Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser

KAUFCHECK Der Blick des Profis erkennt bei einer Occa­sion auch versteckte Fehler. Laien können sich so viel Geld und Ärger ersparen.

Vorne links klappert es auf dem Stossdämpferprüfstand. Eine gebrochene Feder drängt sich als Diagnose auf. «So etwas haben wir sehr oft», sagt Vassillios Zarampoukas. Erstaunlich eigentlich. Eine gebrochene Feder indes wird es im Fall des Citroën C4, Jahrgang 2014 mit 120 000 Kilometern nicht sein. Zarampoukas ist Experte am Technischen Zentrum des TCS in Volketswil ZH und macht am C4 den Occasions-Check. Insgesamt betreibt der TCS 22 solcher Zentren im Land. Vassi, wie ihn seine Kollegen zwecks Schonung ihrer Zunge rufen, leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe die Bremsscheiben an: «Da ist etwas Rost, das liegt aber noch im grünen Bereich.» Flugrost ist kein Problem. Bei Rost dagegen, der sich ins Metall gefressen hat, ruckelt das Lenkrad beim Bremsen, und die Bremsleistung nimmt massiv ab.

Bei den heutigen Autos, die zunehmend digitaler und elektrischer unterwegs sind (nicht nur punkto Antrieb), gibt es immer mehr potenzielle Mängel, die nicht sofort erkennbar sind. Erst recht nicht, wenn der Käufer nicht vom Fach ist. Kein Amateur entdeckt wie hier Profi Zarampoukas den von einem Marder minimst angefressenen Schlauch des Ladeluftkühlers oder stellt fest, dass die Schrauben der Motorhaubenbefestigung irgendwann schon einmal von irgendwem – aus welchem Grund auch immer – gelöst worden sind. Zudem deckt das trainierte Auge bei unserem C4 einen gut versteckten Riss im Kotflügel und ein loses Schutzblech beim Achsschenkelbolzen auf. Letzteres war der Grund für das Klappern auf dem Prüfstand. Alles keine weltbewegenden Mängel, aber durchaus solche, die der Nicht-Fachmann genauso übersieht wie solche, die richtig ins Geld gingen. Ein Keilriemen am Ende seiner Laufbahn zum Beispiel, eine angeschlagene Bremse oder ein Ölverlust zwischen Motor und Getriebe. «Früher war häufig Rost das grosse Thema, heute sind es viel mehr undichte Stellen», sagt Zarampoukas. Ein Verbrennungsmotor ist ja alles andere als trocken, er verfügt über sehr viele Flüssigkeiten.

Vassillios Zarampoukas nimmt sich den C4 vor. Viele Kunden kaufen eine Occasion erst nach einem gründlichen Check.

Geräusch ist nicht gleich Geräusch
Vor allem dann, wenn es darum geht, eine Occa­sion zu kaufen oder das Auto für die lange Fahrt in die Ferien zu checken, komme die Kundschaft, sagt Zarampoukas. Oder kurz vor Ablauf der Garantiefrist: «Unsere Unabhängigkeit und die Tatsache, dass wir auch MFK-Prüfungen durchführen und genau wissen, was geht und was nicht, ist ein grosser Vorteil.» Der Grieche hat aber auch festgestellt, dass das Vertrauen der im Autohandel geschäftenden Parteien im Vergleich zu früher kleiner geworden ist. Kunststück, schliesslich leben wir in einer skandalgierigen Medienwelt, die vom Alltag reichlich gefüttert wird.

Bevor sich Vassillios Zarampoukas und seine Kollegen an die Arbeit machen, steht vor jeder Begutachtung des Fahrzeuges ein Gespräch an: «Wir wollen wissen, was der Kunde genau will und ob es besondere Verdachtsmoment punkto Mängel gibt. Viele Geräusche, die Kunden als merkwürdig empfinden, sind ganz normal und keine Mangelerscheinung.» Und dann gebe es auch noch die, erzählt Zarampoukas, die kämen und erzählten, ihr Auto mache bei Tempo 190 komische Töne. «Da müssen wir dann schon etwas relativieren», sagt der Experte diplomatisch.

Ist alles geklärt, geht es zu Beginn eines jeden Tests auf die Testrunde. 30 Minuten auf Autobahn und Landstrasse sind ideal. Dabei werden unter anderem Assistenzsysteme, Klimaanlage, Windgeräusche, Bremsverhalten, Geräuschentwicklung, Geradeauslauf geprüft. Ein erfahrener Prüfer ist bei so einer Fahrt voll auf Empfang. Jede Abweichung von der Norm lässt in ihm eine Kontrolllampe dunkelrot aufleuchten. Männer wie Zarampoukas sind lebende Prüfgeräte. «Was wir hier machen, ist in erster Linie eine Sichtkontrolle», sagt Zarampoukas. Die Ohren und die tastenden Finger sind natürlich auch im Spiel. Selbstverständlich werden auch Abdeckungen entfernt und geprüft, was sich dahinter verbirgt. Allein, die grosse Zerlegung gehört nicht zum Programm.

