsportingenieur hat als Gründer der Teams ART Grand Prix und ASM grosse Erfolge gefeiert. Zudem zeigte er bei der Talentsuche eine glückliche Hand. Die Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und Nico Rosberg zählten in jungen Jahren zu Vasseurs Talentpool. «50 Jahre in diesem Geschäft sind eine lange Zeit», staunt selbst der Franzose. «Doch Peter Sauber hat es bei allen Herausforderungen immer wieder von Neuem geschafft, sich selbst und die Firma neu zu erfinden.» 

Vom C29 zum C39

2010
Der C29 (Ferrari 2.4-V8) ist das erste Fahrzeug nach der BMW-Sauber-Zeit. Pedro de la Rosa, Nick Heidfeld und Kamui Kobayashi holen 44 Punkte (WM-Rang 8).
2011
James Key folgt auf Technikdirektor Willy Rampf und baut den C30 (Ferrari-V8 056). Kobayashi und Sergio Pérez holen 44 Punkte (WM-Rang 7).  
2012
Mit dem C31 (Ferrari-V8 056) geht es aufwärts. Nebst vier Podest­plätzen für Pérez und Kobayashi  gibt es 126 Punkte (WM-Rang 6).
2013
Das Technikteam um Matt Morris entwickelt den C32 (Ferrari-V8 056), mit dem Nico Hülkenberg und Esteban Gutiérrez 57 Punkte und WM-Platz 7 holen.  
2014
Der C33 mit neuem Ferrari-Motor (059/3, 1.6-V6-T) floppt. Gutiérrez und Adrian Sutil bleiben punktelos.
2015
Mit dem C34 (Ferrari 059/4, 1.6-V6-T) sammeln Marcus Ericsson und Felipe Nasr 36 Punkte und sichern WM-Rang 8.
2016
Wieder fällt die Punkteausbeute mager aus (2). Ericsson und Nasr schaffen mit dem C35 (Ferrari 059/5, 1.6-V6-T) WM-Rang 10.
2017
Sauber feiert mit dem C36 (Ferrari 061, 1.6-V6-T) 25 Jahre Formel 1. Für Ericsson, Antonio Giovinazzi und Pascal Wehrlein bleiben aber nur fünf Punkte und WM-Platz 10.
2018
Aufwind mit dem C37 (Ferrari 062 Evo, 1.6-V6-T): Ericsson und ­Shootingstar Charles Leclerc schaffen mit 48 Punkten WM-Rang 8.
2019
Das Team heisst Alfa Romeo Racing, das Auto, der C38 (Ferrari 064, 1.6-V6-T), kommt von Sauber. Rückkehrer Kimi ­Räikkönen und Giovinazzi holen 57 Punkte und WM-Platz 8.  
2020
Mit dem C39 (Ferrari 065, 1.6-V6-T) sowie den Piloten Räikkönen und Giovinazzi hat das sechste Jahrzehnt begonnen.

«Nie aufgeben, auch wenn das Ziel fast unerreichbar scheint»

Peter Sauber Vom Rennfahrer zum Formel-1-Unternehmer 

50 Jahre Sauber Firmengeschichte auf fünf Doppelseiten in der «Automobil Revue». Sie konnten im Zeitraffer auf ein halbes Jahrhundert spannende Schweizer Motorsportgeschichte zurückblicken. Ich hoffe, dass Ihnen unsere Reise gefallen hat. Mir hat es grossen Spass gemacht, die Etappen meiner Laufbahn Revue passieren zu lassen.

Wenn man als gelernter Elektromonteur ohne Kenntnisse im Automobilbau beginnt, Rennautos zu bauen, und davon leben möchte, so ist das vom ersten Moment an eine sehr schwierige und herausfordernde Aufgabe. Das wurde im Laufe der Zeit nicht einfacher. Wir standen immer unter Erfolgsdruck – und ab und zu war es auch ein wirtschaftlicher Existenzkampf.

Dennoch haben wir es geschafft, uns im ­Motorsport zu etablieren und auf höchster inter­nationaler Ebene Erfolge zu feiern. Ein Unterfangen, das von der Schweiz aus eigentlich gar nicht machbar ist. Heute steht in Hinwil eine hochmoderne Fabrik mit einer tollen Infrastruktur, ein Unternehmen, das über 500 Mitarbeitenden einen attraktiven Arbeitsplatz bietet.

Wie war das überhaupt möglich, was war der Schlüssel zum Erfolg? Nie aufgeben, kämpfen auf dem eingeschlagenen Weg, auch wenn das Ziel fast unerreichbar scheint. Genauso wichtig und matchentscheidend ist es, die richtigen Menschen – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – zu finden, zu motivieren und zu halten. Sie sind das wichtigste Kapital eines Teams, auch eines Formel-1-Teams. Viele von ihnen haben einen grossen Teil ihres Arbeitslebens in die Firma investiert, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Sponsoren, Partner, Freunde, sie alle haben den ehrlichen Spirit des Hauses gespürt und uns auch in schwierigen Zeiten die Stange gehalten.

50 Jahre Technik, Spitzensport und Zirkus, es war eine fantastische Zeit. Ich möchte nichts davon missen, ich würde es wieder so machen und wäre glücklich dabei. So ist es sicher verständlich, dass mir die Formel 1 ab und zu fehlt, weniger der Rennsport, am meisten die Menschen.

Auch nach meinem Austritt 2016 bleibe ich dem Team verbunden und wünsche ihm von Herzen alles Gute und viel Erfolg.

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