Viel scharf

DER STÄRKSTE Rationale Gründe für ein Kompakt-SUV mit 421 PS gibt es kaum. Die Käufer mögen es trotzdem. Wir verstehen das.

Die Frage stellt sich bereits beim blossen Betrachten des AMG GLA, dazu muss man ihn noch nicht einmal gefahren sein: Gibt es eine vernünftige Rechtfertigung für dieses Fahrzeug? Eigentlich: Nein. Mercedes selber drückt das natürlich etwas eleganter aus, kommt aber dann doch zum selben Schluss.

Am GLA an sich gibt es ja wenig auszusetzen – eine höhergelegte A-Klasse für Menschen, die höhergelegte A-Klassen mögen. Die aktuelle Generation wurde Ende 2019 präsentiert und teilt sich einen Grossteil der Komponenten mit der A-Klasse von 2018, was bedeutet, dass das Kompakt-SUV zwar nicht übermässig viel Platz bietet, dafür eine attraktive Motorenpalette und State-of-the-Art-­Fahrassistenten. Trotzdem will es nicht so recht klappen im Kampf gegen die Konkurrenz – und sowohl Audi Q3 als auch BMW X1 schneiden sich ein deutlich grösseres Stück vom Kuchen ab.

Er sollte ein Sauger sein
Aber was der GLA bei den Verkaufszahlen hinterherhinkt, macht er mit Leistung wieder wett. Die Motorisierungen unterscheiden sich, wenig überraschend, nicht von denjenigen der A-Klasse. Das bedeutet: Zweiliter-Reihenvierzylinder mit 306 PS (im GLA 35), 387 PS (im GLA 45) oder 421 PS (im GLA 45S). Ganze 21 PS mehr sind das als der Audi RSQ3. Der Vergleich mit dem X1 erübrigt sich, da BMW auch bei der aktuellen Generation auf eine M-Version verzichtet.

Alle drei AMG-Varianten sind seit Juni im Handel, nachdem der offizielle Launch am Autosalon Genf ausfiel. Bei einer Fahrpräsentation konnten wir uns einen ersten Eindruck von der Topvariante GLA 45S machen. Und Eindruck macht er. Der «stärkste Vierzylinder der Welt» (siehe AR 27/2020) bollert mächtig los und macht klar, dass es keine halben Sachen gibt, bereits aus dem Stand zieht der Turbobenziner mächtig an. Und während sich AMG vor allem mit der Literleistung von über 210 PS brüstet, darf man auch übers Drehmoment reden, das mit 500 Nm für ­einen kleinen Vierzylinder mindestens ebenso eindrücklich ist. Das reicht aus, um das Kompakt-SUV in 4.3 Sekunden auf Tempo 100 zu katapultieren.

Was auffällt: Wie reaktiv der Kleine am Gas hängt und auf spontane Gasstösse für Zwischenspurts unvermittelt reagiert. Mercedes erklärt das mit einer speziell abgestimmten Drehmomentkurve (Torque-Shaping), die man dem Motor verpasst habe. Heisst: Das turbotypische Drehmoment­plateau musste wieder einer konstant ansteigenden Kurve im Stil eines Saugermotors weichen – dafür hat man an Reaktivität gewonnen.

Wie in anderen AMG-Modellen beweist Mercedes auch im GLA einmal mehr die Fähigkeit, den Spagat zwischen Alltag und Supersport zu meistern. Die Fahrmodi lassen verschiedene programmierte Abstimmungen zu, alternativ können auch alle Parameter individuell angepasst werden. Da läuft man schnell Gefahr, sich zu verzetteln, nicht zuletzt auch wegen der verschiedenen Bedienmöglichkeiten über den Wahlschalter auf der Mittelkonsole, übers Infotainment oder über einen der beiden Multifunktionsschalter – mit LCD! – am Lenkrad.

Wenig auszusetzen gibt es am Chassis. Die Lenkung ist gewohnt direkt, die straffen Dämpfer fangen einen guten Teil der Seitenneigung ab. Die Kraft des Motors wird über ein Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe an alle vier Räder übertragen, das Torque-Vectoring über zwei Lamellenkupplungen an der Hinterachse hilft spürbar mit, den Wagen fliessend durch die Kurven zu leiten. Man könnte schon fast vergessen, dass man in einem 1.8 Tonnen schweren SUV sitzt.

Mehr Sportwagen denn SUV
Apropos sitzen: Da lässt sich wenig aussetzen am GLA 45S – sofern man auf harte Sportschalen steht. Auch das Interieur mit den beiden grossen Bildschirmen, MBUX und allem, was dazugehört, stammt grösstenteils aus der A-Klasse von AMG. Im Grossen und Ganzen ist das Interieur des AMG GLA aber sportwagentypisch eher spartanisch, was in einem kompakten SUV etwas befremdlich wirken mag.

Wenig befremdlich ist der Preis: Mit 84 400 Franken für die Basisvariante des GLA 45S steigen die Affalterbacher gewohnt selbstbewusst in den Ring. Den GLA 35 gibt es ab 69 700 Franken, den GLA 45 ab 78 900 Franken. 

Die technischen Daten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue. 

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