Wenn die Erde und die Gegner zittern

RENNWAGEN-PORTRÄT Gruppe-B-­Rallyeautos gehören – pardon! – zu den ­geilsten und brachialsten Rennwagen. So auch der Lancia Delta S4 von Bruno Iannello.

Ein Racing-Fan grinst unweigerlich, wenn der Zweiliter-Vierzylinder-Turbomotor im Heck des Lancia Delta S4 bei jedem Gasstoss lauthals und fast geqäult aufschreit. Der markige Sound ist typisch für das 720-PS-Triebwerk (700 Nm) mit Turbolader und Kompressor. Hier, in einer grossen Lagerhalle bei Nunningen SO im Schwarzbubenland, stört das an diesem ansonsten sehr ruhigen Samstagvormittag niemanden. «Manchmal fahre ich den Lancia kurz aus, damit seine Rohre wieder einmal ordentlich durchgeblasen werden. Dann sehe ich jeweils Passanten kopfschüttelnd am Strassenrand stehen», sagt Bruno Ianniello und lacht spitzbübisch.

Von der Technik des Delta S4 fasziniert: Bruno Ianniello.

Liebe auf den ersten Blick
Diesbezüglich ist der 60-jährige Unternehmer ein Bub geblieben. Sehr verliebt hat er aus der Wäsche geschaut, als er vor 28 Jahren den Lancia Delta S4 Stradale, die Strassenversion, in der italienischen Auto-Bibel «Autosprint» entdeckte. Ianniello ackerte fortan einzig dafür, um sich einen solchen Sportwagen leisten zu können: «Ich hatte mir damals bereits einen Lancia 037 zugelegt, den Vorgänger des Delta. In den Delta S4 hatte ich mich auf den ersten Blick verliebt. Ich behaupte nicht, dass er das schönste Auto ist, mich faszinierte viel mehr die Technik mit dem Mittelmotor.» So sehr, dass er später und im Besitz eines Delta S4 Stradale nach Italien zu Augusto Cesare reiste, wo er sich die Rallyeversion, eines der berühmtberüchtigten und brutalen Gruppe-B-Autos, zeigen liess. «Die Beschleunigung war brachial! Im Vergleich zu diesem Ungetüm fühlte sich mein Lancia wie ein Döschwo an.» Also legte sich Bruno Ianniello ­eines dieser legendären Gruppe-B-Rallyeautos zu und legte zwei Jahre lang Hand an – um damit bei Bergrennen starten zu können.

Die Rennsportkarriere von «Raketen-Bruno», wie Ianniello gerufen wird, begann 1993 bescheiden in einem Fiat 128 bei Wurst-und-Brot-Rennen in Lignières NE. Nach einem Besuch beim ultraschnellen Bergrennen St-Ursanne–Les Rangiers JU gab es für den gebürtigen Basler kein Halten mehr. Mit seinem Delta S4 fahre er alles und jeden in Grund und Boden, habe er sich gedacht – und landete erst einmal im Graben. «Ich lernte dieses Auto erst fahren und beherrschen, als ich in Italien Slaloms und kleine Rundstreckenrennen auf Industriegeländen gefahren bin.» In den Folgejahren räumten Iannello und sein Lancia bei Bergrennen in der Schweiz, aber auch im Ausland, Titel und Rekorde ab. Zwischen 2003 und 2006 gewann das Duo dreimal den Schweizer Bergpokal, 2008 und 2009 folgten die Titel in der Schweizer Tourenwagenmeisterschaft. «Das waren unsere besten Jahre. Wir rangierten bei den allermeisten Bergrennen in den Top Ten des Gesamtklassements – zusammen mit Sportwagen», erinnert sich Ianniello. Noch heute, sagt er, «ist mein Delta aus dem Stand eines der schnellsten Fahrzeuge am Berg – und das ohne Traktionskontrolle, sequenzielle Schaltung und dergleichen.» Das Auto hat seine Fans, auch Rallye­legende Walter Röhrl hat sich mit einer Unterschrift im Cockpit des Delta S verewigt.

Originalteile fast ohne Ende
Noch bessere Resultate wären durchaus möglich gewesen, sagt Raketen-Bruno: «Aber mit fehlte schlicht das Geld, beispielsweise für bessere Pneus oder Leute, die mein Auto besser hätten abgestimmen können.» Überhaupt habe er seinen Lancia Delta S4 Gruppe B seit den 1990er-Jahren kaum verändert: «An diesem Auto sind alle Bauteile noch original. Einzig das Fahrwerk habe ich auch aus Sicherheitsgründen gegen ein moderneres von KW ausgetauscht.» Ersatzteile für seinen Rennwagen, den er schon bei Oldtimerevents fahren könnte, hat er noch genug auf Lager. «Ich hatte Glück. Ein Kollege hatte so viele Teile vorrätig, dass ich damit zwei Sattelschlepper füllte.» Vier Lancia Delta S4 hat Iannello mit den Jahren aufgebaut, dazu einer, den er für einen Kunden wartet.

Wenn die Vernunft überhand nimmt
Dreimal flog Ianniello in all den Jahren mit dem Delta S ab. «Nach einem solchen Unfall kam schon die Frage auf, ob ich weiterleben oder weiterfahren will», gibt er zu. «Aber so lange mein Herz schlägt, will ich Rennen fahren. Mehr zum Spass, denn Ambitionen habe ich keine mehr. Ja, ich fahre langsamer als früher, weil ich älter und damit vernünftiger geworden bin.» Allerdings: Am Steuer eines Alfa Romeo Giulia GTAm könnten die Rösser nochmals mit ihm durchgehen, vermutet Ianniello und schmunzelt.

Einen Trumpf haben er und sein Lancia Delta S4 jedoch noch im Ärmel: Neue Michelin-Pneus, die vermutlich zum Gruppe-B-Ungetüm passen, wollte Ianniello dieses Jahr ausprobieren – wegen der Coronapandemie müssen sich die beiden gedulden. Dann blasen sie eben die Rohre durch. 

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