Drei Streifen für ein Halleluja

UPDATE Hochgelobt bei der Markteinführung hat der Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio mit einer immer stärkeren Konkurrenz zu kämpfen. Kann die aktua­lisierte Version 2020 ihre Position verteidigen?

Man braucht nicht immer wieder die Diskussion über die sportlichen SUV neu zu entfachen. Deshalb hier kurz und kompakt: Das Konzept ist und bleibt absurd, denn die technischen Daten – Grösse, Gewicht, hoher Schwerpunkt – stehen im Gegensatz zu den Voraussetzungen eines Sportwagens. Aber der Markt fragt solche muskelprotzenden Dickschiffe nach, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Hersteller immer mehr Versionen anbieten.

Mit der Zeit haben diese amphetamin­gestärkten Dickhäuter bewiesen, dass sie trotz überflüssiger Pfunde flott durch die Kurven eilen können. Bei einigen lässt der Spassfaktor sogar die ausufernde Karosse des Fahrzeugs vergessen. Das trifft auch für den Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio zu, der uns vor zwei Jahren anlässlich seines ersten Tests (s. AR 41/2018) überzeugt hatte.

Kleine Unterschiede im Auftritt
Uns gefiel schon im ersten Test seine für dieses Segment sehr agile und ansprechende Fahrdynamik ebenso wie die souveräne Leistungsentfaltung des V6-Biturbo mit 510 PS. Alles war allerdings nicht perfekt, einige Schwächen trübten die Bilanz des sportlichen Italieners. Wir bemängelten vor allem Detailaspekte wie die spärliche Ausstattung oder die Qualität einiger Materialien. Alfa Romeo bemüht sich, diese Schwächen mit dem Jahrgang 2020 auszubügeln. Ein neuer Jahrgang ist es – kein Facelift. Der Unterschied ist wichtig, denn die Designer des Centro Stile haben an der ursprünglichen Gestalt von 2016 praktisch nichts geändert. Ins Auge fallen die verdunkelten Heckleuchten und die Akrapovic-Auspuffanlage – mit 6000 Franken Aufpreis übrigens eine teure Option.

An der Robe des Italieners gab es keinen Verbesserungsbedarf, ganz im Gegensatz zum Interieur. Die gute Sitzposition und der Seitenhalt der Halbschalensitze waren über alle Kritik erhaben, aber einige billige Materialien, fehlende Ausstattungselemente und das Infotainment ohne Touchscreen standen in der Kritik. Alfa Romeo hat nachgebessert, und so kommt das Modelljahr 2020 jetzt mit einem Infotainment mit 8.8-Zoll-Touchschreen, wobei der vorherige Drehschalter auf dem Mitteltunnel beibehalten wurde. An ebendiesem Tunnel wurden die billigen Kunststoffe um den Wählhebel der Achtgang-Automatik durch höherwertige Materialien ersetzt und sind jetzt aus ansprechendem Kunstleder anstelle des bisherigen Vinyls. Man erkennt das 2020er-Modell des Stelvio Quadrofoglio an den drei Streifen der italienischen Landesflagge auf dem Mitteltunnel und dem ins Lenkrad eingelassenen Quadrifoglio.

Zusätzliche Assistenzsysteme
Das aktualisierte Cockpit ist jetzt vergleichbar mit den deutschen Referenzen des Segments, ohne jedoch an sie heranzureichen. Dies gilt ebenfalls für die gebotene Technologie, denn die zusätzliche Ausstattung des Jahrgangs 2020 – aktiver Spurhalteassistent, Verkehrsschilderkennung – erreicht nicht ganz das Niveau der besten Mitbewerber. Es fehlen noch Highlights wie ein Head-up-Display, belüftete Sitze, Night-Vision oder der 360-Grad-Rundumblick. Auch hier enttäuscht die Bildqualität der Rückfahrkamera. Man muss wohl auf ein echtes Facelift warten, bis der Stelvio endlich eine vergleichbare Ausstattung bietet wie seine Konkurrenz, aber unser Testwagen schneidet trotzdem nicht schlecht ab. Die Vorteile der Quadri­foglio-Version sind nämlich ganz anderer Natur.

Die Materialien im Innenraum wurden verbessert, insbesondere am Mitteltunnel. Die kleine italienische Flagge ­unterscheidet die 2020er-Version von ihren Vorgängern, ebenso wie das vierblättrige Kleeblatt am Lenkrad. Äusserlich ist die neue Version am optionalen Akrapovic-Auspuff und den geschwärzten Rückleuchten zu erkennen.