Zurück im Prüfstand gibt es zuerst eine Abgasmessung am Endrohr, auch wenn die nicht mehr immer Vorschrift ist. Allein, man weiss ja aus der jüngeren Automobilgeschichte, dass gewissen Herstellern versehentlich zu ihrem Vorteil gereichende Böcke unterlaufen. Freilich kämen krasse Fälle sehr selten vor. Wenn getürkt werde, gehe es in der Regel um Vorspiegelung kleinerer, frisierter Tatsachen: «Wichtig ist, dass wir Kunden auf allenfalls bevorstehende, gröbere und teure Reparaturen oder Serviceleistungen hinweisen können.» Solche, die in einem Verkaufsgespräch nicht unbedingt angesprochen werden, wenn nicht explizit danach gefragt wird. Bestehen etwa Zweifel am Kilometerstand auf dem Tacho, könnte auch eine stark abgenutzt Pedalerie oder ein völlig abgegriffenes Lenkrad ein Indiz sein, die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen.Wird hier getrickst, sind nicht selten auch die Papiere nicht komplett. Die Reifen sagen ebenfalls viel über den Zustand des Autos aus. Bei ungleichmässig abgefahrenen Pneus könnte etwas an den Radlagern, der Aufhängung oder den Stossdämpfern nicht in Ordnung sein. Und wenn es im Innenraum modrig nach historischem Schimmelpilz mieft, könnte das auf Karosserie-Undichtigkeiten und Feuchtigkeit hinweisen.

Rund 100 Punkte stehen auf der Checkliste des TCS. Geprüft werden Fahrgestell, Aufbau, Räder, Aufhängung, Lenkung, Motor, Kraftübertragung, Bremsen, Ausrüstung, elektrische Anlage und Beleuchtung. Nebst der eigenen Erfahrung stehen unter anderen ein Stossdämpfer- und Bremsprüfstand, Radstellungstester, Manometer, Refraktometer, Batterietester oder Scheinwerfereinstellungslicht zur Verfügung. Sofern (noch) möglich, werden auch die Fehlercodes der Steuergeräte ausgelesen, die etwa über gestörte Spannungsversorgung oder defekte Sensoren Auskunft geben.

Serviceheft bleibt das A und O
Was die Autos angeht, die zum Check gebracht werden, seien es in der Regel nicht die allergünstigsten, sagt der TCS-Experte. «Aber absolut aus allen Segmenten.» Immer öfter dabei sind auch solche mit zumindest teilelektrifiziertem Antrieb: «Alles, was mit der Batterie zu tun hat, können und dürfen wir nicht berühren», so Zarampoukas. Das wird sich wohl ändern, wenn noch viel mehr E-Autos unterwegs sind. Und ein E-Motor hat ohnehin ungleich viel weniger Verschleissteile als ein Verbrenner. Alles aber, was ein Verbrenner und ein Hybrid oder Vollstromer gemein haben, und das ist ja noch einiges, wird natürlich gecheckt.

Am Ende des Tages gibt es für den Kunden ­einen Testbericht. Auf dem können dann Bemerkungen stehen wie: «Scheibenbremse vorne Bremsscheiben Mindestdicke (gem. Hersteller) an Verschleissgrenze. Austausch empfohlen», «Beleuchtung Nebellampen links und rechts Reflektor verrostet» oder «Stossstange vorn rechts unten angerissen». Dazu jeweils der Vermerk, ob der Makel MFK-relevant ist oder nicht. «Viele Kunden wollen von uns auch einen Rat, was wir an ihrer Stelle tun würden», sagt Zarampoukas. Also dann – was würden Sie denn im Fall des C4 tun? «Das Auto ist gut, den können Sie kaufen.» Prima!

Und dann sagt der Schadendetektiv zum Schluss noch das: «Immer noch das Wichtigste ist ein lückenloses Serviceheft.» Das auch ganz analog mit Kugelschreiber ausgefüllt. Sofern das Auto immer in der gleichen Fachwerkstatt service­gepflegt wurde, ist es ein Toptipp, wenn man sich da nach dem Zustand des Autos erkundigt. 

