Auf leisen Pfoten

BESTELLBEGINN Der Verkaufsstart des ersten komplett als E-Mobil konzipierten VW soll nun tatsächlich statfinden. Noch in diesem Herbst kommen auch die normalen VW ID 3 auf unsere Strassen.

Es lief bislang nicht alles nach Plan mit dem ID 3, dem ersten von Grund auf auf die neue Antriebstechnologie ausgerichteten E-Modell von Volkswagen. Dabei wäre der Plan ja gut: Wie seit etlichen Jahren bei VW üblich, basiert auch der ID 3 auf einem modularen Baukasten, der in diesem Fall spezifisch auf den Elektroantrieb ausgerichtet ist und das Kürzel MEB für Modularen E-Antriebsbaukasten trägt. Er bringt es mit sich, dass der ID 3 in allen Varianten von den Bauteilen her praktisch identisch ist, substanziell unterscheiden sich die Wagen in der Baugrösse und im Gewicht der Batterie. Aber eben, es gab Probleme, diese und auch jene, es darf hier aber vermeldet sein, dass unser Testwagen einwandfrei funktionierte.

Aufgeräumter Arbeitsplatz mit zwei freistehenden Bildschirmen, der Wählhebel liegt direkt vor dem Multifunktionslenkrad (o.), der Kofferraum mit 385 Litern Fassungsvermögen lässt sich je nach Ausstattung stufenweise vergrössern (u.).

Wie auch die First-Edition-Modelle starten die nun bestellbaren Fahrzeuge mit einer Motorleistung von 150 kW (204 PS) und zwei Batterien mit 58 und 77 kWh Kapazität, welche 420 respektive 550 Kilometer Reichweite bieten. Später folgt der absolut baugleiche Motor auch mit elektronisch festgelegten, geringeren Leistungen (93 und 110 kW). Laut VW liesse sich in Theorie die Motorleistung auch nach dem Kauf noch per Ferndiagnose leicht variieren, beispielsweise in Form ­einer temporären Leistungssteigerung vor einem Wochenende, an dem eine ausgedehnte Pässefahrt unternommen werden soll. Allerdings bräuchte es dazu auch das Placet der Zulassungsstellen, da die Leistungsangaben Teil der Typenbescheinigung sind, doch ein dazu nötiger elektronischer Typenschein ist noch nicht erfunden.

Es gilt in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass der ID 3 mit grosser Lithium-Ionen-Batterie nur noch vier statt der sonst üblichen fünf Sitze bietet. Das hat nichts mit dem Platzangebot zu tun, vielmehr reduziert das Zusatzgewicht der grossen Batterie die Nutzlast um knapp 120 Kilogramm (von 540 auf 421 kg), weshalb die Mitfahrmöglichkeit um einen Passagier verringert werden musste. Dafür hat man einfach eine Sicherheitsgurte weniger montiert.

Spannende Technik 
Als sympathische Spielerei zwinkert einem der ID 3 bei Annährung an den Wagen mit seinen Scheinwerfern zu. Das Anlassen geschieht durch Drücken des Bremspedals, beim Verlassen des Wagens – der Wählschalter muss dazu in Position P sein – schaltet er sich auch selbständig aus. Ein Startknopf wäre also nicht mehr nötig, gleichwohl wollten es die Ingenieure nicht ganz lassen und haben an der Lenksäule trotzdem eine Start-Stopp-Taste montiert. Die restliche Bedienung fokussiert sich aufs Multifunktionslenkrad und ist touchorientiert. Zum 5.3-Zoll-Bildschirm für die Hauptanzeigen gibt es je nach Ausstattung ein Head-up-Display, das auch mit Augmented Reality arbeiten soll, wobei diese aber aktuell noch nicht zur Verfügung steht. Die meisten übrigen Funktionen werden über das zentrale Zehn-Zoll-Touchdisplay bedient.