Dynamischer Überflieger
Das Kriterium, in dem der übermütige Stelvio alle Stimmen auf sich vereint, ist seine Fahr­dynamik. «Da kann er nicht besser sein als der Porsche Macan. Unmöglich!», lautete die  skeptische Bemerkung eines AR-Testfahrers, bevor er am Lenkrad des Stelvio Platz nahm. Sein Vorurteil revidierte er schnell: «Er ist unglaublich viel besser als das SUV von Porsche!», war sein einsichtiges Fazit nach der Testfahrt. Eine subjektive Meinung zwar – die aber vom gesamten Testteam geteilt wird, denn der Stelvio Quadrifoglio lässt einen perplex zurück: Ist man wirklich an Bord eines SUV? Die Agilität des Dickhäuters ist verblüffend, denn es ist schwer zu glauben, dass man sich auf dem Hochsitz eines 1960 Kilogramm wiegenden Fahrzeugs befindet. Die Ausgewogenheit des Stelvio Quadrifoglio, der mit einem Hüftschwung vom Untersteuern zum Übersteuern übergeht, ist ganz einfach erlesen. Sie ist das Verdienst eines subtil ausgelegten Allradantriebs, bei dem der grundsätzliche Heckantrieb das nötige Drehmoment in Driftsituationen an die Vorderachse weiterleitet. Diese natürlichen Reaktionen – vor allem im Race-Programm mit ausgeschalteten Fahrhilfen – sind bestens parametriert, denn der Stelvio zeigt sich sowohl vorbeugend als auch verspielt. Einige Tester fanden die Fahrwerksabstimmung etwas zu hart, aber alle jagten das SUV des Biscione mit seiner ebenso präzisen wie direkten Lenkung voller Begeisterung immer wieder durch den Kurvenscheitelpunkt.

Wildheit gepaart mit grossem Durst
Dieser dynamische Fahrspass wird natürlich von dem potenten 2.9-Liter-Biturbo gefördert. Nach einer kurzen Anlaufzeit für den Druckaufbau in beiden Turbinen explodiert der italienische V6 förmlich in einer hinreissenden Geräuschkulisse bis zum Drehzahlbegrenzer. Es ist keine gleichmässige Leistungsentfaltung, sondern ein jähzorniger Vorwärtsdrang, bis die 510 PS bei 6500 U/min vom Drehzahlbegrenzer eingebremst werden. Dabei leistet der Achtgang-Automat eine ruckfreie Unterstützung. In Zahlen ausgedrückt: Der Stelvio Quadrifoglio absolviert den Sprint von 0 auf 100 km/h in nur 4.4 Sekunden, etwas mehr als die angekündigten 3.8 Sekunden.

Nutzt man die verfügbare Leistung ohne Mässigung, dann verbraucht das trinkfreudige SUV im Schnitt 15.3 l/100 km sowie 10.7 l/100 km auf unserer Normrunde. Das ist deutlich mehr als während unseres Tests im Jahr 2018, was sich mit der Anpassung
der Normrunde an WLTP erklärt. Was jedoch unerklärbar ist, ist die Preisgestaltung: Vor
zwei Jahren betrug der Grundpreis des Stelvio Quadrifoglio 104 500 Franken, jetzt sind es 110 000 Franken. Der Testwagen mit Optionen kommt sogar auf 129 500 Franken zu stehen (2018: 113 150 Fr.). Damit ist er aber immer noch wesentlich günstiger als ein vergleichbar ausgestatteter Porsche Macan. Da fällt die Entscheidung nicht schwer. 

FAZIT
Der aktualisierte Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio verkürzt den Abstand in den Bereichen Ausstattung und Verarbeitung im Vergleich zu den (deutschen) Platzhirschen in diesem Segment, liegt aber immer noch knapp hinter ihnen. Er bleibt allerdings das Paradebeispiel, was den Fahrspass angeht: Das einmalige Zusammenspiel von Virtuosität und Wildheit sucht seinesgleichen. Der Biturbo-V6 hat richtig Biss auf der Strasse. Dabei entwickelt er jedoch einen Appetit, den es mit einem gut gefüllten Portemonnaie zu füttern gilt. Dazu kommt eine Preisgestaltung, die innerhalb von zwei Jahren ohne Grund in die Höhe geschossen ist. Diese Vorbehalte schmälern jedoch kaum die Gesamtbilanz des Stelvio Quadrifoglio, der vielleicht das beste sportliche SUV auf dem Markt ist.

Die technischen Daten und die AR-Testdaten zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Automobil Revue.

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