50 Checkpunkte, die Ihnen viel Ärger ersparen können

Treffen viele der untenstehenden Punkte zu, ist beim Kauf einer Occasion Vorsicht geboten. Da lohnt sich ein Check durch Experten noch mehr als das ohnehin der Fall ist.

Verkäufer

  • Der Verkäufer setzt Sie unter Druck
  • Der Verkäufer beantwortet Fragen mit banalen, ausweichenden Floskeln
  • Der Verkäufer gibt zum Beispiel unpräzise Antworten auf Fragen nach Vorschäden
  • Der Verkäufer ist nicht bereit, Zusicherungen wie unfallfrei, nur ein Vorbesitzer oder Top­zustand schriftlich zu bestätigen

Räder

  • Reifen sind (ungleichmässig) abgefahren
  • Die Reifen sind nicht von der gleichen Marke und älter als vier Jahre
  • Die Reifengrösse stimmt mit der angegebenen Grösse in den Papieren nicht überein. Ist ein betriebsbereites Ersatzrad vorhanden?
  • Beschädigung der Felgen (zum Beispiel durch Trottoirrand)
  • Bremsscheiben mit Rillen oder übermässig Rost

Karosserie

  • Spaltmasse von Türen und Haube sind ungleichmässig
  • Steinschläge, Risse, Sprünge an Scheiben und Leuchten, innen beschlagene Lampen
  • Auffällige Lackschäden
  • Lackspuren an Gummi und Kunststoffteilen
  • Die Einstellung der Scheinwerfer ist ungleich
  • Roststellen sind erkennbar
  • Gummirahmen sind spröde, rissig und undicht
  • Lackabsplitterungen oder Kratzer an ­Verschraubungen

Unter dem Auto

  • Ist alles in Ordnung mit den Stossdämpfern?
  • Nachträglich angebrachter Unterbodenschutz (an Türschweller, Kotflügelkanten)
  • Gibt es undichte Stellen?
  • Grundsätzlich starke Verschmutzung?
  • Tönt der Auspuff sauber, ist er gut montiert?
  • Gibt es Rost oder Schweissstellen?

Motorraum

  • Öl/Bremsflüssigkeit/Kühlwasserstand nicht o. k.
  • Merkwürdige Geräusche bei laufendem Motor
  • Schläuche und Kabel undicht oder mit feinen Rissen
  • Die Batterie hat Rost an den Polen
  • und ist älter als drei Jahre

Im Auto

  • Muffiger Geruch im Innenraum, feuchte ­Bodenbeläge.
  • Sicherheitsgurte rollen nicht sauber ein oder sind ausgefranst oder eingerissen
  • Fernbedienung, elektrische Fensterheber, ­Sitzverstellung funktioniert nicht wirklich
  • Kontrollleuchten verschwinden nach Starten des Motors nicht

Was bei einer Probefahrt nicht sein darf

  • Getriebe lässt sich nicht leicht und lautlos schalten
  • Klimaanlage, Heizung, Radio, Assistenzsysteme funktionieren nicht richtig
  • Anormale Geräusche von Motor, Getriebe und Auspuff (nicht immer einfach zu erkennen, was normal und anormal ist)
  • Motor zieht nicht in allen Gängen
  • Knackgeräusche bei vollem Lenkeinschlag in langsamer Fahrt
  • Motor springt nicht sofort an, läuft unrund, reagiert nicht spontan aufs Gaspedal
  • Motor lässt sich nicht mehrmals hinterheinander problemlos starten
  • Die Kupplung greift nicht, rupft oder schleift
  • Fahrzeug oder Lenkrad vibriert (meist erst
  • ab zirka 80 km/h feststellbar)
  • Fahrzeug läuft auf ebener Strasse nicht exakt geradeaus, das Lenkrad steht nicht mittig
  • Beim Bremsvorgang bleibt das Auto nicht in der Spur. Funktioniert das ABS (Vollbremsung)?
  • Bremswirkung tritt erst ein, wenn das Brems­pedal mehr als hälftig durchgetreten ist
  • Druckpunkt des Bremspedals verändert sich
  • Handbremse funktioniert nicht richtig

Fragen zu Fahrzeugpapieren

  • Wurden die Servicearbeiten ordnungsgemäss bei einem qualifizierten Betrieb durchgeführt? Eventuell Referenz zum Fahrzeug einholen
  • Fehlende Papiere deuten auf eine mangelnde Wartung oder Verschleierung der effektiven Kilometerzahl hin
  • Wann war die letzte MFK?
  • Stimmen Typennummer von Fahrzeug und Fahrzeugausweis überein?
  • Ist eine Betriebsanleitung vorhanden?

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