Am handlichen Dreh-Drück-Schalter rechts vom Instrumententräger wird D oder R angewählt, und der ID 3 setzt sich beim Druck aufs Fahrpedal leise in Bewegung. Bis Tempo 30 warnt ein synthetisches Signal Fussgänger und Velofahrer vor dem sich auf leisen Sohlen nähernden Wagen. Der Fahrer bestimmt, ob der Wagen beim Heben des Pedals segelt oder regeneriert und abbremst. In Fahrzeugen mit der Option Travel Assist erkennt der Wagen anhand von Navigation und Verkehrsschildererkennung den Streckenverlauf. Lässt man die Systeme gewähren, verlangsamt der ID 3 vor Ortschaften, Kurven oder Kreiseln selbständig das Tempo und lenkt bis zu einem gewissen Grad auch selber durch die Kurven, um anschliessend wieder zu beschleunigen. Was futuristisch klingt, läuft erstaunlich natürlich ab – selten verspürten wir den Drang, die Technik manuell respektive am Pedal zu übersteuern. Der Abstandstempomat mit Stop-and-Go-Kapazität ist ebenfalls im Travel Assist enthalten.

Unspektakulär normal
Gewisse Systeme sind generell Serie, etwa der Spurhalteassistent, der Frontassistent, der Abbiegeassistent und die Ausweichunterstützung. Zahlreiche Sensoren erkennen auch potenzielle Parkrempler, der ID 3 verhindert solche mit der Rangier-Bremsfunktion. Und so gestaltet sich die Fahrt im ID 3 unspektakulär normal, mit präziser Lenkung, kräftigem Antritt der E-Maschine und gutem Komforteindruck. Der Sport von 0 auf 100 km/h wird in 7.3 Sekunden absolviert, wer jedoch die grössere und dadurch schwerere Batterie eingebaut hat, benötigt eine halbe Sekunde länger. Der niedrige Schwerpunkt durch das tief im Fahrzeugboden eingebaute Batteriepack sorgt für gute Fahrdynamik bei zugleich hohen Sicherheitsreserven. Zudem ergibt sich dank der relativ grossen Fensterflächen eine gute Verkehrsübersicht.

Allerdings liess der sehr heisse und sonnige Testtag die Tatsache, dass der ID 3 eine riesige Frontscheibe besitzt, nicht nur als positiven Punkt erscheinen. Vielmehr verlangte die starke Aufheizung nach intensivem und nicht nur angenehmem Einsatz der Klimaanlage. Mehr Reichweite schafft man so auch nicht.

Die Motor-Getriebe-Einheit ist bei allen ID 3 dieselbe, losgelöst von der Leistung, die elektronisch festgelegt wird und sich theoretisch auch nachträglich variieren liesse.

Laden an 150 000 Stationen
Dank Schnelllade-Möglichkeit ist die Reichweite auf längeren Fahrten kein Problem, zumal VW mit We Charge inklusive des Ionity-Schnellladenetzes Lademöglichkeiten an über 150 000 Stationen europaweit bietet (CH rund 6000). Während der ersten drei Jahre profitiert der ID-3-Fahrer hier von einem Vorzugstarif. Für die Wallbox zu Hause stehen drei Varianten zur Wahl: Neben der Basislösung ID Charger sind das die vernetzten Lösungen ID Charger Connect und ID Charger Pro. Beide können per App ferngesteuert werden, die Variante Pro verfügt zudem über einen Stromzähler, was individuelle Bezugsrechnungen ermöglicht.

Der reguläre Verkaufsstart wird mittels unterschiedlich vorkonfigurierter Modelle abgewickelt, was die Komplexität zum Serienanlauf verringern und zugleich die Zeit zwischen Kauf und Auslieferung verkürzen soll. Der ID 3 startet aktuell als ­Life ab 39 450 Franken, gefolgt von Style ab 42 750 und Business ab 43 150 Franken. Erst bei der Version Family (ab 45 550 Fr.) ist auch die Wärmepumpe Serie, und bei Tech (ab 47 350 Fr.) wird ein Schwergewicht auf die Assistenzsysteme gelegt inklusive Augmented Reality im Head-up-Display. Lediglich der 51 100 Franken teure Tour kommt mit grosser Batterie, wird aber auch erst Anfang 2021 ausgeliefert.

Es bleibt nun zu hoffen, dass es nicht zu weiteren Verzögerungen kommt. Und dass VW einen allfälligen Ansturm dann auch ohne ewige Lieferfristen bewältigen kann. 

Die technischen Daten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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